5 Tage etwas Wildes - meinanzeiger.de
18. April 2020
Thüringen

5 Tage etwas Wildes

Ein Experiment: Von dem Leben, was vor den Toren der Stadt wächst

Chrissi Maier, Wildpflanzenexperiment

Von Axel Heyder

Was waren das doch für Teufelskerle! Columbus und Vasco da Gama, die im ausgehenden Mittelalter die Seewege nach Amerika und Indien entdeckt haben. Sie haben unser Leben revolutioniert, besonders die Geschmacksknospen profitieren bis heute davon. Pfeffer wurde seinerzeit mit Gold aufgewogen und wer viel davon hatte, war ein reicher Pfeffersack.

Nicht über die Ozeane sondern in die Wälder und Auen vor der Landeshauptstadt begebe ich mit Wildpflanzenexpertin Christine Rauch. Sie wurde an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen-Geislingen ausgebildet und sorgt dafür, dass wir das Experiment fünf Tage von dem zu leben, was vor den Toren der Stadt wächst, auch überleben. Die geschmackliche Reise ist allerdings ebenso weit und so neu, wie die nach Indien.

Was für ein Glück: Die 42-jährige Erfurterin hat einen tollen Speiseplan angelegt, der sich liest wie aus dem Sterne-Restaurant. Grüner Smoothie aus Brennnessel und Labkraut, dazu wildes Wasser mit Giersch und Veilchenblüten. Bekömmlich ist ein wilder Tee aus Lungenkraut, während zum Mittag eine Brennnesselsuppe mit Löwenzahnköpfchen aus dem Topf dampft. So setzt sich das über fünf Tage fort. Blütenknospen treffen auf Geschmacksknospen, die sich auf völlig neuartige Aromen einstellen müssen. Während ich jahrelang bereits ein großer Fan von Bärlauch bin, wusste ich seine Zwiebel bisher nicht zu verwerten. Die ist neben dem Gänseblümchensalat, der unglaublich aromatisch ist, das kulinarische Highlight der Woche. Fein in der Pfanne geschmort, erinnert sie an asiatische Bambussprossen. Auch Breitwegerich, Brombeerblätter, Kresse, Schafgarbe, wildes Rapunzel, Vogelmiere und wilde Äpfel werden zu Salaten, Suppen und Smoothies. Manche Pflanzen, wie der Japanische Knöterich, sehen nicht nur skurril aus, leider schmecken sie auch so. Optisch ist es ein Spargel mit Hut, im Topf wird der Knöterich zum Rhabarber. Sehr schnell fehlt einem, was uns jene Seefahrer von ihren entbehrungsreichen Überfahrten an Schätzen mitgebracht haben. Wie farbig unser Leben durch Gewürze schmeckt, lässt sich bereits nach zwei, drei Mahlzeiten nachvollziehen. Am zweiten Tag schon ist Blatt wie Blatt, Suppe wie Suppe. Ob Kresse- oder Brennnessel, egal. „Grün, ja grün, ist alles was ich habe …“, die Zeile aus dem Kinderlied ist von einem frühzeitlichen Speiseplan abgekupfert. Jetzt weiß ich es genau. Weil wir unseren Plan bereits im Herbst gesponnen hatten, naht Rettung. Tschaka und Bämm! Walnüsse sind eingelagert, gefunden in der Erfurter Umgebung: Sie können geröstet nicht nur eine geschmackliche Erfüllung einer solchen Woche sein, sondern liefern zudem, was manches Grünzeug nicht hat: Fette und Energie.

Hier die gute Nachricht für alle Gartenbesitzer und Freunde englischen Rasens: Sämtliche Hassobjekte wie Giersch, Knoblauchsrauke, Löwenzahn und Gänseblümchen können künftig nach dem Ausstechen direkt zum Salat, zur Suppe oder Smoothie verwandelt werden. Sie helfen zudem gegen allerlei Volkskrankheiten. So körperlich leicht wie nach diesen fünf Tagen haben sich sowohl Christine als auch ich zuletzt Kindertagen gefühlt. Einfach mal was Wildes auf den Teller packen!

Eine ausführlichen Bericht mit Rezepten und weiteren Fotos gibt es auf meinAnzeiger.de.

Fragen zu essbaren Wildpflanzen an: christine.rauch@wildrausch.eu

 

 

 

Wie Chrissi das Experiment sah:

„Sammeln, sammeln und nochmals sammeln. Am 2. Tag des Experiments wird mir klar, dass das wohl die Hauptaufgabe für die nächsten vier weiteren Tage sein wird. Mal eben schnell für zwei Personen drei vollwertige Mahlzeiten aus der Natur zu zaubern, ist tatsächlich deutlich zeitaufwendiger, als gedacht. Doch mit ein paar grünen Schätzen aus dem eigenen Garten kann die Sammeldauer um ein Vielfaches reduziert werden.

Mit einem guten Plan und etwas Routine, lässt sich das grüne Projekt gut umsetzen und wir überleben die Woche besser als vermutet. Kräftemäßig sind wir beide an den Tagen 3 und 4 so fit, dass sich auch ein 8-Kilometer-Lauf absolut gut anfühlt.

 

Rezepte

Wer den exotischen Knöterichkompott probieren möchte nehme: 
100ml Weißwein, 150g Ahornsirup oder Birnendicksaft und bringt das Gemisch zum Kochen. Danach 300g japanischen Frühlingsknöterich in Ringen geschnitten dazu geben und für 1 Minute aufkochen. Dann entweder kalt oder warm genießen. Schmeckt wunderbar zu Cremes oder Eis und erinnert etwas an den Geschmack von Rhabarber.
Wer den Gänseblümchensalat probieren möchte nehme: 
Für einen wilden Gänseblümchen Salat pro Person 2 Hände Gänseblümchen ganz flach vom Boden abschneiden und mit Öl, Apfelessig und Walnüssen vermischen. Das Ganze mit Salz und Pfeffer abschmecken. Dieser Salat kann sehr gut mit wilden oder gekauften Rapünzchensalat kombiniert werden. Wer etwas Süße dazu geben möchte, kann einen Apfel dazu reiben 
Wildpflanzenexperiment: Chrissi Rauch

 

Knoblauchsrauke: lecker für den Salat.
Chrissi & Axels  Wildpflanzenexperiment: So sieht ein Tag Ernährung aus Wildpflanzen aus.

 

Wildpflanzenexperiment, Wilde Äpfel. Schön in der Farbe, bitte im Geschmack. Alle Fotos Axel Heyder

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