5. November 2020
Erfurt

Armut ist eher leise

Jedes 5. Kind ist von Armut betroffen

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut und somit auch von Benachteiligungen betroffen. Der Kinderschutzbund in Thüringen lässt in Buch und Ausstellung betroffene Kinder zu Wort kommen.

Gut, dass der Schultag vorbei ist. Zum Glück hört keiner, dass Leos Magen seit Stunden knurrt. Ein Pausenbrot gab es heute nicht für ihn, wie so oft. „Keine Zeit, ich esse zu Hause“, ruft er den anderen zu, die lärmend die Schulkantine stürmen. Das mit dem Essen daheim hat er sich nur ausgedacht. Papa ist schon lange fort. Und Mama muss ganz viel arbeiten. Viel für nicht so viel Geld. Da können sie bald wieder den Kühlschrank neu füllen, ein bisschen wenigstens. Dabei wäre Leo so gern mit dem anderen mitgegangen, genau wie später zum Fußballtraining. Doch dafür reicht das Geld nicht…

 

Thema wird zu wenig beachtet

“Ja, es gibt Kinderarmut in Deutschland. Jedes fünfte Kind ist davon betroffen, es werden sogar noch mehr“, weiß Carsten Nöthling und ist damit als Geschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in Thüringen genau bei seinem Thema. Eines, das viel zu wenig beachtet wird. Vielleicht, weil Kinderarmut im eigentlich reichen Deutschland nicht mit schlimmer Not, lebensbedrohlichem Hunger und Obdachlosigkeit einhergeht. Armut ist eher leise. Natürlich gebe es Anzeichen dafür, so Carsten Nöthling am Rande einer aktuellen Ausstellung zu diesem Thema, allerdings sind sie nicht pauschal anwendbar. Wenn es einem Kind nicht gut geht, es zum Beispiel auch in der Schule schlecht mitkommt, können Zeichen dafür sein. Ein Indiz, das fast immer dafür spricht, dass die Kleinen von Armut und daraus folgenden Benachteiligungen betroffen sind, ist, wenn sie kaum am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Dazu gehören Ausflüge in der Freizeit, Ferienlagerbesuche, mal ein Kinobesuch mit Freunden genau wie das Pausenbrot, Mittagessen oder das Mitmachen in einem Verein. Sie fühlen sich ausgegrenzt, manch andere geben ihnen sogar extra dieses Gefühl. Ebenso schlimm: „Kinder, deren Familien weniger Geld haben, haben im Durchschnitt auch weniger Chancen auf höhere Bildung“, beschreibt Carsten Nöthling einen Fakt, der es jungen Menschen schwer macht, aus ihrem Kreislauf herauszukommen. Armut ist zugleich ein Mangel an Chanchen im Leben.

Die Ursachen für Kinderarmut in Deutschland sind schnell benannt: Die Eltern, oft sind es auch Alleinerziehende, verdienen zu wenig. Auch Langzeitarbeitslosigkeit zieht oft Armut nach sich. „Deutschland ist schon ein Land, das sich bemüht, einen guten Ausgleich zu finden“, erkennt der Thüringer Kinderschutzbund-Chef an. Doch das reicht längst nicht. Der Kinderschutzbund wird nicht müde, auf diese Missstände aufmerksam zu machen. Mehr noch, er fordert gesellschaftliches und politisches Handeln. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für Kinder ist eine dieser Forderungen. Genau wie ein kostenfreies Bildungssystem und eine andere Art der Steuern, ein gesellschaftliches Ausgleichssystem. Schließlich haben Eltern mit wenig Geld dieselben Kosten für die Grundversorgung ihrer Kinder wie Besserverdienende. „Wenn wir ernsthaft an das Thema Kinderarmut herangehen, dann muss man auch über Einkommensbesteuerung und Mehrwertsteuer reden und sich fragen, ob das überhaupt gerecht ist.“ „Allerdings fürchte ich, dass das auch mit einer Großen Koalition nicht möglich ist. Darüber zu sprechen, trauen sie sich nicht ernsthaft“, fügt Carsten Nöthling hinzu.

Kinderschutzbund bleibt dran

“Wir bleiben dran am Thema, wir mahnen, wir fordern, bringen uns ständig ins Gespräch, auch wenn das immer wieder viel Kraft kostet“, verspricht er im selben Atemzug. Damit meint er nicht nur die Politiker. Die betroffenen Kinder seien schließlich nicht diejenigen, die ihre Situation verschuldet haben. Auch die Eltern dürften nicht dafür ‚verurteilt‘ werden, dass sie nicht reich sind. Manche von ihnen brauchen Hilfe. Immer auf Augenhöhe. Und durchaus mit der Wertschätzung versehen für das, was sie trotz ihrer nicht einfachen Lebensumstände für die Familie leisten. „Augen auf und Herzen auf“, rät Carsten Nöthling jedem, dem Kinder wichtig sind. Dabei gehe es darum, was Politik, soziale Verbände und Einrichtungen für die Jungen tun können. „Das reicht auch bis ins Privatleben hinein.“ Vielleicht macht die Mutter von Leos Banknachbarn ja einfach morgen ein Pausenbrot mehr. Ein winziger Anfang.

Weiterlesen:

Buch: „Einer schwimmt im Geld – Kinder über arm und reich“, Deutscher Kinderschutzbund Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (Herausgeber): Kinder im Alter zwischen acht und 15 Jahren beschreiben, wie sie Armut sehen oder wie sie damit umgehen. Es sind Aussagen, die berühren, erstaunen lassen und insbesondere erwachsene Leser aktivieren. Die authentischen Geschichten stellen all jenen ein Armutszeugnis aus, die seit Jahrzehnten ignorieren, dass Zukunftschancen von Millionen Kindern leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Infos: www.agspak-buecher.de

Ausstellung:

Eine Ausstellung im Thüringer Landtag zeigt bis zum 28. Februar Auszüge aus dem Buch „Einer schwimmt im Geld – Kinder über arm und reich“, wochentags von 8 bis 18 Uhr kostenlos zu besichtigen im Funktionsgebäude, 4. Etage. Für den Einlass in den Landtag benötigt jeder Besucher seinen Personalausweis.

Zahlen & Fakten:

– Etwa ein Fünftel aller Kinder in Deutschland galten 2015 nach einem Bericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts aus dem Jahr 2017 als arm.

– Junge Menschen unter 18 Jahren, die von Armut gefährdet sind:

9/2016: 22,8% (das sind ca. 72.000 Personen in Thüringen, 9/2015: 26,6%, 9/2014: 23,7%), Ostdeutschland 24,5%; Gesamt-Deutschland 20,2%

Menschen unter 18 Jahren im SGB II:

9/2016 15,5% (das sind ca. 49.000 in Thüringen; :09/2105: 16,1%; 9/2014 16,8%); Ostdeutschland 21%, Gesamt-Deutschland 14,8%

(Die Zahlen stammen vom Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Berufshilfe.)

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