Lebendige Geschichte: In Arnstadt sind einmal im Monat die Hobby-Historiker am Werk - meinanzeiger.de
17. Juli 2018
Arnstadt

Lebendige Geschichte: In Arnstadt sind einmal im Monat die Hobby-Historiker am Werk

Menschen

Hartmut Fuhrmann ist der Profi im Historikerkreis. Hier zeigt er einen Ausschnitt aus der Arnstädter Chronik.

Hartmut Fuhrmann ist der Profi im Historikerkreis. Hier zeigt er einen Ausschnitt aus der Arnstädter Chronik.

Die Menschenmenge auf dem Marktplatz von Arnstadt johlt und schreit. Gleich soll an jenem 4. Oktober 1811 Johann August Taubert hier vor aller Augen enthauptet werden. Der Zimmermannsgeselle aus dem Örtchen Dosdorf hat seine Frau mit Arsen vergiftet. Schon verkündet das Armesünderglöckchen vom Rathaus das „hochnotpein­liche Halsgericht“.

Dass sich diese ­Geschichte so zugetragen hat, weiß Manfred Biester. Nicht, dass er damals dabei gewesen wäre. Aber der Arnstädter ist oft in Archiven anzutreffen, wo er die Historie seiner Heimatstadt genau erforscht. Auch Marion Meinshausen kennt sich in der Vergangenheit aus. Zu Hause hat sie in 26 Ordnern Dokumente, Fotos, ­Ansichtskarten, Broschüren und Urkunden über den ältesten Ort Thüringens gesammelt.

„Ich brauche keinen Fernseher, sehe mir lieber meine Sammlung an“, erzählt die 51-Jährige lächelnd. Bis vor fünf Jahren fehlte ihr der Austausch mit Gleichgesinnten. Deshalb gründete die humorvolle blonde Frau 2013 eine Facebook-Gruppe. Doch nur Fotos zu posten, machte auf Dauer keinen Spaß. Also rief sie im Februar des Folgejahres die Interessengemeinschaft „Arnstadts Hobby-Historiker“ ins Leben. „Mir ist es wichtig, die vielen Informationen für die Nachwelt festzuhalten“, begründet sie ihr ­Engagement.

An diesem Mittwoch anno 2018 sind 25 Hobby-Historiker in der Gaststätte „Zum armen Schwein“ erschienen. Thematisch geht es heute um das Arnstädter Rathaus und Manfred Biester hat gerade die Geschichte des Mörders Taubert vorgelesen. Währenddessen gehen Hefter mit Bildern herum und Meinshausen sammelt Sticks mit Fotos ein, die sie später über den eigens angeschafften Diaprojektor an die Wand werfen will.

Sozialistische Kommunalpolitik im Rathaus?



„Das Spannende an unseren Treffen sind die Erlebnisberichte von Menschen, die in den Straßen und Gebäuden, über die wir hier sprechen, gewohnt oder gearbeitet haben“, schwärmt Hartmut Fuhrmann. Der 79-jährige Museologe und Historiker bereichert die Treffen mit fachlichem Wissen aus seinem Berufsleben.Unterdessen hat ein anderer Hobby-Historiker das Wort ergriffen: „Heute wird im Rathaus sozialistische Kommunalpolitik durchgesetzt.“ Wie bitte? Aha – das zitierte Dokument stammt aus dem Jahr 1985. Marion Meins­hausen präsentiert derweil alte Aufnahmen in Schwarz-Weiß. Eine zeigt einen Kandelaber auf dem Marktplatz und die Diskussion entbrennt. Schließlich einigt man sich darauf, dass das Foto um 1900 aufgenommen worden sein muss. Eine Frau bewundert das akkurat verlegte feine Kopfsteinpflaster. „Wie die Handwerker damals gearbeitet haben. Wenn ich heute mit dem Fahrrad dort unterwegs bin, verliere ich bald die Zähne.“


Zwischen 50 und 88 Jahre sind die Hobby-Historiker alt und allesamt der Meinung, dass geistige Arbeit fit halte. Für den heutigen Tag ­haben sie ihre Hausaufgaben gemacht und Wissenswertes über das Rathaus zusammengetragen. Zum Beispiel, dass das Renaissancegebäude bis 1753 über eine Freitreppe verfügte. Dass 1933 Hitler Ehrenbürger der Stadt werden sollte, die SPD-Fraktion dies aber ablehnte. Oder dass 1971 das erste Marktfest stattfand, das seit der Wende Stadtfest heißt.

Manfred Biester wirft noch ein, dass bedauerlicherweise niemand weiß, wie das Kind, das die Holzfigur Maria an der Rathausfassade im Arm hält, seinen Kopf verlieren konnte. Irgendwann sei er verschwunden und niemand habe es registriert.

Marion Meinshausen bittet noch einmal um Ruhe. „Nächstes Mal sind Arnstadts Bürgermeister an der Reihe. Tragt bitte ­wieder Informa­tionen zusammen“, spornt sie die anderen an. ­Zweifellos geben die ­Rathauschefs ein spannendes Thema ab. Einer soll sogar für den großen Stadtbrand von 1581 verantwortlich sein.


Zur Sache: 
Die Arnstädter Hobby-­Historiker treffen sich jeden letzten Mittwoch im Monat 19 Uhr in der Gaststätte „Zum armen Schwein“ im Jonastal. Wer sich für die ­ Geschichte Arnstadts interessiert, ist herzlich willkommen.
Jedes Treffen trägt ein anderes Thema, zum Beispiel Schrebergärten, Schwimmvereine, Hexen, Hinrichtungen, Kriege oder – im Juli – Bürgermeister.
Für ihr erstes Buch über Arnstädter Gaststätten sammelt die Interessengemeinschaft lustige und unterhaltsame Begebenheiten, die Menschen in hiesigen Lokalen erlebten.
Kontakt: Marion Meinshausen,  0 15 77 / 2 96 10 80

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