28. Januar 2020
Erfurt

Dr. Neuschulz schreibt über „Elefanten in Erfurt“

Geliebte Riesen

Mitte der 1990er-Jahre war es ein gewohntes Bild: Die Erfurter Elefanten gingen im Wohngebiet spazieren.

Mitte der 1990er-Jahre war es ein gewohntes Bild: Die Erfurter Elefanten gingen im Wohngebiet spazieren.

Der ehemalige Zoodirektor Dr. Norbert Neuschulz erstellt in seinem gerade erschienenen Buch „Elefanten in Erfurt“ die Chronologie einer besonderen Mensch-Tier-Beziehung: 

Voll geballter Kraft wälzen sich die Kolosse über die Straßen im und am Rand des Neubaugebietes. Sie sind tonnenschwer, beeindruckend in ihrer Masse, und trotz ihrer Größe lässt ihre Art der Fortbewegung eine gewisse Anmut nicht vermissen. Und doch mangelt es den Riesen an PS. Die brauchen sie allerdings auch nicht, hier ist eher eine andere Maßeinheit gefragt. ES – Elefantenstärke.

Bis zum Jahr 1997 gehörte es auf dem Roten Berg im Erfurter Norden zum Alltag, dass die Elefanten aus dem benachbarten Thüringer Zoopark hier ihre geführten Spaziergänge unternahmen. Auch in den Kindergärten oder bei offiziellen Anlässen wie der Einweihung einer Straßenbahnstrecke waren die Dickhäuter willkommene, bestaunte Gäste und ausgemachte Lieblinge der Zweibeiner-Nachbarn. Ein paar wenige weitere Jahre lang durften aus Sicherheitsgründen nur noch die die jüngeren Elefantenmädchen Csami und Seronga und Grande Dame Marina auf Spaziertour, bis auch das als zu riskant eingeschätzt wurde.

„Manche Erfurter können bis heute nicht verstehen, dass die Elefanten nicht mehr spazierengehen“, weiß Dr. Norbert Neuschulz. „Aber es ist einfach zu gefährlich, Elefanten sind Wildtiere.“ Wie kaum ein anderer hat sich der ehemalige Direktor des Thüringer Zooparks mit den charismatisch-faszinierenden Tieren befasst. Seine intensive Aufmerksamkeit gilt dabei den Elefanten im Erfurter Zoo, hat er sie doch 17 Jahre lang beobachten, erleben, studieren können. Mit seinem gerade erschienenen Buch gibt Neuschulz einen akribischen Abriss über die Haltung der grauen Riesen vor Ort, von 1960 bis heute . Er erzählt damit auch die Geschichte anderer deutscher Zoos und gibt auch weiteren zum Teil brisanten Themen rund um die schwersten Landtiere der Erde Raum.

Elefantenland Thüringen

Norbert Neuschulz macht sich intensive Gedanken um die Rüsselträger in Menschhand und beleuchtet geschichtliche Aspekte genau wie Haltungsbedingungen und Fortpflanzungsmanagement heute

Thüringen ist immer schon Elefantenland, so scheint es. Manches Haus trägt in seinem Namen den Verweis auf die Dickhäuter, es gibt Überlieferungen, die von Wandermenagerien mit Elefantenauftritten berichten, das Örtchen Niederroßla erinnert noch immer an den unrühmlichen Tod von Elefantendame Miss Baba, und der in Erfurt geborene und hier als Universitätsgelehrter und Oberbürgermeister tätige Arzt Georg Christoph Petri ab Hartenfels veröffentlichte 1715 mit „Elephantographia curiosa“ die erste Monografie über Elefanten. Kein Wunder, dass Erfurter Kinder sich für ihren 1959 eröffneten Zoo einen Elefanten wünschten. Den bekamen sie dann auch, nachdem landesweit mit Unterstützung des Kinderradios 70.000 Kinder Margarine-Bildchen gesammelt hatten. 1960 dann kam endlich das Elefantenbaby nach Erfurt, es erhielt den Namen Marina, wie auch die Margarine hieß.

„Die Elefantenhaltung im Erfurter Zoopark hat eine bewegte, sich lange am Rande des Machbaren vollziehende Geschichte“, schreibt Dr. Neuschulz in seinem Buch. Nach einem kurzen Ausflug in die Geschichte beginnt er mit Marina die fast 60 Jahre lange Geschichte sämtlicher 16 Erfurter Elefanten zu erzählen. Zum Beispiel diese: Wie Eigenbrötlerin Marina vom einsamen Elefantenkind zum Alphatier wird und bis zu ihrem Ende immer der Star und Publikumsliebling unter den exotischen Kolossen ist. Wie Elefantenbulle Assam immer öfter den Gehorsam verweigert und derart aggressiv wird, dass er erschossen werden muss. Wie die einstigen Zirkuselefanten Jenny, Carla und Olympia in Erfurt ein neues Zuhause finden. Wie wunderschön Aja war. Wie die Afrikanerinnen Mondula, Aja und Safari nach Erfurt kamen. Auch dem vermeintlichen Skandal, der den Erfurter Zoo weltweit in die Schlagzeilen brachte, bei dem es um den Erwerb der Tuli-Elefanten Csami und Seronga ging, widmet Norbert Neuschulz etliche ausführliche Seiten. „Das ist ein Krimi für sich“, lässt er die aufregenden Geschehnisse noch einmal chronologisch Revue passieren. „Natürlich habe ich dabei nicht vergessen, Eigenkritik zu üben.“

