27. Februar 2015
Erfurt

Der kleinste Hund kriegt die meiste Prügel

Von Fundtier „Explanatio“


Wuff,

was für ein Hunde­leben als Fundtier. Ich schwöre bei meinem Stammbaum: Ich büxe besser nicht mehr aus. Denn das kann im Freistaat – trotz, dass er in seiner Verfassung Tierschutz als Staatsziel definiert, wau – ein richtig dicker Hund werden.  

Jetzt hänge ich hier allein, winselnd herum. Wo ist Herrchen? Oft verstehe ich ja, was Menschen von mir wollen. Da mache ich Platz, Sitz und gebe Pfötchen. Zugegeben, beim „Aus“ mogele ich auch schon mal. Wie ich das hasse: „Explanatio„, aus! Da krieg‘ ich krauses Fell.  

Doch auf „hier“ werde ich jetzt sofort reagieren. Blöd nur, dass Herrchen, das nicht mit mir geübt hat. Und vorhin, als er hektisch „aus“, „zurück“ schrie, war der Feldhase für mich interessanter und natürlich schneller. Blöder Jagdtrieb. Jedenfalls, zur Gattung Fundtier will ich nicht mehr gehören. Herrchen, „hier“!. „Expla­natio“ ist allein im Wald, jaule ich vor mich hin.  

O nein, da kommt ein Wanderer, hoffentlich ein Gutmensch. Mein potenzieller Finder naht noch ängstlich. Ich sage zu mir: „Explanatio“, jetzt nur nicht knurren. Ich neige meinen Schädel zur Seite, zwinkere und wedele mit der Rute. Schwein, äh, Hund gehabt. Der Finder lässt mich nicht links liegen. Endlich Hilfe in dieser Einöde. Wo ist nur mein Herrchen? Ich vermisse es.  

So eine Hundekacke, es ist auch noch Wochenende. Da steht ein ehrlicher Finder manchmal wie ein begossener Pudel da. Wochentags abends ist das nicht anders. Ich muss winseln, habe plötzlich eine Hundeangst. Tierheim und Ordnungsamt sind geschlossen. Jaulen hilft da nicht, sondern ein klarer Hunde­verstand.  

Oh, der nette Helfer rea­giert, per Handy. Ich bekunde meine Zustimmung mit einem Seufzer. Das hilft ja Zuhause auch immer. Da lächelt Herrchen. Bin ich was klug, wuff. Hoffentlich kennt sich das hilfsbereite Menschlein aus. Es zögert. Hallo, ich bin ein Notfall, allein, aber gepflegt und mit Marke am Halsband. Ich bin nicht herrenlos, das sieht man doch.  

Sollte ich ein Zeichen setzen? Ah, weh­leidig wimmern hilft immer. Geht doch! So eine Unterhaltung mit einem Menschen ist doch gar nicht so kompliziert. Mein Retter setzt den Notruf 110 ab. Das ist erlaubt, bei Gefahr im Verzug, keine Angst. Das hat mir „Eddy Erbse“, der Dackel von Nachbarin Erna zugewufft. Der hat seinen Jagdtrieb auch nicht unter Kontrolle. Dem Kleinen ist das schon drei Mal passiert. Einmal kam Polizei, in einem anderen Ort fuhr ein Tierheimtransporter vor und in der Großstadt durfte er sogar im Feuerwehrauto mitfahren. Doch, Pfote drauf!  

Mein Finderheld hat Funkkontakt. Er beschreibt mich. Es geht nach Hauuuse, denke ich schwanzwedelnd. Hier gehe ich jedenfalls nicht vor die Hunde. Ein kurzer Beller musste jetzt sein.  

Was palavern die nur? Klar sind die Kommunen für mich als Fundtier zuständig. Ich als ausgewachsener Hund weiß das. Doch es ist Sonntagnachmittag. Im Rathaus dreht sich doch seit 52 Stunden kein Rad mehr. Ach so, ein Fund muss angezeigt werden. Das ist typisch hundedeutsch, wuffe ich in meine Lefze. Muss ich wohl mit meiner Pfote noch eine Marke ziehen? 0815, der Finder von „Explanatio“ bitte in Raum 116! Symbolisch gesehen ist das kein Hundelatein. Das gibt es in Thüringen. Da werden Tiere im zuständigen Tierheim erst aufgenommen, wenn vorher eine Fundan­zeige bei der Ordnungsbehörde erfolgte. Da wird doch nicht nur der Hund in der Pfanne verrückt!  

