Erlebte Weihnachtsfinten - meinanzeiger.de
19. Dezember 2019
Erfurt

Erlebte Weihnachtsfinten

Tricksen zum Fest - Mythen, Irrtümer und Scheinheiligkeit

Von der Fest-Mimikry° in meiner Familie, um Weihnachten kindgerecht zu formen. Oder wie ich heute die Mythen, Irrtümer, Tricks und den Schein um das Christfest verarbeite.

Ja, ich weiß, meine ­Eltern und ­Großeltern ­haben es in punkto Weihnachtsfest nur gut mit mir gemeint. Und so tricksten sie besten Gewissens, was das Zeug hält, aber auch aus ­Unwissenheit. Sie erhielten halt keine Aufklärung, hatten keine „gottesfeind­lichen“ Bücher, keine atheistische Schulbildung und schon gar kein Internet.

Warum meine Mutter nie dabei war, als der gruselige Mann die Geschenke ver­teilte, war mir als Kind schnell klar. Das lag nicht nur an dem groben Leinen-­Getreide-Sack mit der Aufschrift „Albin Gräser“, mein Großvater, sondern auch daran, dass der „Weihnachtsmann“ die Damen­stiefel meiner Mutter trug. Und Fetischismus war mir damals noch fremd. Ich nahm es also mit ertragener Erregtheit, in Vorfreude auf die Gaben.

Meine Oma als ­geschätzte Weihnachts-Backikone, hob stets den Zeigefinger, wenn ich den meinigen in den Teig sinken ließ, um zu naschen. „Iss nicht so viel ­rohen Teig, du kriegst Würmer im Bauch.“ Die erste Finte noch vor dem Fest. Na ja, in ihren ­Augen war ich ohnehin der „ungläubige Thomas“ – wenn auch scherzhaft. So ignorierte sie den Thomastag am 21.  ­Dezember. Dabei trage ich den Namen eines Apostels. Thomas war ein Heiliger und Märtyrer. Dass er auch Zweifler war, bestätigt ­meine erlebte Weihnachtsfarce ja.

Weit schwerwiegender empfand ich später den ­Anlass der christlichen Geburtstagfeierlichkeiten zuhause. Oma tänzelte ehrfürchtig um die buntbe­druckte Weihnachtskrippe aus Pappe. Sie hielt zeitlebens am Ritual fest: Wir feiern die Geburt Jesu. Da half auch nicht, dass ich – als jugendlicher Atheist – ihr erklärte, dass die Bibel kein konkretes Datum hergibt. Selbst Papst Johannes Paul II. ­verkündete 1994: „Von einer zeitlich ­exakten Berechnung hinsichtlich der Geburt Jesu“ sehe man ab. Das erlebte meine Oma nicht mehr. Und wenn, wären es Worte eines Katho­liken gewesen, die zählten bei ihr eh nicht. Glauben ist halt kompliziert.

Und hätte ich damals ­davon angefangen, dass in der Heiligen Schrift nichts von einem Stall als Geburtsort von Jesu zu finden ist, wäre ich vom familiären Weihnachtsfest „exkommuniziert“ worden – kein Lebkuchen, keine Gans, keine Geschenke. Forschern zufolge erblickte der „Sohn Gottes“ in einer Höhle oder Grotte das Licht der Welt. Meine Oma würde fluchen: „Jesus Maria!“ Ich höre es noch in ihrer akzentreichen Minderheitssprache slowakischer Herkunft. Niemals hätte meine Großmutter ihre ­behütete Krippe, mit warmen Farben ausstaffiert, also den ­sterngeschmückten blitzsauberen Stall – der neuzeitlichen Hygiene ange­passt – in eine schmutzige, steinerne, feuchte Erd­höhle umgewandelt. Und das war / ist auch gut so.

