Lohengrins Fahrt mit „Handy-Schwan“ im Erfurter Theater - meinanzeiger.de
14. Februar 2020
Kultur

Lohengrins Fahrt mit „Handy-Schwan“ im Erfurter Theater

Theater Erfurt/ „Lohengrin“ romantische Oper von Richard Wagner/ Premiere am 08.02.2020

Gustavo Eda und Andreas Drescher als Edle, Siybulela Ntlale als Heerrufer, Kakhaber Shavidze als Heinrich der Vogler, Uwe Stickert als Lohengrin, Margrethe Fredheim als Elsa, Damen und Herren des Opernchores, Foto: Lutz Edelhoff, Theater Erfurt

Die letzte Lohengrin-Inszenierung liegt nun in Erfurt 17 Jahre zurück, damals wurde die Wagner Oper noch an der Ersatzspielstätte im Kuppel-Theater gespielt. Damals debütierte Klaus Florian Voigt als Lohengrin, heute ist er ein weltweit gefeierter Darsteller dieser Rolle. Für den Weimarer Tenor Uwe Stickert kam das Angebot der Lohengrin-Rolle genau zur richtigen Zeit. Zu Beginn seiner Karriere feierte er vor allem Erfolge mit Rossini und Mozart-Opern. Auch im französischen Fach hatte er viele Erfolge. Um es vorweg zu nehmen, Uwe Stickert konnte mit seiner jungenhaft klaren Stimme, die mühelos strömte, das Erfurter Premieren-Publikum ganz für sich einnehmen. Genau so hatte sich Margrethe Fredheim auf ihr Debüt gefreut: „Elsa passt einfach stimmlich und charakterlich sehr gut zu mir“. Außerdem erzählte sie, dass eine Tannhäuser-Inszenierung in Oslo für sie der Impuls war, selbst Sängerin zu werden. (Quelle: Theater Erfurt)   Für die Handlung seines Lohengrin-Stoffes griff Wagner auf die Sagen-Gestalt des Schwanenritters zurück, der der unschuldig angeklagten Prinzessin Elsa von Brabant in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Die beiden verlieben sich. Als Elsa Lohengrin jedoch nach seiner Herkunft fragt, ändert sich ihr Verhältnis, der Schwanenritter muss zurückkehren in seine geheimnisvolle Welt und Elsa stirbt. Der Held scheitert an der Unzulänglichkeit der Menschen.

Wie würde der Regisseur Hans-Joachim Frey an die Inszenierung in Erfurt herangehen? Darauf war das Publikum gespannt. Immerhin ist er gut bekannt als Inszenator des Dresdner Semperopernballes. In diesem Jahr hatte er ja bereits für Schlagzeilen mit der Preisverleihung des Sankt-Georg-Ordens für den ägyptischen Präsidenten gesorgt. Nach größerem öffentlichem Protest war er ein zweites Mal nach Kairo gereist, um den Orden wieder abzuholen.

Der Regisseur verlegt die Handlung in eine fiktive märchenhafte Zukunftswelt. Sie findet im Jahr 2050 statt. Lohengrin erscheint hier als ein vollkommen Außerirdischer, er kommt nicht aus einer anderen quasi menschlichen Welt, sondern von einem anderen Planeten. Der erste Akt beginnt vor leicht düsterer Kulisse, die aber auch futuristisch wirkt. Da kreisen kleine Flugzeuge und andere Luftobjekte vor grauem Hintergrund. Den Mittelpunkt der Bühne bilden aufgestellte Sarkophage, die verglast sind. Um sie herum, aber auch direkt auf ihnen spielt sich die Handlung ab. Hier wird der verschwundene Gottfried betrauert und der König verkündet den Gerichtskampf um Elsas Unschuld. Dann erscheint Lohengrin in einer Art überdimensionalem Handy. Eine Treppe senkt sich von oben auf die Bühne herab, über die Lohengrin den Bühnenboden betritt.

Die Kampfszene zwischen Lohengrin und Telramund ist kurz und schmerzlos. Lohengrin hält dem Bösling einfach sein „Jedi-Leucht-Schwert“ hin, worauf Telramund zusammensackt, getroffen von der göttlichen Macht. Doch Lohengrin schenkt ihm das Leben. Damit herrscht erst mal Glücksstimmung.

