28. Oktober 2020
Eisenach

Inklusive Rollstuhlhandball-Mannschaft entsteht – Aktionstag fällt aus

Der Verein wünscht sich mehr inklusive Angebote, bei denen Menschen mit und ohne Behinderung etwas ­gemeinsam ­machen. Sei es im Sport, in der Kultur oder Freizeit. Foto: Verein

+++ Aktuell: Die Infektionszahlen steigen weiter und machen auch vor dem Wartburgkreis und der Stadt Eisenach keinen Halt. Seit heute gibt es wieder erhebliche Einschränkungen im öffentlichen Leben. Dies betrifft leider auch die geplante Veranstaltung. Aufgrund der Beschlusslage und der rasant wachsenden Zahl von Infizierten muss die Veranstaltung am 8. November in der Werner-Aßmann-Halle zum Schutze aller leider abgesagt werden. Unter den jetzigen Umständen ist eine Durchführung des Aktionstages nicht machbar. Im kommenden Jahr soll der Aktionstag nachgeholt werden. +++

Die Vereine und Selbsthilfegruppen aus ­Eisenach und dem Wartburgkreis veranstalten am 8. November einen ­Aktionstag. AA-Redakteur ­Michael Steinfeld sprach mit Joachim Schümmelfeder und Dennis Petschner, dem Vorstand des Vereins „Aktiv im Leben mit Behinderung Wartburgkreis“, über den Tag und die Situation der Behinderten.

Seit 30 Jahren setzt sich Ihr Verein für die Integration behinderter Menschen in der Gesellschaft ein. Wie gut funktioniert das im Wartburgkreis? Wo gibt es den größten Nachholbedarf?
Unser Verein war immer im Wartburgkreis und der Stadt Eisenach tätig. Neben unserer Hauptgeschäftsstelle in Eisenach betreiben wir seit einigen Jahren auch in Bad Salzungen ein Büro für unser Bratungsangebot der „Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung“  und Betreuungsräumen für unseren „Familienentlastenden Dienst“. Leider merken wir, dass es erhebliche Unterschiede zwischen dem Wartburgkreis und der Stadt Eisenach im Hinblick der Integration von Menschen mit Behinderung zwischen den Wartburgkreis und der Stadt Eisenach gibt.

 

Wo gibt es den größten Nachholbedarf?
Die Stadt Eisenach war und ist bisher immer bemüht, und das auch aus politischer- und verwaltungs-Ebene heraus, die Belange für Menschen  mit Behinderung zu verbessern. Dies merken wir an einer guten Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und auch mit den Wohnungsbaugesellschaften. Wir werden als Verein bei wichtigen Vorhaben mit eingebunden und um Rat gefragt. Auch ist es der Stadt wichtig im Bereich Barrierefreiheit und Integration von Menschen mit Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt Angebote zu schaffen.

Natürlich könnten einige Vorhaben unserer Meinung nach konsequenter verfolgt werden, im Großen und Ganzen ist die Politik und Verwaltung der Stadt jedoch immer sehr zugänglich und hilfsbereit. Zudem besteht ein guter Austausch zwischen den Vereinen und Selbsthilfegruppen. Gemeinsam im Verbund konnte somit schon viel im Bereich der Selbsthilfe erreicht werden. Ich denke die Stadt Eisenach ist auf einem guten Weg. Wichtig ist, die Akteure in der Verwaltung und Politik immer wieder für das Thema „Menschen mit Behinderung“ zu sensibilisieren.