Auch sonst lässt sein Buch, an dem er sieben Jahre lang intensiv arbeitete und das er ursprünglich als Chronik zum 50. Zoogeburtstag herausgeben wollte, neben umfangreichen Fakten, wissenschaftlichen Hintergrundinformationen über Elefanten, ihre Begabungen, Dressur, die Bedrohung und Neuschulz‘ eigener Sichtweise auch Raum für kritische Stimmen und Interpretationen. Er erinnert an die früher gängige Praxis in deutschen Zoos, Elefanten zu halten und nachts anzuketten. „Kein Wunder, wenn da früher mal einer durchgedreht ist.“ Der Erfurter Zoo war einst der erste in Ostdeutschland, der die Kettenhaltung abgeschafft hatte. Darüber hinaus sprach der Autor mit zwei Elefantenspezialisten: Dr. Ann-Kathrin Oerke vom Elefantenservice des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen und der Koordinator des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms für die bedrohten Dickhäuer, Zoodirektor Dr. Arne Lawrenz vom Grünen Zoo Wuppertal, geben zur aktuellen Situation des Afrikanischen Elefanten in Europas Zoologischen Gärten Auskunft.

„Mein Bestreben war es immer, die Elefantenanlage weiter auszubauen“, erinnert sich der ehemalige Zoodirektor an seine aktive Zeit, in der ihm die großen Tiere immer besonders am Herzen lagen. Bis heute findet er die eigensinnigen Schwergewichte faszinierend, hochintelligent, mit einem fabelhaften Gedächtnis versehen. Dass seine Umbaupläne für die Anlage einfach in der Schublade verschwanden, wurmt ihn bis heute. Auch, dass das neu gebaute Elefantenterrain dann so sehr viel teurer war. Aber er denkt im Sinne der Dickhäuter: „Keine Frage, das ist eine moderne Anlage, die Elefanten haben bessere Bedingungen bekommen.“

vor Jahren Csami und Seronga im Tausch gegen zwei andere Elefanten abgegeben wurden, tut Norbert Neuschulz noch heute weh. Vor allem Csami war ihm sehr ans Herz gewachsen. „Damit begann die ganze Katastrophe“, sagt er im Hinblick auf fehlenden Nachwuchs im Erfurter Elefantengehege und nimmt kein Blatt vor den Mund. Gott sei dank, fügt er hinzu, sei Csami wieder zurück in Erfurt. Nun hofft er, dass sich hier in Sachen Nachwuchs etwas bewegt. Dass beispielsweise Elefantenbulle Abu aus Halle den Damen seine Aufwartung macht, der Erfurter Kibo ist noch nicht so weit. In seinem Buch wagt er sogar eine Prognose, wie sich die Erfurter Herde, die als Mutterfamilie unbedingt zusammenbleiben sollte, im Idealfall entwickeln könnte. Damit Thüringen auch weiter Elefantenland bleibt.

Das Buch:

„Elefanten in Erfurt“

Dr. Norbert Neuschulz, gibt einen Abriss sämtlicher Ereignisse , die sich um die exotischen Kolosse im heute 1276-jährigen Erfurt ranken – bis hin zu den politischen. Einen führenden Platz nimmt der Zoopark mit seinen bisher 16 Rüsseltieren ein. Immer wieder greift er auch tangierende Themen wie etwa „Zoos in der DDR“, „Woher die Zootiere kamen“, „Elefanenbegabungen“ und die verheerende Elfenbeinwilderei in Afrika auf und fördert bisher Unbekanntes über den Zoopark zutage.

Das Elefantenbuch ist das jüngste Projekt des Vereins der Zooparkfreunde in Erfurt e.V. Dank seiner Mitwirkung und die der Sponsoren Bernd Schröder, Klaus Neumann, Rüdiger Manes, die Sparkasse Mittelthüringen und Claudia Minnella konnte das Projekt verwirklicht werden. Das Buch ist in jeder gut sortierten Buchhandlung, im Erfurter Zoo-Shop an der Zookasse oder beim Buchkurier von Klaus Schüling in Münster erhältlich.

Der Autor:

Dr. Norbert Neuschulz wurde 1950 in Beetzendorf in der Altmark geboren. Er studierte Biologie in Greifswald und Verhaltenswissenschaften bei Professor Dr. Günter Tembrock an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 1982 bis 1990 arbeitete er als Säugetierkurator im Zoologischen Garten Magedburg. Von da an war er bis 2007 Direktor des Thüringer Zooparks Erfurt.

Themen im Buch

(u.a.):

– „Hands on“ und andere Umgangsformen

– Elefantenbegabungen

– Zoos in der DDR

– Hilfe für die Wissenschaft in Erfurt

– Der Fluch des Weißen Goldes

– Gefährliche Nähe

– Einst gängige Praxis

– Sind Elefantendressuren noch zeitgemäß?

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