Der zweite Akt bietet das Zwiegespräch zwischen Ortrud und Telramund an düsterem Ort. Es wölbt sich über allem ein riesiges rotierendes Dach. Wieder ist eine Gruftatmosphäre mit Särgen gewählt und Telramund liegt auf einer Mumie und macht seiner Ortrud die heftigsten Vorwürfe. Gespielt ist diese Szene von Máté Sólyom-Nagy und Anne Derouard ganz eindrucksvoll und auch brillant gesungen. Um zu zeigen, wie verzweifelt er ist, nimmt er die Mumie auch noch heraus und legt sich selber in den Sarg. Ortrud hat aber ihren Rache-Plan und wie Anne Derouard diesen Plan vorträgt, das ist schon sehens- und auch hörenswert, weil sie eine klangvolle voluminöse Stimme besitzt. Diese Szene beeindruckt und zeigt, dass die dunklen Mächte ihr Werk kunstvoll begonnen haben. Anne Derouard als Ortrud schleicht sich mit viel schauspielerischem Fingerspitzengefühl in das Vertrauen von Elsa ein (Margrethe Fredheim). Margrethe Fredheim füllt ihre Elsa-Rolle sowohl spielerisch als auch sängerisch perfekt aus. Das Wechselspiel zwischen der intriganten Einflüsterin-Ortrud und der naiv Gläubiger-Elsa gehört zu den Höhepunkten des Premieren-Abends. Gut sind auch alle weiteren Szenen mit dem Hochzeitszug vor der Kirche gespielt, wo Ortrud den Vorrang haben will und Telramund noch einmal seine Vorwürfe äußert. In dieser Szene wirkt Kakhaber Shavidze mit königlichem Gebaren und mächtiger Stimme auf die Kontrahenten ein. Diese Rolle ist ihm geradezu auf den Leib geschrieben. Es ist sein überaus verhaltenes Spiel und seine bassige Stimme, die der Figur so viel anschauliche Wirkung verleihen. Der Mächtige und Gerechte bringt es eben mit wenigen Gesten auf den Punkt. Passend dazu präsentieren auch die Kostüme von Hartmut Schörghofer die Charaktere der einzelnen Figuren.

Der dritte Akt gibt dem Opernchor des Theaters Erfurt und des ihn verstärkenden Philharmonischen Chores die Möglichkeit, sein ganzes Können mit dem „Brautmarsch“ hören zu lassen und das gelingt ihm auch glänzend. Die Szene des vertrauten Zwiegespräches zwischen Elsa und Lohengrin wird gesanglich und auch bildlich zu einem lyrischen Höhepunkt der Premieren-Aufführung, weil Uwe Stickert (Lohengrin) und Margrethe Fredheim (Elsa) stimmlich ihre Rollen mit echten Gefühlen verbinden. Hier ist ein Liebespaar auf der Bühne, dem man als Zuschauer alles abnimmt. Sehr gelungen sind auch die Kostüme: sie trägt ein goldenes Sonnenkostüm und er ist wie der silberne Mond. Umso dramatischer wirkt dann auch der Bruch zwischen beiden nach der verbotenen Fragestellung. Dagegen ist die Folgeszene, in der Telramund mit dem Leuchtschwert eindringt, wieder äußerst schwach und undramatisch dargestellt: Lohengrin hält einfach das Schwert fest und Telramund fällt tot um. Man könnte das als Verzicht auf plumpen Naturalismus bezeichnen oder auch als ziemlich einfallslos.

Nun muss sich Lohengrin dem König offenbaren, wer er ist und seinen Abschied verkünden. Wieder senkt sich das „fliegende Handy“ als Schwan über die Bühne und die Treppe öffnet sich und gibt den Blick frei auf einen Jungen, der so aussieht wie Lohengrin selbst, nur eben kleiner. Dann wird er von Lohengrin als neuer Herrscher von Brabant vorgestellt. Nachdem Elsa noch einmal „mein Gatte“ ausruft, nimmt Lohengrin sie freundlicherweise in sein „Schwan-Handy“ mit. So schafft der Regisseur Hans-Joachim Frey ein neues Ende und eine neue Sichtweise auf das Stück und erntet dafür beim Schlussapplaus viele Buh-Rufe.

Fazit:

Das Regiekonzept

Regisseur Hans-Joachim Frey und sein Bühnenbildner Hartmut Schörghofer haben eine eigene Lohengrin-Bühnenwelt geschaffen, die durch das Licht-Design von Torsten Bante verstärkt wurde. Sie haben ihre Inszenierung in eine Märchenwelt in das Jahr 2050 verlegt und alles spielt auf der Erde. Die Kostüme des Chores sind sehr gewöhnungsbedürftig. Man kann sich schwer vorzustellen, dass in 30 Jahren die Menschheit so außerirdisch und science-fictionhaft bekleidet sein wird.

Man sieht Hochhäuser und Flugobjekte im Hintergrund und im Vordergrund stehen Glassärge. Dass die Protagonisten ständig über die Sarkophage laufen und auch die Kampfszene darauf stattfindet, das kann nicht jeder nachvollziehen. Denn, wo bleibt die Achtung vor der Totenruhe?