Probleme im ländlichen Raum

Im Wartburgkreis konnte auch schon einiges erreicht werden. Leider scheitert die Integration oftmals am ländlichen Raum. Es gibt bereits gute Angebote für Menschen mit Behinderungen. Leider beschränken diese sich meist auf den Raum Bad Salzungen. Der nördliche Kreis wird oftmals etwas außen vor gelassen, zumindest empfinden das so die Betroffenen und suchen dann eher den Weg zur Stadt Eisenach. Es gibt oftmals keine ordentlichen Busverbindungen mehr in die kleineren Dörfer und wenn ein Bus kommt, ist dies kein Niederflurbus, sodass der Betroffene mit Rollstuhl oder ähnliches nicht mitgenommen werden kann. Somit ist die Struktur im Wartburgkreis natürlich eine ganz andere als in der Stadt Eisenach.

Auch merken wir eine sehr unterschiedliche Arbeitsweise der Sozialämter der Stadt Eisenach und dem Wartburgkreis. Dies wurde gerade in der Corona-Pandemie deutlich und der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes. Hier wünschen sich alle Trägerverbände eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit dem Sozialamt Wartburgkreis wie sie in Eisenach schon immer war.

Natürlich kostet die Behindertenhilfe dem Sozialhilfeträger sehr viel Geld. Darum darf es aber nicht gehen. Dieses Argument hört man leider viel zu oft. Es geht hier um Teilhabe der Menschen mit Behinderung, oftmals um Grundbedürfnisse, die den Betroffenen aus Kostengründen unmöglich gemacht werden.

Strittig sind natürlich immer wieder die Entscheidungen der Versorgungsämter bei der Feststellung des Grades der Behinderung. Hier wünschten wir uns oftmals mehr Fachexpertise bei den Entscheidern.  So kommt es leider oft zum Widerspruchsverfahren oder zur Klage. Leider machen wir hier auch in Gremien auf Landesebene die Erfahrung, dass jeder Landkreis hier etwas unterschiedlich die gesetzlichen Regelungen auslegt, was nicht sein darf.

Es hat sich gesamt gesehen aber schon viel getan und die Angebote für Menschen mit Behinderung steigen. Ich persönlich wünsche mir aber mehr inklusive Angebote, bei denen Menschen mit und ohne Behinderung etwas gemeinsam machen. Sei es im Sport, Kultur oder Freizeit. Oftmals bleiben alle unter sich. Es gibt Angebote für Menschen mit Behinderung, jedoch dann nur für die Betroffenen. Hier müssen auf beiden Seiten Hemmungen und Vorurteile abgebaut werden, sodass inklusive Angebote entstehen. Aus diesem Grund ist die Gründung unserer inklusiven Handballmannschaft hier ein richtiger Schritt, denke ich.

 

Wie kann man bei Menschen, die keine Behinderung haben, mehr Bewusstsein für Leute mit Behinderung schaffen?
Wichtig ist, dahin zu kommen, dass Menschen mit einer Behinderung in unserem Gesellschaftsbild dazugehören. Hier könnten beispielsweise Theater einen großen Beitrag leisten. Theater sollen das Leben widerspiegeln. Leider sieht man viel zu selten Menschen mit einer Behinderung auf der Bühne, obwohl diese ebenso zur Gesellschaft gehören. Im Bereich Schule sind wir da auf einem guten Weg, dass auch Schüler mit einer Behinderung in eine herkömmliche Schule gehen können. Wichtig ist nur, hier auch die notwendigen personellen Ressourcen für die Umsetzung sicherzustellen. Ich glaube, hieran scheitert es oft.

Menschen mit einer Behinderung müssen mehr in der Gesellschaft, im Beruf, in Führungspositionen und auch in der Öffentlichkeit integriert werden, damit jeder sehen kann, es ist ganz normal, dass diese Menschen mit dabei sind. So entstehen mehr Kontakte zwischen „Gesunden“ und Menschen mit einer Behinderung und es schärft das Bewusstsein der Mitmenschen.

Ein weiterer Punkt ist natürlich mehr Aufklärung und Präsenz. Dadurch können Vorurteile und Hemmnisse abgebaut werden. Ein Mensch mit einer Behinderung kann genauso ein guter Arbeitnehmer oder Chef sein. Leider sieht man kaum einen Manager mit einer Behinderung.

