19. März 2021
Erfurt

Er provoziert mit bösem Wort und will doch nur Gutes

Erfurter Komponist Leo Sandner arbeitet an neuem Stück, das mit seinem Titel auffällt

Leo Sandner hört genau hin, wie manche Leute auf der Straße miteinander umgehen. In seinem neuen, gerade entstehenden Werk ­thematisiert er die mitunter sehr rauen Umgangsformen und fehlende Empathiefähigkeit und möchte gern anregen, darüber nachzudenken und ­vielleicht etwas daran zu ändern. Foto: S. Eichentopf

Der Erfurter Komponist Leo Sandner arbeitet an einem Stück, das wegen des krassen Titels auffällt und anderen den Spiegel vorhält.

Ich gebe es zu: Erst einmal klingt es ziemlich krass“, weiß der Erfurter Komponist Leo Sandner ­darum, dass der Titel seines neuen Projekts andere Menschen irritiert. Mehr noch – er provoziert und empört. Das soll er auch. ­„Erkenntnisse eines Zeit­genossen oder Vom ­Frisösenficker aus der Nachbarschaft“ heißt der auf Plakat gebannte unübersehbare Stein des nachdenklich ­machenden Anstoßes oder besser gesagt die ­seit Wochen entstehende Komposition aus etwa fünf bis sieben einzelnen kurzen Stücken für 14 Instrumentalisten.

„Da fragen sich schon ­einige, was das soll, was einen sonst vernünftig ­erscheinenden Typen ­bewegt, eine solche Keule ­herauszuholen“, meint Leo Sandner Gedanken anhand irritierter Blicke lesen zu können. Seine Antwort ist eine Sandner-typische, schließlich sei er dafür ­bekannt, sich gern mensch­liche Verhaltensweise, vorzuknöpfen, Charaktereigenschaften in ­Musik zu verwandeln. „Wenn ich etwas erlebe, was mir auffällt, sonderbare Begebenheiten und oder Merkwürdiges im ­Umgang mit­einander ­sehe, muss ich damit arbeiten.“

„So eine Aggressivität unter den Leuten!“

Diesmal ist seine Inspiration das, was er beinahe täglich zu hören ­bekommt, auf den Straßen und Plätzen, auf Wegen, beim Einkaufen, überall da, wo Menschen ­einander begegnen. „Nettigkeiten“ ohne Ende. „Da ist so eine Aggressivität unter den Menschen, schon bei der kleinsten Kleinigkeit kommen Kraftausdrücke ins Spiel“, staunt Leo Sandner immer wieder über ­Umgangsformen, die keine mehr sind. In den letzten Monaten sei das sogar immer schlimmer geworden. Es geht rauer zu untereinander, bisweilen sogar roh und ­gemein. Der Komponist findet das erschreckend, selbst vermeintlich kultivierte Menschen vergriffen sich heute schnell im Ton. „Da frage ich mich schon, wie wir auf diesem Niveau noch vernünftig so etwas wie ­Gesellschaft und Mitein­ander veranstalten können. Mich beunruhigt das sehr, dieser totale Verzicht auf ­Empathie“, sagt Sandner und wünscht sich sehnlichst eine Veränderung. Zurück zur Vernunft.

Steilvorlage für Kunst

Leo Sandner versucht das auf seine Art, er macht ­daraus Kunst: „Wie wir Künstler halt sind“, sagt er lächelnd. Schließlich hat er lange noch nicht den Glauben an das Gute verloren. Dass er dabei überspitzt und polarisiert, ist gewollt und künstlerisches Mittel und seine Freiheit. Obwohl die Realität ihm genügend Stoff als Vorlage bietet: Den titelgebenden ­„Frisösenficker“ beispiels­weise hat er sich ­damit eingefangen, dass er einen Hundehalter darum bat, die haufengroße Hinterlassenschaft seines Vierbeiners ­zu beseitigen.

Sandners Werk thematisiert ­komische, weniger ­komische und auch unfassbare ­Momente unseres Mitein­anders, hält auf unterhaltsame Weise manchem den Spiegel vor. Zu jedem der Stücke – einige werden auf YouTube zu hören sein – gibt es eine Karikatur, die die ­erlebte ­Situation aufgreift. Die Misstöne von der Straße allerdings hält der Komponist draußen. Lieber setzt er auf eine gemäßigte Tonsprache, die er der Realität entgegensetzt. Er geht einfach mit ­gutem Beispiel voran.

 

Infos:

Coronabedingt ist nicht absehbar, wann der Zyklus zur Uraufführung ­kommt. ­Ab April sind einzelne Stücke auf ­YouTube zu erleben. Es ­musizieren Mitglieder des Philharmonischen ­Orchesters Erfurt unter der Leitung des Komponisten.

Das titelgebende Stück ist das erste Werk aus einem Zyklus von mehreren etwa fünfminütigen Stücken für 14 Instrumentalisten.

Wichtiger Bestandteil sind eigens angefertigte ­Karikaturen, die erlebte ­Situationen aufgreifen und überspitzt darstellen.

Mehr Informationen: www.leo-sandner.com

 

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