Lyrik & Prosa von Uta-Christine Breitenstein - Der Geldschein - meinanzeiger.de
9. Juli 2020
Erfurt

Lyrik & Prosa von Uta-Christine Breitenstein – Der Geldschein

Autorin aus Erfurt

 

Aus meinem Buch: ,,Der Seemann und andere Kurzgeschichten“

 

Nicht nur zum Schmunzeln

Der Geldschein

Eines Nachts erwachte ich durch unsagbare Schwere. Ich wollte die Bettdecke zurückschlagen, die übergroß und mächtig auf mir lag. Langsam versuchte ich die Arme entlang meines Körpers zu bewegen, der sich völlig verändert anfühlte. Irgendwie platt gedrückt. Während ich mich bemühte, die Situation zu orten, fiel mir dieser Traum ein.

Der schreckliche Traum vom Geld. Geld, das mich verfolgte, jagte. Unzählige Rechnungen reckten sich in die Höhe, schimpften laut und schwangen die Peitsche, mit der sie mich zu noch mehr Arbeit antrieben. Sie schrien laut und lauter.

Ich wollte mir gerade die Ohren zuhalten, als sie auch schon nach meinen Beinen griffen. Ich stürzte und wünschte in meiner Verzweiflung, ein Geldschein zu werden, mit dem ich meinen Peinigern die Mäuler stopfen konnte.

Irgendetwas hatte mich erhört. Da lag ich nun als Schein. Aus buntem Papier, mit einer Zahl und dem wichtigen Rest, ohne zu wissen, wohin mich dieser Zustand führen sollte. Zustand war die treffende Bezeichnung, denn als Schein hatte ich nichts Menschliches mehr.

Ich rutschte unter der Bettdecke hervor und schwebte zu Boden. Stehen konnte ich nicht und fiel deshalb so oft wieder um, bis mich die Erschöpfung zum Liegenbleiben mahnte. Ich schloss die Augen. Die Terrassentür stand noch offen. Es tat gut, denn eine belebende, luftige Brise erfrischte mich nach vergeblichen Mühen.

Einfach nur zu liegen, das war auch schön.

Doch plötzlich begann ich zu fliegen. Der Wind hatte mich ins Freie gefegt. Ich wirbelte, was eigentlich ganz lustig war. Auf und ab, auf und nieder. Mein Bauch kribbelte, als hätte ich, wie einst als Kind, Brausepulver genascht.

Fliegen, einfach so. Tanzen, hoch oben in der Luft. Dann langsam, ganz langsam wie mit einem Fallschirm landen.

Nun hing ich fest in den Zweigen der Büsche nahe des Hauses, aus dessen obersten Stockwerk ich luftig gekommen war.

Es wurde schon hell. Der Tag schien freundlich zu werden. Diese Einschätzung traf ich nachmeiner langjährigen Erfahrung als Mensch. Regen täte mir in diesem meinem Zustand weniger gut als ein sonniger Tag, dachte ich gerade so, als mich eine Hand griff.

Noch ehe ich mich versah, war es wieder dunkel. Stickig auch. Das musste eine Hosentasche sein, die sehr nach Mensch roch. Ziemlich unbequem, fand ich.

Als es wieder hell wurde, hörte ich eine derbe Stimme sagen: „Eine Currywurst und ein Helles bitte, dazu einmal Pommes, groß. Dann fünf Schachteln Zigaretten von den guten da hinten. Die übliche Flasche Kümmerling nehme ich nach dem Essen.“

Ich fühlte Frittenfett an mir kleben und wurde zu den anderen Scheinen und Münzen in eine Kassette gelegt. Meine Artgenossen, mit denen ich mir wenig Platz teilen musste, schimpften vor sich hin, denn sie hatten nicht nur Fett an sich, sondern waren zudem noch bunt ge­sprenkelt.

Glück gehabt, und schon wieder landete ich auf dem Tresen: „Mir reicht eine kleine Tüte Pommes. Nein, nichts weiter.“ Knöcherne Finger schoben mich in eine dicke Geldtasche, die kurz darauf die schäbige Jacke ausbeulte. Ich nahm den Geruch nach alten Mottenkugeln, schnelle Schritte und kurz darauf das Geräusch einer automatischen Tür wahr.

„Der Nächste bitte.“

„Ich möchte den Geldschein auf mein Konto einzahlen. Wie stehen denn heute die Zinsen, junge Frau? Eigentlich ist mir Geld nicht wichtig. Nur das Wissen, das Wissen ist Macht, so sagt man doch allgemein?“

Die Antwort wurde vom schnellen Rattern der Geldzählmaschinen übertönt.

„Alles in Ordnung und einen schönen Tag noch, mein Herr“, verabschiedete sich die junge Frau und wendete sich auch schon dem nächsten Kunden zu.

Ich kam zu vielen anderen Scheinen, die exakt übereinandergelegt, hoch gestapelt in einem der großen Banktresore lagen. Im Nachbarzimmer wurde gerade telefoniert: „Es ist für besonders große Aufgaben … unsere Anleger? … nicht zu ändern … ich weise an und bedanke mich“, hörte ich Satzfetzen von dem, was eine elegant klingende Stimme sagte. Danach eilte ein glatt rasierter Mann in schneeweißem Hemd und dunklem Anzug auf den noch offen stehenden Tresor zu, um ihn zu verschließen.

Ich musste mich jetzt und gleich entscheiden. Aufregung stieg in mir hoch. Was willst du zukünftig sein, fragte ich mich hastig. Ein gejagter Mensch oder ein gefragter Geldschein?

Das Paradies der Geldscheine war die Bank, auf der ich als Schein gelandet war. Ich würde jetzt die große, schnelle Welt erleben, ohne dafür schuften zu müssen. Und im großen Verbund des Geldes wäre ich immer gern gesehen, geachtet, beschützt. Als Mensch hingegen trüge ich das Risiko, alles verlieren zu können und dann erst einen Geldschein finden zu müssen, um einmal einen Tag lang glücklich zu sein. Ausbeuterisch würden mich die Rechnungen mit ihren ständigen Zahlungsforderungen weiterhin bis zur Erschöpfung treiben, mich jagen, peinigen, mir die Luft zum Leben nehmen.

Ohne lange überlegen zu müssen, wusste ich plötzlich genau, was und wer ich sein wollte. Ich wünschte mir von Herzen wieder mein Dasein als Mensch zurück, um mich an Nächstenliebe und menschliche Werte erinnern zu können und diese trotz der Macht des Geldes zu leben.

Und so sitze ich hier und habe diese Geschichte aufgeschrieben.


Eine Ähnlichkeit mit lebenden Personen könnte nur rein zufällig sein und liegt nicht im Sinne der Autorin. 

Bild und Cover: Digitale Gestaltung unter Verwendung kommerziell nutzbarer Elemente, Autorin.


Ihre

Uta-Christine Breitenstein

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