Mich verblüffte auch die Hartnäckigkeit meiner ­Großmutter bei den „Heiligen Drei Königen“. In der Bibel erzählt nur der Evangelist Matthäus von diesen Fremden. Da sind es „Sternendeuter aus dem Osten“. Kein Wort über die Anzahl drei oder ihren Stand. Hochwohlgeboren mögen sie vielleicht gewesen sein, heilig aber bestimmt nicht. Dazu bedarf es einer Heiligsprechung. Auch so eine Legende, so ein ­jahrhundertaltes Routine-­Ritual.

Dann noch: ­Weihnachten wird am 24. Dezember ­gefeiert. Völliger Blödsinn. Das haben sich die Menschen auch nur zurechtgeliebt. Vielleicht um nicht drei Tage heile Familie spielen zu ­müssen.Der erste Weihnachtsfeiertag ist nicht ohne Grund der 25. Dezember. Der Name „Heiligabend“ sagt es doch: liturgisch ­gesehen ist es der Vorabend des Weihnachtsfestes. Und um die Fassade nicht noch länger aufrecht zu halten, wurde das Christfest gleich mal gestutzt. Tatsächlich endet die Weihnachtszeit nicht am 26. Dezember und auch nicht am 6. Januar, dem Dreikönigstag. Es geht sogar bis zum 2. Februar, bis „Mariä Lichtmess“. Man stelle sich vor: Tante Rosi und ­Onkel Herbert verweilen 39 Tage unterm Weihnachtsbaum als Besuch. „Jesus Maria!“ Das wäre selbst meiner Oma zu viel. Dann gäbe es wohl noch mehr Weihnachtsschummel.

Und noch einer: Jahre lang wurden mir die wohlschmeckenden Erdnüsse als weihnachtliche Gabe zelebriert. Heute weiß ich: Sie haben mir Bohnen in den Weihnachtsteller gestreut. Erdnüsse zählen zu den Schmetterlingsblütlern in der Familie der Hülsenfrüchte. Welche kulinarische Delusion°.

Der Weihnachtsmann ist eine Symbolfigur. Er vereinigt Eigenschaften des heiligen ­Bischofs Nikolaus von Myra und seines Begleiters, des Knechts ­Ruprecht. Und in manchen ­Regionen ­erscheint das Christkind. Ich hoffe, Ostern ist einfacher. Sonst müsste ich auch noch das ­höchste Fest im Kirchenjahr von familiär erlebten Irr­tümern ­befreien. „Jesus Maria!“ ­Meiner Oma blieb einiges erspart. Frohes Fest. Übrigens: Weihnachten finde ich trotz- und  gerade alledem ganz toll!

Zur Sache

Da kommen selbst eingefleischte Weihnachtsfans durcheinander – Nikolaus, Knecht Ruprecht, Weihnachtsmann und / oder Christkind?
Nikolaus von Myra, der im Jahre 270 in der heutigen Türkei geboren wurde ist der Namensgeber für die Kultfigur. Er hat wirklich gelebt und wurde schon im Alter von 17 Jahren zum Bischof ernannt. Um ihn ranken sich Mythen. So soll er unzählige Kinder und Seefahrer gerettet haben. So wurde Nikolaus von Myra nach seinem Tod am 6. Dezember 345 heiliggesprochen. Bei der Geschenkvergabe durch ihn steht wohl die Geschichte um drei mittellose Jungfrauen im Fokus. Ihnen soll der Bischof heimlich drei goldene Kugeln gebracht haben, damit sie ihre Mitgift zahlen und der Prostitution entgehen konnten. Daraus formte sich das Ritual, den Gedenktag mit einem Akt der Nächstenliebe zu vereinen, und Gaben zu geben. Einst kamen nur Äpfel, Nüsse oder Gebäck in die Strümpfe oder Schuhe. Und heute ist diese Tradition hinter das weihnachtliche Hauptfest ­gerutscht. Weihnachtsmann und Christkind haben den Wert vom Nikolaus gemindert.
Das Christkind entstand im 16. Jahrhundert, während der Reformation. Martin Luther widerstrebte die Huldigung von Heiligen. Deshalb erfand er ein überirdisches Wesen, welches den Nicht-­Katholiken den Nikolaus ersetzen sollte. Den Namen erhielt es in Anlehnung an die Geburt Jesus Christus. Darum wurde sein Ehrentag auf den 24. Dezember verlegt. Es prägte sich das Bild von einer engelsähn­lichen Figur, mit Flügeln, weißen Gewändern und goldenen Locken. Über die Jahrhunderte verbreitete sich das Christkind auch bei den Katholiken.
Auch der Weihnachtsmann ist eine Kunstfigur. Er entstand aus mehreren Figuren, ­darunter dem Nikolaus und dessen ­Begleiter Knecht Ruprecht. Ein ­deutscher Einwanderer, der ­gebürtige Pfälzer ­Thomas Nast, malte ab 1862 in den USA einen ­gemütlichen, bärtigen Gabenbringer für die ­Zeitschrift „Harper‘s Weekly“. Sein populärer „Santa Claus“ dient bis heute als Vorbild für ­Weihnachtsmänner. Diese ­fahren oft mit Rentieren Schlitten. Wandel, ­Umdeutungen und Falsifikat° fordern Tribut.

