5. August 2020
Erfurt

Mit Ruge & Bausewein im Gespräch

30 Jahre AA Erfurt

Manfred Ruge (links), ehemaliger Oberbürgermeister Erfurts, und Nachfolger Andreas Bausewein mit der ersten Ausgabe des Allgemeinen Anzeigers vom 1. August 1990. Foto: Jana Scheiding

Stolz sein auf das Erreichte: Am 1. August 1990­ ­erschien die erste ­Ausgabe des ­Allgemeinen Anzeigers. Auf der Titelseite: ein Interview mit Oberbürgermeister Manfred Ruge, damals drei Monate im Amt. 30 Jahre später mit ihm und seinem Amtsnachfolger – dem heutigen Oberbürgermeister Andreas ­Bausewein – im Gespräch:

 

Was haben Sie im August vor 30 Jahren gemacht?

Ruge: Das war eine sehr wilde, bewegte Zeit. Kurz zuvor war die Einführung der D-Mark. Alles fuhr ins Ausland, um sich damit einen schönen Urlaub zu gönnen und Dinge zu erleben, die uns lange verwehrt waren. Außerdem ­wurde alles neu geregelt, vieles musste vom Kopf auf die Füße gestellt werden – die Stadt, die Infrastruktur, wenn man nur mal telefonieren wollte. Es war eine intensive Zeit. An Einzelheiten kann man sich kaum erinnern, weil alles auf dem Prüfstand stand, überall musste Hand angelegt werden. Auch die Betriebe ­begannen, was ihre Absätze betraf, zu wanken. Auch ­begann eine Umzugswelle, viele Menschen sahen hier keine Perspektive und gingen weg, die Stadt schrumpfte von 230 000 Einwohnern auf 200 0000. Zwar wussten sie, dass die Deutsche Einheit kommen würde, doch einigen fehlte das Vertrauen, dass es eine schnelle, gute Entwicklung geben würde. Es hat ja auch Jahre gedauert. Sieht man sich heute die Bilder unserer Altstadt an – das war das Markanteste damals, diese verfallene, sich selbst überlassene Altstadt, da kann man sich vorstellen, wie es auch an anderen Stellen ­aussah.

Bausewein: Ich war sehr jung und von der ersten D-Mark mit meiner Mutter mit dem Bus in Spanien – plötzlich konnte man Teile der Welt kennen­lernen, die wir vorher nicht sehen durften.

 

Wie hat sich Erfurt in den 30 Jahren verändert?

Bausewein: Durchweg zum Positiven. Wenn wir uns erinnern, bleiben meistens die schönen Dinge übrig, die schlechten werden verdrängt. Aber betrachtet man alte ­Bilder, wie Erfurt – vor allem die Innenstadt – damals aussah, war das schon schlimm. Alles in verschiedenen Grauschattierungen, zum Teil verfallen. Dazu die Luft: Wer im Winter durch die Stadt lief, hat zum Teil nicht die eigene Hand vor Augen sehen können. Als Erfurter selbst hat man das gar nicht mehr so wahrgenommen. Zwischen damals und wie sich die Stadt heute präsentiert, liegen doch Welten. Zum Glück wurde ­in kurzer Zeit schon die Heizung umgestellt. Vor 30 Jahren gab es einen Riesenbruch, die ­Betriebe waren in der Masse nicht mehr konkurrenzfähig, es kam zu Massenarbeitslosigkeit und auch zu Brüchen in vielen Lebensläufen. Es hat dann auch alles seine Zeit ­gedauert, auch wenn sich manche das schneller ­gewünscht hätten. Da, wo wir heute angekommen sind – ­ohne Corona – haben wir eine Arbeitslosenquote von fünf Prozent, damals waren es 20, noch geschönt. Da hat sich vieles getan.