Letztlich muss sich auch jeder sagen, dass

„Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“ (Richard von Weizäcker)

 

„Gib niemals auf“ lautet die Devise Ihres Aktionstages, den Sie am 8. November in Eisenach planen. Warum haben Sie dieses Motto gewählt?
Gib niemals auf hat eine lange Tradition in Eisenach. Die Gründung der Initiative erfolgte durch unseren Vorsitzenden Herrn Dr. Schümmelfeder. Es beschreibt die Selbstvertretung der Organisationen in der Behindertenhilfe. Gib niemals auf ist eine Initiative, die viele Vereine und Selbsthilfegruppen der Behinderten- und Krankenhilfe in Eisenach unter sich vereint. Alle Vereine und Selbsthilfegruppen, die mitmachen, agieren mittlerweile seit 30 Jahren für die Belange der Menschen mit einer Behinderung oder Erkrankung. Diese lange Zeit wollten wir herausheben und alle Vereine und Selbsthilfegruppen sagen immer wieder von uns: Wir sind „gib niemals auf!“ Es ist also ein Fest aller Vereine und Selbsthilfegruppen für alle.

Der Begriff „Gib niemals auf“ hat natürlich die Bedeutung für die betroffenen Menschen und soll Mut machen, denn es gibt immer einen Weg, die Situation zu verbessern oder zu verändern.

Natürlich ist „Gib niemals auf“ auch Auftrag an uns Vereine und Selbsthilfegruppen. Es wurde bereits vieles erreicht, aber vieles muss noch getan werden. Zudem gibt es oft Auseinandersetzungen mit Behörden für das Wohl von Betroffenen. Wir wollen damit ausdrücken: Wir geben nicht auf und machen weiter, bis wir zufrieden sind. Der Name steht also für uns als Verein als Auftrag, aber auch für unsere betroffenen Menschen als Mut-Macher.

 

Als einen Höhepunkt Ihrer Veranstaltung möchten Sie eine inklusive Rollstuhlhandball-Mannschaft gründen. Wer kann sich melden?
Ja, das ist wirklich eine Höhepunkt. Wir haben in unserem Vorstand den ehemaligen Profi-Handballer Bernd Fichtner, welcher selbst durch eine Erkrankung auf den Rollstuhl angewiesen ist. Er wird das Projekt federführend begleiten.

Melden kann sich jeder, der Lust auf Sport, Spaß und Bewegung im Rollstuhl hat. Sowohl Menschen mit einer Behinderung als auch ohne Behinderung können mitmachen. Für Menschen ohne Behinderung ist es eine Selbsterfahrung, im Rollstuhl Handball zu spielen. Es fördert die Inklusion und der Spaß steht im Vordergrund. Natürlich wird aber nach den geltenden Regeln mit Schiedsrichter etc. gespielt. Traum ist, irgendwann ein Turnier auszutragen.

Unabhängig von Alter, Herkunft, Behinderung oder nicht kann sich jeder gerne bei uns melden. Wir freuen uns über jeden Teilnehmer.

Bei Interesse gerne melden unter der Telefonnummer 0 36 91 / 89 02 08 oder per E-Mail an oh@alb-wartburgkreis.de

 

Termin:

Aktionstag, „Gib niemals auf – 30 Jahre Selbsthilfe Wartburg­region“, 8. ­November, 11 bis 16 Uhr, Werner-Aßmann-Halle, Am Sportpark in Eisenach.

Programm:

  • Informationen der Vereine und Selbsthilfegruppen zu verschiedenen Beeinträchtigungen und Erkrankungen
  • Eröffnung des Selbstvertretungsbüros „Gib niemals auf“ der Vereine und Selbsthilfegruppen in der Wartburgregion
  • Gründung der inklusiven Rollstuhl-Handballmannschaft
  • Besuch des Ministerpräsidenten Bodo Ramelow
  • Rollstuhlparcour ILOH=AG
  • Hörmobil
  • Musik und Redebeiträge
  • Aktionen für Kinder
  • Buntes Bühnenprogramm
  • Die Schirmherrschaft übernimmt der Ministerpräsident des Freistaates Thüringen Bodo Ramelow.

