„Kreuzwege“ ­gegen das ­Vergessen - meinanzeiger.de
3. Februar 2020
Eichsfeld

„Kreuzwege“ ­gegen das ­Vergessen

Der Eichsfelder Gottfried ­Kunkel schildert in seiner ­Romanbiographie das Leben in Polen unter Hitlerdeutschland und im Eichsfeld in der DDR-Diktatur

Eindrücklich und authentisch beschreibt Gottfried Kunkel sein Leben in der ­Romanbiographie „Kreuzwege“. Foto: Mühlhaus

Wenn Gottfried Kunkel aus seinem Leben berichtet, scheint es, als würde alles noch einmal von vorne beginnen. Mit sanfter klarer Stimme, das Geschehene vor Augen, erzählt der 85-­Jährige aus Gerterode von seiner Kindheit in Polen. So beginnt sein Buch „Kreuzwege“ auch mit einer Erinnerung an die 1930er-Jahre, als der kleine Gottfried Kunkel in der Kleinstadt Tomaszow Mazowiecki zu Hause im Wohnzimmer sitzt und zuschaut, wie sein Vater mit dem Juden Isaac Goldborn Schach spielt. Dass die Juden wenig später geächtet und ermordet werden, wusste damals noch niemand.

Friedliches Zusammenleben bis zum Zweiten Weltkrieg

Gottfried Kunkels Vorfahren waren sogenannte „Volksdeutsche“, die im 19. Jahrhundert vom Grafen Antonin Ostrowski „gerufen wurden.“ In den eigenen vier Wänden habe man Deutsch gesprochen. Aber auch Polnisch beherrschte den Alltag. Wie überall im Land lebten Deutsche, Juden und Polen friedlich zusammen, bis kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die ersten Ghettos entstanden. „In die Meldekarte der Juden wurde ein großes ‚J‘ gedruckt“, erinnert sich Kunkel. Ab da durfte sein Vater nicht mal mehr Schach mit Isaac Goldborn spielen.

Als Überbringer der Todesnachricht

Bedrückend schreibt Kunkel in seinem Buch von seinem Patenonkel Arthur, einem damals 21-jährigen deutschen Soldaten, der im Krieg an der Ostfront kämpfte. „Onkel Arthurs Verlobte war Jüdin. Sie hieß Manja, ein hübsches 19-jähriges Mädchen. Sie war Pianistin. Die Beiden hatten sich ‚beim Kartoffel ausmachen‘ kennengelernt“, erzählt Kunkel. 1944 hatte der kleine Gottfried einen schweren Gang vor sich. Sein Großvater schickte ihn ins Ghetto von Tomaszów Mazowiecki, wo Manja interniert war. „Du musst dem Mädchen die Todesnachricht überbringen. Ihr Verlobter ist bei Kiew gefallen“, sagte ihm der Großvater. Kunkel beschreibt, wie er sich durchfragt und von der polnischen Miliz ins Ghetto geführt wird. Dass Manja später mit ihrer ganzen Familie nach Treblinka ins Vernichtungslager getrieben wird und alle ermordet werden, gehört auch zu Kunkels Geschichte.

Von Polen ins Eichsfeld

Der Gerteröder berichtet, wie in seiner Heimatstadt ein Hitlerjunge mit einem Fahrtenmesser einen Juden erstach. Erlebnisse, die der Senior nie wieder vergisst. „Kurz vor Kriegsende, es waren die letzten Tage des Jahres 1944, wurde unsere Familie umgesiedelt. Die Russen waren nicht mehr weit weg. Wir konnten den Kanonendonner der Geschütze schon hören“, sagt Kunkel. Nach einem Zwischenaufenthalt in Schlesien ging es mit dem Zug ins Eichsfeld. „Wir sind in Berterode / Schacht angekommen und verteilt worden. Meine Familie und ich sind in Gerterode gelandet.“ Später wurde Kunkel Sportlehrer an einer Eichsfelder Regelschule. In den mehr als 500 Seiten seiner Romanbiographie hat er auch die 40 Jahre DDR-Diktatur aufgearbeitet.

Von Gregor Mühlhaus

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