Ruge: Es wird manchmal vergessen, dass in dieser Zeit wirklich grundlegendste Veränderungen stattgefunden haben. Weil Andreas Bausewein gerade die Energie angesprochen hat: Es ist ja nicht nur Gas in die Stadt gekommen, es sind Elektronetze verlegt worden. Wir haben heute eine Energieversorgung, die bundesdeutschen Ansprüchen gerecht wird. Es war auch ein schwerer Weg, von der Treuhand die Stadtwerke in die eigene Hand oder Verkehrsbetriebe zu bekommen. Alles wurde umstrukturiert. Auch die Stadtverwaltung in eine kommunale Selbstverwaltung. Alles war eine Riesenumwälzung. Zum Beispiel auch für die Ärzte, mit dem Schließen der Polikliniken. Physiotherapeuten, Apotheker – alle mussten komplett umdenken. Oder die Gaststätten und die Art, Gastronomie zu betreiben, mit Vorratshaltung und so weiter. Plötzlich wussten so viele nicht, wie es weitergeht. Heute ist alles so selbstverständlich – in Privathand, nicht unter staatlicher Verwaltung. Manches Mal wurden die Menschen ungeduldig, dachten, es ginge alles schneller. Viele waren auf all das nicht vorbereitet – bei uns wie auch in den alten Bundesländern. Helmut Kohl hatte mal in unserem Rathaus zu Bernhard Vogel gesagt: „Ich verspreche Ihnen, die nächste Deutsche Einheit mache ich besser.“ Das sagt doch alles. ­Es war ein riesiges Aufbauwerk, dass wir in 30 Jahren gut hinbekommen haben.

Bausewein: Die Südkoreaner haben in den 90er-Jahren ­geforscht zum Thema Deutsche Einheit, um vielleicht eines Tages davon etwas auf eine koreanische Vereinigung übertragen zu können. Sie ­haben das Projekt abgebrochen mit der Erkenntnis: Eine solche Vereinigung ist nicht finanzierbar. Ich denke, kaum ein Land wäre in der Lage ­gewesen, das zu leisten, was wir hier vollbracht haben. ­Dabei haben die Deutschen manchmal so eine Mentalität, immer auch das Negative zu sehen. Gut, sicher ist das auch ein Grund für den Erfolg, so kommt man immer weiter, will noch besser sein.

 

Sind die Erfurter auch so?

Bausewein: Die sind da keine Ausnahme. Ein bisschen mehr Optimismus würde ­ihnen gut zu Gesicht stehen. Auch ein wenig mehr Demut. Während manche sich früher kaum mal einen Urlaub leisten konnten, gibt es heute viele, die mehr als einmal im Jahr verreisen können. Und trotzdem hat man manchmal das Gefühl, es reicht noch nicht. Dabei sollte man wirklich einmal weiter blicken: Wir leben in Frieden, in Freiheit, jeder darf seine Meinung sagen, wir leben in einem Rechtsstaat. Die meisten von uns leben in Wohlstand, ­obwohl es da natürlich Differenzierungen gibt. Selbstverständlich weiß ich auch um Probleme wie Kinder- oder ­Altersarmut, die man nicht akzeptieren darf, sondern ­dagegen vorgehen. Aber sieht man das Gesamte: Es gibt kaum ein Land auf der Welt, wo das Gesamtpaket so gut ist wie bei uns. Und das deckt sich nicht ganz mit der Stimmung, die wir haben. 90 Prozent der Menschen anderswo wären froh, wenn sie unsere Sorgen hätten. Manchmal darf man einfach auch mal stolz sein auf das, was man ­erreicht hat. Und das ist verdammt viel.

 

Haben Sie überhaupt Zeit zum Zeitunglesen?

Bausewein: Ich lese jeden Tag Zeitung, nicht immer mit großer Freude. Da ist die Landschaft ja deutlich vielfältiger geworden, was ich ein wenig bedauere – wenn Menschen ihre Informationen aus dem Internet beziehen und dabei nicht unbedingt ­seriöse ­Quellen nutzen. Da wird auch viel Unfug verbreitet, und das ist zum Teil auch die Ursache für die Stimmung unter den Leuten. Zeitung lesen und sich zu informieren, halte ich für sehr wichtig. Wenn ich mir die Titelseite Ihrer ersten Ausgabe 1990 ansehe, steht da, dass Manfred Ruge dem AA ein Interview „gewährte“. So würde man das heute nicht mehr sehen…