 

Hintergrund: Zum Verein „Aktiv im Leben mit Behinderung Wartburgkreis e.V.“

Der Verein wurde 1990 gegründet. Leider gab es nach der Wende wenig Angebote für Menschen mit einer Behinderung und vor allem auch Beratungsstellen für Angehörige und Betroffene. Aus diesem Grund hat der Verein gleich nach der Wende und mit Gründung des Vereins eine Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung und dessen Angehörige eröffnet. Im Laufe der Zeit haben die Akteure gemerkt, dass der Bedarf der Beratungen nicht abnimmt – in den letzten Jahren sogar zunimmt. Wer sich mit Fragen zu Hilfeleistungen für Menschen mit Behinderungen beschäftigt, droht schnell zu verzweifeln. Keine andere Bevölkerungsgruppe hat dermaßen viele Ansprechpartner, zum Beispiel die Pflegekasse, die Krankenkasse, das Sozialamt, die Rentenversicherung, das Integrationsamt und das Versorgungsamt.

Viele Menschen mit Behinderung oder deren Angehörige kennen die möglichen Hilfen nicht und der Umgang mit Behörden überfordert die Ratsuchenden. Durch die Reformen der Politik wurden die Zeiten für Familien mit Menschen mit Behinderung zunehmend unübersichtlicher.

Komplexe Fragen

Schwierigkeiten in der Hilfs- und Heilmittelversorgung, Veränderungen in der Eingliederungshilfe und dem Verschieben von Leistungen in die Pflegeversicherung durch die Verwaltung und vor allem die enorm hohe Zahl an Familien mit ALG-II-Leistungen, in denen ein Kind mit Behinderung lebt (welches zum Beispiel als erwachsenes Kind Grundsicherung bekommt), machen eine intensivere Begleitung im Sozialrecht notwendig. Ebenso macht sich die demografische Entwicklung bemerkbar: Immer mehr ältere Menschen erleben Einschränkungen oder chronische Krankheiten, die sich zu einer Behinderung entwickeln und diese sich dann, überfordert von Bestimmungen und Regelungen an uns wenden.

Die Probleme der Ratsuchenden sind häufig komplex und zeitaufwändig in der gemeinsamen Auseinandersetzung darüber. Familien mit einem behinderten Kind, Jugendlichen oder Erwachsene oder mit einem Angehörigen mit Behinderung oder die Betroffenen selbst haben oft mehrschichtige Problemlagen, so dass eine kontinuierliche Begleitung notwendig wird. Mit den hohen bürokratischen Anforderungen und den anspruchsvollen gesetzlichen Rahmenbedingungen sind die Ratsuchenden überfordert. Selbst das Erfassen des Inhaltes und eine geordnete Ablage von förmlichen Anschreiben sind in vielen Fällen nicht gegeben.

Somit sind die Beratungsstellen neben unseren anderen Trägerschaften die wichtigsten Bereiche des Vereins.

Der Verein ist in den 30 Jahren gewachsen. Mittlerweile betreibt er neben der Beratungsstelle mit Familiencoaching und Wohnberatung/Umzugsmanagement die „Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung“, die integrative Kindertagesstätte „Haus der kleinen Freunde“, eine heilpädagogische Wohneinrichtung, eine Tagesförderstätte, den „Familienentlastenden Dienst“, „Offene Hilfen“ und hat Zukunftsprojekte wie eine WG für Menschen mit Behinderung. Die Beratungsangebote und der familienentlastende Dienst werden auch am Standort Bad Salzungen angeboten.

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