Überhaupt keinen Eindruck hinterlassen die Kampfszenen, die jeder Dramatik entbehren und noch nicht einmal den Ansatz von Kampf zeigen, sondern schematisch daherkommen. Genauso plump wirkt dann auch die Schlussszene mit Happy End, wo Elsa einfach in Lohengrins „Schwan-Handy“ mitfahren wird. Das hätte Wagner wahrscheinlich nicht so gemacht. So simpel kann man die Tragödie nicht auflösen und die Intention des Stückes verändern.

Die Massenszenen sind ganz eindrucksvoll drapiert, aber durchgängig ohne Bewegung. So ist der Gesamteindruck leider ziemlich statisch. Dem Chor fehlte die Lebendigkeit und Beweglichkeit. Es gibt in der Inszenierung keine differenzierte Personenführung, da fehlte es offenbar an einer konkreten Probenarbeit mit den Sängern.

Und offensichtlich hatte Regisseur Frey keine interessanten und spannenden Regie-Ideen und damit auch keinen Plan. So wurde Musik, Gesang und fehlende Bewegung nicht zu einem Gesamtkunstwerk vereint. Denn die Aufgabe eines Regisseurs wäre es, alle künstlerisch Beteiligten zu kreativen Partnern zu machen und die Sänger zu Kreativität und sie zu Eigenverantwortlichkeit zu ermuntern.

Das war hier leider nicht der Fall. Es fehlte an Stimmigkeit und Logik der Regie. Es wurden szenische Vorgänge und die Konflikte sowie die dramatischen Handlungsbögen der Partitur und der Logik der Figurenbeziehungen nicht erfüllt. Und bedauerlicherweise wurde daraus dann keine gelungene Inszenierung.

Man fragte sich nach der Premiere, warum sollte ein Ball-Inszenator auch noch eine Oper-Regie führen? Ist das Eitelkeit? Wäre es nicht besser, diese Aufgabe den Fachleuten zu überlassen, die eine tiefere Werkkenntnis besitzen?

Die musikalische Umsetzung

Musikalisch war die Premiere ein großer Publikumserfolg. Alle Sänger konnten die Zuschauer mit ihren brillanten Leistungen überzeugen. Besonders Uwe Stickert und Margrethe Fredheim ernteten viel Applaus für ihr gelungenes Debüt. Aber auch die anderen Hauptdarsteller: Kakhaber Shavidze, Máté Sólyom-Nagy und Anne Derouard wurden vom Publikum mit viel Beifall bedacht. Siyabulela Ntlale als Heerrufer bekam viel Applaus ebenso wie der Chor. Gerade der Chor unter der Leitung von Andreas Ketelhut hat viele dramatisch-musikalische Höhepunkte geschaffen und für Gänsehaut-Atmosphäre gesorgt.

Dirigent Myron Michailidis führte das Orchester exzellent. Zum Gesamtklang trugen vor allem das um viele Bläser vergrößerte Orchester und die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach bei. Die dramatischen Bühnenhöhepunkte arbeitete er gemeinsam mit den Sängern präzis heraus. Vom Anfang bis zum Schluss hielt er eine intensive musikalische Spannung aufrecht. Besonders die Tempi glückten ihm hervorragend, auch bei den Vorspielen zu den einzelnen Akten. Ebenso gelang es ihm die Dynamik von Wagners Komposition deutlich herauszuarbeiten.

Musikalisch wurde die Premiere als äußerst gelungen empfunden, was sich auch im Beifall ausdrückte. Bei Inszenierung und Bühnenbild gingen die Meinungen auseinander, was sich durch den Wechsel von heftigen „Buh“- und einzelnen „Bravo-Rufen“ Ausdruck verschaffte.

In der sich anschließenden Premieren-Feier nahm Generalintendant Guy Montavon spöttisch Bezug auf die jüngsten Vorgänge im Thüringer Landtag und resümierte, dass das Erfurter Theater besser in der Lage sei, mit schwierigen „deutschen“ Themen umzugehen als manche Thüringer Politiker. Dies würde gerade diese neue Lohengrin-Inszenierung beweisen.

Inzwischen gibt es auf zwei Text-Projektionen in den Pausen schon politische Resonanz: ein AfD-Stadtrat will das Theater Erfurt dafür bestrafen und ihm die Mittel kürzen. Auf den Texttafeln war zunächst ein Brief von Adolf Hitler neben einem Tweet von Björn Höcke zu lesen und später ein Zitat aus dem Buch „Der Untertan“ von Heinrich Mann.

Insgesamt ist die musikalische Umsetzung der Erfurter Lohengrin-Inszenierung auf jeden Fall hörenswert. Die szenische Umsetzung wird sicher weiterhin für viel Diskussionsstoff sorgen. Jetzt kann sich jeder Zuschauer bei kommenden Aufführungen selbst ein Bild machen.

 

Fotos: Lutz Edelhoff, Theater Erfurt

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

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