21. Juni 2021
Apolda

Jüdische Musik in Apoldaer Kirche

Stadt- und Dorfkirchenmusiken im Weimarer Land - Konzert in Apolda-Oberndorf, St. Anna

Esther Lorenz und Peter Kuhz gestern in Oberndorf.

In ganz Deutschland erinnern jüdische Gemeinden und christliche Kirchen mit einem Themenjahr an die Festlegung Kaiser Konstantin des Große aus dem Jahr 321, die Juden in Köln erlaubte, öffentliche Ämter in der Stadtverwaltung zu bekleiden.

Esther Lorenz und Peter Kuhz freuen sich ganz besonders, in Oberndorf mit ihrem Konzert Teil dieses Themenjahres zu sein. Unter dem Titel „Donna Donna“ wurde am gestrigen Sonntag ein israelisches und spanisch-jüdisches Konzertprogramm präsentiert.

Esther Lorenz führte sachkundig und humorvoll durch den Abend. Sie sprach über die Sephardim (Juden der iberischen Halbinsel), die Aschkenasim (mittel-, nord- und osteuropäische Juden) und die Chassiden (Teil des orthodoxen Judentums).

Die Zuhörer lernten Lieder und Geschichten kennen, die ihre Kenntnisse des Judentums bereicherten. Mit Musik lässt sich wunderbar reisen – geografisch und zeitlich. So nahmen die Künstler ihr Publikum mit nach Cordoba und Toledo, in die Ukraine und nach Jerusalem, nach Thessaloniki und auf die iberische Halbinsel. Sogar über den großen Teil wird geflogen. Dass dabei die Gitarre immer wieder nachgestimmt werden muss, erklärt Peter Kuhz sehr humorvoll. Reisen ist anstrengend – gerade für ein so sensibles Instrument. Bei Esther Lorenz und Peter Kuhz wird deutlich, dass ihre Musik eine Lebenskultur widerspiegelt, dass die Musik vom Leben erzählt und uns deshalb so nah ist.

Der Poet Abraham Reisen wird der Heinrich Heine der jiddischen Sprache genannt. Esther Lorenz erklärt, dass man „Jiddisch“ eine alte mittelhochdeutsche Sprache mit hebräischen Schriftzeichen nennen kann. Mit „Vek nisht“ von Chava Alberstein macht sie dies eindringlich deutlich. Jiddisch ist gut zu verstehen. Danach malen die Künstler mit dem Titel „Bashana haba’a“ vor den Ohren der Zuhörer das Bild von Ferientagen in Israel mit spielenden Kindern und Kranichen. Sein: „Du wirst sehen – alles wird gut – im nächsten Jahr“ scheint ein programmatischer Ansatz zu sein, der als vollkommen zeitlos gilt. Für uns in coronabedingten Zeiten ganz besonders.

Ein bedeutendes Lied ist das Hohelied Salomos. „Schir Hashirim“ gilt als das Lied der Lieder. Seine Quelle ist der Jerusalemer Talmud. Georges Moustaki, selbst sephardischer Jude, hat einen dieser Texte vertont. Sein Chanson „Hinach yaffa“ wird in einer musikalischen Bearbeitung der beiden Künstler Teil des Hörerlebnisses am Sonntag.

Melancholisch und leise sind die Titel, die den Abend bestimmen, auch wenn Peter Kuhz mit einem chassidischen Tanzlied und einer eigenen Bearbeitung tänzerische Momente aufkeimen lässt. Die Entwurzelung der ihr Heimatland verlassen müssende Menschen ist groß. Rose Ausländer macht dies immer wieder in ihren Texten deutlich. Deshalb hat auch eines ihrer Gedichte Platz in Oberndorf. „Adio Querida“ – der Abschied von der Geliebten – wurde zum Inbegriff der musikalischen Überlieferungen der Sepharden. „Ihre Musik bleibt uns für immer ein Rätsel“, schreibt Ruth Katz. Diese fast vergessene Kultur klingt dennoch heute mit ihren maurischen Klängen im spanischen Flamenco nach und ist damit unsterblich geworden.

Im Refrain des Titelliedes „Donna Donna“ von Sheldon Secunda, das sich metaphorisch mit dem Warschauer Ghetto beschäftigt, springt der Funkte endgültig auf das Publikum über und hinter den Masken wird leise mitgesungen. Trauer und Lebensbejahung liegen ganz dicht beieinander.

Im abschließenden A-capella-Duett bedankten sich beide Künstler sehr leise und lyrisch bei ihrem Publikum und entlassen es in den abkühlenden Regen verheißenden Abend. Mit strahlenden Augen und im Herzen bewegt gingen die Besucher nach Hause. 

Von Viola-Bianka Kießling

 

 

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