Hintergrund

 Jeder zehnte Deutsche hat laut einer Umfrage keine Ahnung, warum Weihnachten überhaupt gefeiert wird.

  76 Prozent der Deutschen verbinden mit Weihnachten Geschenke, aber nur 29 Prozent mit einem Kirchgang.

 Nach Weihnachten verdoppeln sich die Zugriffszahlen über Scheidungsrecht und Unterhaltsrechner im Internet. Dennoch werden in der Weihnachtszeit statistisch gesehen die meisten Kinder gezeugt.

 Im Jahr 350 n. Chr. verkündete Julius I., der damalige Bischof von Rom, dass von nun an der 25. Dezember als offizielles Datum für die Geburt Jesus Christus bestimmt wird.

 In Deutschland gibt es neun Weihnachtspostämter: Himmelpforten, Himmelsthür, Nikolausdorf und Himmelreich (Niedersachsen), St. Nikolaus (Saarland), Himmelstadt (Bayern), Himmelpfort (Brandenburg), Engelskirchen (Nordrhein Westfalen), Himmelsberg (Thüringen).

 Deutschlands meistverkaufter Weihnachtsbaum, die Nordmanntanne, stammt ursprünglich aus dem Kaukasus. Der Baum aus der Familie der Kieferngewächse wird auch Kaukasus-Tanne genannt. Benannt wurde sie nach dem finnischen Biologen Alexander von Nordmann und hat nichts mit den Wikingern, den „Nordmannen“, zu tun.

 Neun Rentieren ziehen den Schlitten von Santa Claus – Rudolph, Comet, Cupid, Donder, Dasher, Dancer, Prancer, Vixen und Blitzen. Doch männliche Rentiere werfen alljährlich ihr Geweih um die Weihnachtszeit ab. Die Weibchen, die als einzige Hirschart auch ein Geweih haben, hingegen erst im Frühjahr. Demnach sind die Rentiere des Weihnachtsmannes – da sie Geweih tragen – weiblich oder kastriert.

 2019 geben die Deutschen 281 Euro pro Kopf für Weihnachtsgeschenke aus.

 Mimikry = die ­Anpassung, die der Täuschung oder dem eigenen Schutz dient.­

 Das Falsifikat = Fälschung.

 Delusion = Täuschung

Zitate

„Der Text zeigt: Volk und Frömmigkeit haben sich zu Volksfrömmigkeit verbunden – das findet sich in allen Religionen.“ Egmond Prill, Theologe

„Jesus Maria! Wandel, Umdeutungen und Falsifikat° fordern ihren Tribut.“ 
Thomas Gräser, Autor

Video
https://www.butenunbinnen.de/videos/bedeutung-von-weihnachten-100.html

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