27. November 2020
Erfurt

Das dunkle Erfurt

In seinem neuen Buch erzählt Ulrich Seidel von düsteren ­Orten und dunkle bis schaurig-schöne Geschichten

„Bernd das Brot“ in Not: Der Erfurter Autor ­Ulrich Seidel widmet ein Kapitel der Entführung der beliebten ­Kika-Figur, die neben dem ­Rathaus ihren ­Standort hat. Foto: Floeckner

„Dunkle Geschichten aus Erfurt“ heißt ein neues Buch mit ungewöhnlichem Blick auf die Stadt:

Erfurt ist bunt. Doch es kann auch anders sein. „Ich finde es gar nicht schlecht, einmal anders ­heranzugehen. Schließlich gibt es viele dunkle Geschichten von hier zu ­erzählen“, weiß Autor Ulrich Seidel, der seine Stadt dank seiner ­Bücher und der Befähigung als Stadtführer in- und auswendig kennt. ­Also begibt er sich auf die verborgenen Schatten­seiten der Stadt, ­erzählt in seinem ­neuen Buch 19 Episoden lang „Dunkle ­Geschichten aus ­Erfurt“.

„Obwohl dunkel nicht ­unbedingt nur mit düster gleichzusetzen ist“, möchte er unbedingt festgehalten wissen. Manches sei einfach nur dunkel, weil es vergessen ist, anderes, weil man nie etwas darüber erfuhr oder es von außen nicht sichtbar ist. Dann gibt es auch die Dinge, die beim Um-die-Ecke-Denken dunkel erscheinen – wie der dunkle Klang der Gloriosa – oder die wirklichen Schattenseiten der Stadt. Natürlich begibt sich der Leser gemeinsam mit dem ­Autor an verlassene, düstere Orte, ­wird an unheim­liche Begebenheiten erinnert, in die Unterwelt und andere Zeiten entführt.

Viel mehr als Kriminalfälle

Dabei geht es nicht in erster Linie um ­Kriminalfälle, ­obwohl die auch eine Rolle spielen. Gleich zu Beginn ­erzählt Seidel zum Beispiel ­davon, wie einst die ­Kinderkanal-Figur „Bernd das Brot“ aus der Stadt entführt wurde. Er hat dieses Kapitel ganz nach Bernds Gemüts­verfassung mit „Oberriesendoppelmist!“ überschrieben. Dabei ist diese Begebenheit gut ausgegangen. Ein anderes, tragisches Ende nimmt die Geschichte um einen Grenzoffizier, der vom Bezirks­gericht zum Tode verurteilt ­wurde. „Das zu erzählen, ist schon sehr heftig“, gesteht ­Ulrich Seidel, zeige es doch die Brutalität des DDR- ­Regimes, mit Andersdenkenden umzugehen. Auch, ­warum Ratsherr Heinrich ­Kellner im 16. Jahrhundert den Tod fand, weiß Ulrich ­Seidel. ­Genau wie er an das Eisenbahnunglück von Bischleben erinnert, detailliert und empathisch die ­Geschehnisse um den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium nachzeichnet oder sich anderen finsteren Begebenheiten widmet.

„Es gibt aber auch allerlei Erbau­liches“ verspricht Ulrich Seidel, dass es auf den Seiten genauso schön-schaurig wie unterhaltsam zugehe. Wer weiß zum Beispiel noch ­davon, dass es Pläne gab, von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre in Erfurt eine U-Bahn zu bauen? „Das finde ich fas­zinierend, das wäre eine durchaus gute Sache für die Stadt und ihre Entwicklung gewesen“, ist ­Ulrich Seidel überzeugt und ein wenig traurig, dass aus dem Projekt nichts wurde. ­Auch erinnert er an das ehrgeizige Projekt, in ­Erfurt einen Hafen für den als ­Wasserstraße ­geplanten ­Thüringenkanal zu bauen.

Das Buch „Dunkle ­Geschichten aus Erfurt“ ­erschien im Wartberg Verlag.

Für sein Buch konnte Ulrich Seidel aus seinem großen Fundus schöpfen, der sich aus den jahrelangen ­Recherchen für seine Bücher, viel Wissen und Erfahrungen zusammensetzt. Manches ­davon hat er selbst ­erlebt, den Weg in ­Erfurts Unterwelt zum Beispiel. „Es gäbe noch so viel mehr zu ­erzählen“, weiß der 59-Jährige um weitere unterhaltsam-düstere Erfurter ­Geschichten

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