Doch ich habe tierisches Glück: Eine kompetente Leitstelle, die ordnungs­behördlich korrekt informiert ist und ein zuständiges Tierheim. Die Rettungskette funktioniert hier. Und es geht schnell, wedele ich entzückt. Anderenorts mussten tierfreundliche Finder bis zu drei Stunden auf Hilfe warten. Kein Wunder, dass manche bei Fundtieren einfach wegsehen.  

Dem Finder von „Rocky ­Ravioli“, dem Pinscher aus dem Blechbüchsenviertel, hat es arg getroffen. Der zeigte Tierliebe an einem Ort, an dem man den kleinsten Hund die meiste Prügel gibt. Da gibt es kein Tierheim, nicht einmal eine Vereinbarung mit einem Tierschutzverein, obwohl das kommunale Pflicht ist. Zum Jaulen! Diese Orte sollten auf WikiLeaks ­angeprangert ­werden. Das ist so eine Enthüllungsplattform, fiepte mir die kluge „Paula Goldi“  in der  Hundeschule zu.  

Doch, bei meiner Stammbaum-Ersten, solche Kommunen gibt es. Dieser Bürger handelte gesetzeskonform. Er bestand auf die Aufnahme des Findlings in ein Tierheim. Er setzte sich durch und bekam die Quittung. Ihm wurde die Rechnung von der ­Gemeinde weitergeschoben, deren Begleichung das Tierheim vom Ort – in dem der Hund gefunden wurde – forderte. Da stinkt der Hund gewaltig!  

O doch, schlafende Hunde und Politiker sollte man wecken. Orte in denen Hunde mit dem Schwanz bellen, dürfen ihre Pflichten nicht einfach ignorieren können. Da ist die Oberobrigkeit, der Rudelführer gefordert. Das Ansinnen von Entscheidern – mit den großen Hunden pissen wollen, aber das Bein nicht heben können – muss ein Ende haben, bellt es aus mir heraus. Das wäre ja noch ­schöner, wenn eine Hunde-Ausbüx-App ent­wickelt würde, um schummeln zu können. Da ertönt „lauf“, wenn der Hund ein tierfeind­liches Areal, ohne Hilfsangebote, betritt. Und „sitz“ schallt aus dem Handy in einem gelobten Hundeland. Das wäre aber ganz schön unfähr und ginge zu Lasten der gesetzestreuen Kommunen. Wirklich zum Jaulen!  

Mal so von Hund zu Hund: Wie wäre es, wenn Finder in aus der Reihe tanzenden Gemeinden einfach die Fundtiere an den Zaun des Bürgermeisters binden oder die Tierboxen in seinen Vor­garten stellen? Zum Wuffen und tierisch gut. ­Werte Leidensgenossen, vielleicht hilft das zu einem tierischen Umdenken. Ich bells doch immer: Tiere an die Macht!  

Zitat ‚Es ist dringend notwendig, die Regelungen für Fundtiere gesetzlich eindeutig zu verordnen. Tierschutzverbände und Tierheime dürfen nicht allein gelassen werden.‘ Matthias Zauche, Tierheimleiter Weimar


Mein Fall ging glimpflich aus. Herrchen hat wieder normalen Blutdruck. Der ist aber auch gleich immer so aufgeregt. Der knuddelte mich vielleicht zwei Tage später vor ­Freude. Klar, habe ich ihn schwanzwedelnd abgeschleckt. Er hat ja alles richtig gemacht: Verlust angezeigt, auf Tierheim-AB gesprochen, Polizei, Jagdpächter informiert, Zettel mit Foto von mir verteilt. Und das Wichtigste: Er hat mich chippen lassen, ist ja Pflicht in Thüringen. Und bei Tasso bin ich auch freiwillig registriert. So konnte ich in der Rettungs­kette – dank Lesegerät – schnell identifiziert werden. Wuff. Die Euronen für meine Unter­bringung zahlte Herrchen auch gern, nur gemeinsam sind wir stark und glücklich.

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