9. November 2020
Arnstadt

Besuch vom Vater des Modellhubschraubers

Für Vereinsmitglieder des MFC Geschwenda e.V. wurde Geschichte erlebbar

Vor 50 Jahren gelang dem Ingenieur Dieter Schlüter der technische Durchbruch bei der Entwicklung und Steuerung von Modellhubschraubern. Seit dem sind die ferngesteuerten Helis flugfähig. Jetzt besuchte der Vater des Modellhubschraubers den MFC Geschwenda. Auf dem Foto ist er mit seinem Baby - der legendären Bell Huey Cobra - zu sehen. Foto: Andreas Abendroth

Von Andreas Abendroth

Einen ganz besonderen Gast konnten – kurz vor dem Teil-Lockdown – die Thüringer Modellflieger in Geschwenda (Ilm-Kreis) begrüßen. Auf einem Kurzbesuch kam der Vater der Modellhubschrauber, Dieter Schlüter, bei dem Verein im Geratal vorbei. Funkferngesteuerte Modellhubschrauber fliegen zu lassen, zählt zu der anspruchsvollsten Möglichkeit im Bereich der Modellfliegerei. Es braucht ein Maximum an Reaktionsgeschwindigkeit, Präzision, Koordination und Kontrolle, um so einen Hubschrauber unfallfrei durch die Lüfte zu chauffieren. Zum  Erfolg  gelangt  man  nur  durch  viel Fleiß  und stetige Übung mit dem Luftfahrtgerät.

„Wir waren schon erstaunt als die Anfrage aus Mühlheim am Main kam, ob er bei uns Station machen kann“, so der Vereinsvorstand. Man freute sich, denn es bot die Möglichkeit, dass man eine Modellbaulegende – die Koryphäe im Bereich Modellhelikopter – einmal live kennenlernen durfte. Der Senior, Baujahr 1931, rollte mit seinem Wohnmobil auf das Vereinsgelände. Von März bis Oktober ist er damit europaweit unterwegs, gibt bei Veranstaltungen sein Wissen weiter.

Auf Grund der bestehenden Auflagen wurde es ein Aufeinandertreffen im kleinen Rahmen. Besonders die Helipiloten des Vereins freuten sich auf einen Erfahrungsaustausch an der frischen Luft. Das Besondere, ein von Dieter Schlüter entwickelter Originalhubschrauber vom Typ Bell Huey Cobra (Baujahr 1972) wurde von einem Modellpiloten mitgebracht. Das zauberte dem Senior wirklich ein Lächeln ins Gesicht.

Weitergabe von Wissen von Generation zu Generation

Gespannt lauscht man den Ausführungen des Ingenieurs. Bis 1968 galten das Fliegen und die Kontrolle dieses technisch überaus anspruchsvollen Fluggerätes eigentlich als schier unmöglich. „Es gab Ende der 60er Jahre viele Tüftler und raffinierte Heli-Konstruktionen. Alle gingen von der Großhelikopertechnik aus. Auch ich experimentierte im Vorfeld. Mit Dreiblatt-Rotoren, Kollektiv-Pitch und Rotorblattgewichten. Und alles hing an einer Angelrute. Es gab Crashs und Trümmer und viele Erkenntnisse, dass es so nicht funktioniert“, berichtet Schlüter.

Zum Schluss war es die Vereinfachung der Technik, die Schlüter den Erfolg brachte. „Es waren sehr, sehr viele Versuche der Abstimmung nötig, die Hauptrotorblätter, den Hauptrotordurchmesser und den Heckrotor aufeinander abzustimmen. Wenn man die Drehzahl erhöhte – also mehr Gas gab – die Drehzahl im Heckrotor so zu erhöhen, dass so der Hubschrauber mehr oder weniger gerade in einer Richtung gehalten werden konnte. Um den Hauptrotor zu steuern, waren die Fliehkräfte viel zu groß. Der entscheidende Gedanke war dann, nicht den Hauptrotor zu steuern, sondern die Stabilisierungsstange. Also, wie einen kleinen Hilfsrotor. Die Fliehkräfte waren so aufgehoben, wirkten nicht mehr auf die Hauptmechanik. So konnte man dann vorwärts, rückwärts und seitwärts fliegen. Die starke Vereinfachung brachte also den Erfolg. Damit hatte ich die Möglichkeit der Steuerung erfunden.“

Vor 50 Jahren, im Juni 1970 flog Dieter Schlüter mit dem von ihm entwickelten weltweit ersten Baukastenmodell international anerkannte Weltrekorde über eine Strecke von 11,5 km und 28 Minuten ununterbrochener Flugdauer auf einem Rundkurs von 500 Metern. „Das Interesse war riesig. So wurde aus meinem Hobby eine Berufung und eine eigene Modellbaufirma.“

Schlüterscher Familienbezug zum thüringischen Oberhof

Und dann brachte der Besuch noch eine Überraschung. Zum Schluss interessierten sich Dieter Schlüter und seine Frau noch für den Ort Oberhof.  Nein nicht als Ort des Sportes. Frau Schlüter erblickte dort 1944 das Licht der Welt. Während des 2. Weltkrieges war Oberhof eine Lazarettstadt. In den Hotels wurden verwundeten Soldaten untergebracht. Pensionen dienten als Herberge für Kinder, welche durch die Kinderlandverschickung aus den zerbombten Städten kamen. Und im Haus „Martha“ befand sich die Ausweich-Entbindungsstation des Erfurter Klinikums.

Der Besuch von Dieter Schlüter beim MFC Geschwenda war eine ganz besondere Begegnung und eine Bereicherung des Vereinslebens. Es war aber auch die Weitergabe von Wissen von Generation zu Generation.

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