Lyrik & Prosa von Uta-Christine Breitenstein. Verlorene Kinder. - meinanzeiger.de
3. Februar 2017
Erfurt

Lyrik & Prosa von Uta-Christine Breitenstein. Verlorene Kinder.

Die Wende brachte die lang ersehnte Freiheit. Für viele Menschen war sie ein Segen, andere blieben auf der Strecke. Und dann gab es noch die, die sich in jedem System zu Hause fühlen, so lange nur der eigene Vorteil stimmt. Nun, Letztere gab es schon zu allen Zeiten. Doch worin gleicht sich der Mensch? Es sind seine Grundbedürfnisse, zu denen gelerntes Urvertrauen, Liebe, familiäre Strukturen, Geborgenheit, auch soziale Integrität (neben anderen) gehören. Systemische Veränderungen erfordern natürlich erst einmal Neuorientierung für jeden Einzelnen. Zu den schwächsten Gliedern gehören dabei die Kinder. Mit meinem Gedicht möchte ich an die verlorenen Wendekinder denken, die gelockt von einer tückischen Versuchung, dieser später zum Opfer fielen.

Wendekinder



Sie banden dir ein Halstuch um.
Zu einem tüchtigen Pionier,
so machte dich die Diktatur.
Du warst behütet,
isoliert,
vertrautest,
kanntest auch das Wir.

Dann kam die große Euphorie.
Die Wende machte frei und froh,
versprach Konsum und Glück dazu.
Und du warst mittendrin.

Die Schwachen blieben auf der Strecke,
behütet sein, sollt` nicht mehr sein.
Die Starken in der Wende drin.
Doch du warst schwach und viel zu jung.

Sie standen um die Schule rum.
Nur eine Pille, tut nicht weh.
Vergessen ist die Pubertät und
auch der Schule Druck.
Die Einsamkeit, sie wär` vorbei
und die Familie wieder heil.

Sie boten dir die Drogen an.
Das Halstuch nahmen sie dafür.
Du solltest mal probieren.
Das Glück, es fühlte gut sich an,
die Farben waren wunderschön,
und du gewöhntest dich daran.

Da standen sie, verkauften Glück,
doch dieses Mal für Geld.
Die Drogen richten Schlimmes an!
Du hörtest weg,
hatt`st keine Wahl,
die Sucht war schon in dir.

Sie standen um die Schule rum.
Und du, du brauchtest mehr davon.
So gingst du in die Schule nur,
um Drogen dir zu kaufen.
Begannst zu dealen und zu klaun,
bist von Daheim dann abgehaun
und schafftest sogar an.

Nun Straßenkind,
kommst nicht mehr los.
Die Seele und dein Körper auch,
sie sterben einen langsam Tod.

Für dich zählt nur noch deine Sucht.
Hängst an der Nadel, Heroin.
Mit jedem Schuss siechst du dahin.
Es könnt` der letzte sein.

Wir dachten, diese Diktatur,
die Menschen unterdrückte nur,
wär` nicht zu übertreffen.
Doch eine Welt,
die Drogen kennt,
sich aber demokratisch nennt,
ist dunkler noch als zu viel Rot,
bringt zu viel schwachen Kindern Not.

Drum kämpfen wir gemeinsam an
und schützen unsere Kinder.
Sie sollten stets behütet sein.
Dafür müssen wir alles tun.
Denn grad an unsern schwächsten Gliedern
misst sich des Staates Qualität.
Seh ich das Los so vieler Kinder
und denk an deren Zukunft dann,
schaue nur ihre Augen an,
weiß ich, so kann`s nicht weitergehn.


Gedicht aus dem Buch der Autorin „Kinderaugen“
Bild: Fotomontage, Autorin
www.turricula-verlag-erfurt.de

Ihre
Uta-Christine Breitenstein

Auch interessant