29. November 2017
Erfurt

Frank Michael Wagners derb-lustiger Blick in die DDR der 70er-Jahre

Schlüpferdieb & Wolfsschanze:

Der Rudolstädter Frank Michael Wagner wirft mit seinem Roman einen bitterbösen bis derb-lustigen Blick auf die DDR der frühen 1970er-Jahre:
 

„Das unreife Wanken des Schlüpferdiebs in der Wolfsschanze“. Fast klingt es wie der Beginn eines – zugegeben ungewöhnlichen – Songs. „Ja, der Titel hat schon eine gewisse Klangmelodie“, gibt Frank Michael Wagner zu. Vor allem aber soll er im Kopf bleiben, ein wenig wohl auch provozieren. Deshalb hat er ihn sich ausgedacht für seinen Roman. Außerdem vereint er mehrere Assoziationen: Das Wort „unreif“ lässt an Jugendliche mitten in der Pubertät denken, der „Schlüpferdieb“ könne durchaus kriminelle bis erotische Gedanken hervorrufen. „Und über die Wolfsschanze müssen wir nicht reden, da weiß jeder, was gemeint ist“, konstatiert der Autor.


Zehn Jahre lang, mindestens, schlummert die Geschichte in ihm, der auch von Berufs wegen ständig mit dem Schreiben zu tun hat. Frank Michael Wagner ist seit 26 Jahren Pressesprecher im Rudolstädter Rathaus. Schon zuvor schrieb er Lyrik, Kurzgeschichten und literarische Reportagen, studierte am Literaturinstitut Leipzig, arbeitete unter anderem als Theaterdramaturg.


Irgendwann ist die Story so gereift, dass sie in die Tastatur drängt. Wagner beginnt, an seinem Roman zu schreiben. Er nimmt den Leser mit in die frühen 1970er-Jahre der DDR. „Eine spannende Zeit, in der sich das Land politisch und kulturell geöffnet hat und in der plötzlich vieles möglich wurde, wenn ich nur an neue Bands, Diskotheken oder die Pille denke“, erinnert sich Wagner, damals selbst noch ein unreifer Bengel. Seine frei erfundene Geschichte führt in ein Ferienlager und zu vier halbwüchsigen Jungen dort. Ihnen ist langweilig, bis sie ein altes Gewölbe entdecken, das sie zur Wolfsschanze erklären. Hier spielen sie den Zweiten Weltkrieg nach, werden zu Hitler, Himmler, Goebbels und Rommel. Das Spiel droht zu eskalieren, das Dritte Reich wirkt in vielen Bereichen unterschwellig nach in einem Land, das sich dem Antifaschismus verschrieben hat. Und dann sind da noch die Mädchen, mit gänzlich anderen, verlockenderen Spielen. Nicht nur die jungen Leute werden in diesem Krisensommer durch westliche Rockmusik, herübergeschwappte Hippiemode und die erste Liebe durcheinandergeschüttelt. Auch Erwachsene entpuppen sich als um den eigenen Vorteil Bedachte, Misstrauen und Bespitzelung verdrängen den unbeschwerten Sommer.

Kein typischer Rückblick


„Das Buch ist kein typisch ostalgischer Rückblick, sondern zeigt auch Parallelen zur Gegenwart“, betont Frank Michael Wagner. Trotzdem ist ihm wichtig, Erinnerungen zu bewahren und zu erzählen, wie es damals war. Auch denen, die heute jung sind. Dass es zum Beispiel normal für Kinder war, Kriegsfilme aus dem Fernsehen draußen nachzuspielen. Oder wie wichtig Musik sein konnte. Und wie unterschwellig, beängstigend nah selbst das Dritte Reich noch im Alltag der DDR nachwirkte. Den erhobenen Zeigefinger gibt es dabei nicht. Dafür lässt er seine Protagonisten in ihrer damals üblichen Sprache sprechen, sorgt bei Lesern, die sich an die Zeit erinnern, durch „Eumel“, „gezwiebelt“ und „das fetzt“ für manch wiedererkennendes Schmunzeln. Mitunter bleibt das Lachen auch im Halse stecken. „Der Roman ist eine Satire, nicht unbedingt bitterböse, aber manchmal ziemlich derb. Und lustig“, erklärt Frank Michael Wagner seine Art zu schreiben. Er könne nicht anders, das sei eben seine Form Literatur, eine Mischung aus Zynismus und Satire. Aber keine Angst. Wenn es doch einmal etwas deftiger wird, beschert er dem Leser gleich darauf ein lächelndes Aufatmen.


