20. April 2018
Arnstadt

Der „Weisse Ring“ sucht helfende Hände für das Opfer einer Straftat

Menschen

Helfer in der Not – das Team des „Weissen Rings“ für den Ilm-Kreis. Von links Anette Wolf

Helfer in der Not – das Team des „Weissen Rings“ für den Ilm-Kreis. Von links Anette Wolf

Ein Mann wird in ­Arnstadt ­derart brutal ­zusammengeschlagen, dass er wohl nicht mehr arbeiten kann. Auch sein Haus kann er aus eigener Kraft  nicht ­sanieren. Der „Weisse Ring“ sucht nun Handwerker, die ­helfen wollen.

Holger K., ein deutschlandweit geschätzter Restaurator und Stuckateur, ist mit seiner Frau zum Einkauf in Arnstadt ­unterwegs. Während sie in der ­Drogerie unweit des Busbahnhofes letzte Besorgungen erledigt, nutzt der ­48-Jährige die Zeit für einen Besuch auf der Bank. Das Paar besitzt ein sanierungs­bedürftiges Haus und will später noch Baumaterial einkaufen. Als K. zurückkehrt, strebt seine Frau mit ­schweren Einkaufs­taschen ebenfalls dem Familien­gefährt zu. Er öffnet ihr von der anderen Straßenseite ­mittels ­Fernbedienung die Türen. In diesem Moment rast ein Oberklassefahrzeug die Straße entlang und fährt dem Mann fast über die Füße. Aus dem Affekt wirft er seinen Schlüssel­bund und trifft das Auto, das mit quietschenden Reifen hält. Vater und Sohn steigen aus und nehmen sich den Handwerker vor. Danach braucht er medizinische Versorgung.


Schicksale, die an die Nieren gehen



Der Fall Holger K. ist einer von jenen, die Viola Worsch an die Nieren gehen. Seit 2011 vertritt sie den „Weissen Ring“ im Ilm-Kreis, baute einen Stamm von sechs ehrenamtlichen Mitarbeitern auf. Viel Elend hat das Team in den sieben Jahren erlebt. „Es ist unglaublich, wie lange manche Menschen ­Martyrien über sich ergehen lassen. Viele wissen nicht, dass es für sie einen Ausweg gibt.“ Pierre Schmidt ist der einzige Mann im Team. Er kam voriges Jahr dazu, absolvierte vorher die erforderliche Grundaus­bildung. „Um dieses Ehrenamt zu erfüllen, müssen wir sensibel sein, empathisch. Wir müssen aber auch eine gesunde Distanz wahren.“ Das mit der Distanz sei nicht so einfach, widerspricht Viola Worsch. „Man muss darüber reden. Wir besprechen im Team jeden Fall.“ Schmidt betreut zurzeit eine junge Frau, für die er sich mit einer Krankenkasse anlegen musste. „Aufgrund von häuslicher Gewalt hatte sie Zähne verloren und die Kasse wollte die Narkose für die Zahn-OP nicht zahlen.“ Jetzt ist die Sache ausgestanden, die Frau kann die Zähne ersetzen lassen.

Der „Weisse Ring“ kümmert sich um Menschen, die Opfer von Straftaten wurden, die Mitarbeiter sind ­mental also stark beansprucht. Von Kindesmissbrauch und Vergewaltigung bis Mord und ­Totschlag ist alles vertreten. Viele Opfer und deren Angehörige sind nach der Tat dermaßen traumatisiert, dass sie außerstande sind, ein ­Telefonat zu führen. Dann übernimmt der „Weisse Ring“.

Lob von Menschen ist wie Applaus für einen Künstler


Es gibt für diese Arbeit kein Geld – wie hält man das auf Dauer aus? „Neulich erhielt ich einen Brief von einer Frau, die wir betreut haben. Sie schrieb, dass es ihr wieder gut ginge und wir eine tolle Arbeit gemacht hätten. Das ist für uns wie der Applaus für einen Künstler. Dann wissen wir, dass wir etwas Gutes getan haben.“

Auch im Fall von Holger K. wollen Viola Worsch und ihr Team Kräfte mobilisieren. „Herr K. wird aufgrund seiner Kopfverletzung höchstwahrscheinlich nicht wieder ­arbeiten können. Das ­bedeutet auch einen Stillstand für seinen ­Hausausbau. Ohne den Zwischenfall hätte er Weihnachten 2017 einziehen können“, erzählt die Außenstellenleiterin. „Wir suchen Handwerker, die der Familie helfen möchten.“ Wer bei diesem Projekt mitmachen will, wird gebeten, sich mit dem „Weissen Ring“ in ­Verbindung zu setzen.



Zur Sache: 

Der „Weisse Ring“ setzt sich für Opfer von Straftaten und deren Angehörige ein, gibt menschlichen Beistand und betreut Betroffene nach der Straftat.
Die ehrenamtlich arbeitenden Mitarbeiter begleiten Hilfebedürftige zu Behörden, Rechtsanwälten, Gerichtsverhandlungen, zur Polizei oder vermitteln Kontakte zu Frauenhäusern und anderen Organisationen. Im Ilm-Kreis gehört der gemeinnützige Verein zum Netzwerk gegen häusliche Gewalt.
Sprechstunde in Ilmenau: jeden zweiten Mittwoch, 16 bis 18 Uhr, Mehr­generationenhaus „Alte Försterei“.
In Arnstadt werden Räume gesucht – möglichst in einer öffentlichen Einrichtung. 
Kontakte:
Außenstellenleiterin für den Ilm-Kreis, Viola Worsch, 01 51 / 55 16 46 04
oder E-Mail: weisser-­ring-ilmkreis@web.de
Landesbüro Thüringen: 03 61 / 3 46 46 46,
lbthueringen@weisser-­ring.de
www.weisser-­ring.de 
www.thueringen.weisser-ring.de

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