Aufatmen konnte der Autor auch nach den ungezählten Stunden Freizeit, in denen das Buch entstand. Nun ist es fertig. „Das hat mich 200 Schachteln Zigaretten und die Verwilderung meines Kleingartens gekostet“, macht sein typischer Humor auch vor ihm selbst nicht halt. Der Aufwand scheint sich gelohnt zu haben – sein Verleger war mit dem Ergebnis derart zufrieden, dass er den Roman zum Deutschen Buchpreis 2017 eingereicht hatte. Eine von 180 Bewerbungen aus ca. 70.000 Neuerscheinungen pro Jahr in Deutschland. „Getreu dem Verlagsnamen“, fügt Wagner verschmitzt hinzu.



Lesungen:


– Samstag, 2. Dezember, 10.30 Uhr, Lese-Café in der Thalia-Universitätsbuchhandlung Jena;

– Donnerstag, 7. Dezember, 18 Uhr, Buchmesse im Alten Rathaus Rudolstadt;

– Dienstag, 12. Dezember, 19 Uhr, Stadtbibliothek Saalfeld


Das Buch:


Frank Michael Wagner „Das unreife Wanken des Schlüpferdiebs in der Wolfsschanze“310 Seiten, erschienen im Größenwahn Verlag, Frankfurt a.M.



Zum Inhalt:


Konrad und seine Kumpel Halleluja, Ratte und Hutzel dürfen zum Ende ihrer „Pickelzeit“ ein letztes Mal mit ins Ferienlager. Aus Langeweile zieht es sie in ein altes Gewölbe, das sie zur Wolfsschanze erklären. Dort spielen sie den Zweiten Weltkrieg nach, wobei sie die Rollen der NS-Führung untereinander aufteilen. Aber je stärker ihr Spiel ausufert, sie die anderen Kinder tyrannisieren, desto schwerer lässt sich das vor den Betreuern verheimlichen. Und da sind auch noch die Mädchen im Lager, die mit einem anderen, verlockenderen Spiel für Aufmerksamkeit sorgen.

In einer Zeit politischer Veränderungen wird das Erwachen für alle Beteiligten zu einem Krisensommer. Westliche Rockmusik, Hippie-Mode und erste Liebe infizieren die Jugendlichen. Erwachsene entpuppen sich als Opportunisten, die sich nur ihren eigenen Vorteil verschaffen wollen. Eifersucht und staatsfeindliches Treiben sorgen für Misstrauen und Bespitzelung. Trotz erklärtem Antifaschismus wirkt das Dritte Reich in vielen Belangen unterschwellig nach. Alle Spiele drohen zu eskalieren.

In einer teils bitterbösen, teils amüsanten Satire mit kollektiver Erinnerung an Ferienlager-Romantik und Freizeitbeschäftigung wirft der Roman einen zeitgeschichtlichen Blick auf die DDR in den frühen 1970er-Jahren. Und er zeigt, wie sozialistische Erziehung eine janusköpfige Generation hervorbrachte: ebenso fleißig, pflichtbewusst und gebildet wie angepasst, ausnutzbar und latent fremdenfeindlich. Ein Roman über die eigenwillige Moral einer Gesellschaft, die sich nach Freiheit sehnt, aber die Freiheit nicht sehen kann.

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