Ruge: Das war eben eine ­andere Zeit. Auch die Medien mussten sich – na ja, vielleicht nicht ganz neu erfinden, aber manche ihren ­Umgang mit der Wahrheit, den Tat­sachen, etwas korrigieren. Die Presse begann, nun frei zu werden. Die Art der ­Berichterstattung war etwas ganz Neues. Und Anfang der 90er-Jahre hatten wir zur ­Presse ein eher distanziertes Verhältnis. Ich wusste manchmal nicht, ob ich jetzt in die Asche getreten werde oder was passiert mit dem, was man sagt und tut. Alles war möglich. Und permanent ­kamen andere Journalisten, auf die man sich einstellen musste. Plötzlich gab es auch eine Schwemme an kosten­losen Blättern. Man wusste ja auch nicht, wohin sich alles entwickeln würde.

 

Herr Ruge, vor 30 Jahren hatten Sie sich gewünscht, dass der AA eine Nische im lokalen Bereich finden ­würde. Ist das gelungen?

Ruge: Ist es. Obwohl die Anzeigenblätter natürlich von ­Werbung leben und der journalistische Teil nicht den gleichen Umfang haben kann wie in der Tageszeitung. Aber der AA hat einen großen lokalen Bezug für Erfurt. Ich weiß das, denn ich lese ihn regelmäßig, habe die Zeit dafür. Früher ­haben meine Frau und ich ­parallel verschiedene Zeitungen gelesen und einander über das Wichtigste informiert. So ­hatte man innerhalb einer halben Stunde eine gute Übersicht. Und im Rathaus gab es immer einen Pressespiegel.

Bausewein: Den haben wir ­immer noch. Die Tatsache, dass es den Allgemeinen ­Anzeiger noch gibt und ­andere nicht mehr, zeigt auch, dass das Konzept erfolgreich war und ist. Leider lesen viele Menschen keine Tageszeitung mehr. Umso wichtiger ist es, den Allgemeinen Anzeiger zu haben, den ja jeder ­bekommt. Der lokalen ­Berichterstattung bei Ihnen kommt heute eine größere ­Bedeutung zu als vor 30 Jahren.

Ruge: Ich schätze auch die thüringenweiten Themen im AA, man blickt über den ­Tellerrand hinaus und wir ­erfahren, was in unserer Nähe noch so alles geschieht und was sich lohnt, zu sehen und zu erleben. Gerade in dieser Zeit ist das besonders wichtig.

 

Sehen Sie den Anzeiger als Vermittler von Informationen, die die Stadt betreffen?

Bausewein: Im Grunde sind wir ganz zufrieden. Natürlich kann es immer mehr sein. Manchmal hat man das ­Gefühl, dass in den verschiedenen Zeitungen die guten Dinge etwas zu kurz kommen oder die weniger guten aufgebauscht werden. Aber so ist das eben mit der freien Presse.

Ruge: Tageszeitungen haben andere Aufgaben – tages­aktuell und auch mit Kommentaren versehen über ­Lokal- und Landespolitik zu informieren. Der Allgemeine Anzeiger informiert ­anders und unterhält auch die Leser – auf durchaus charmante Art.

 

Haben Sie aufgrund einer Annonce im AA schon mal etwas gekauft oder getan?

Bausewein: Natürlich guckt man beim Durchblättern auch nach Angeboten, oft im Lebensmittelbereich.

Ruge: Die Anzeigen sind ja oft mit irgendwelchen Aktionen verbunden. Und wenn einen das interessiert, fährt man schon mal dahin.

 

Welche Schlagzeile hätten Sie in den 30 Jahren gern im AA gelesen?

Bausewein: Ich freue mich ­immer über positive Schlagzeilen. Als Oberbürgermeister freut es mich vor allem, wenn die Menschen in der Stadt in einer guten Stimmung sind. Dafür können wir alle etwas tun. Dabei müsste die Stimmung eigentlich viel positiver sein, alles, was mit Corona zu tun hat, klammere ich jetzt mal aus. Wenn man Erfurt mit ähnlich großen Städten vergleicht, müssen wir uns vor nichts und niemandem verstecken. Was das ganze Flair, das Leben in der Stadt angeht – es ist immer etwas los, hier werden nie die Bürgersteige hochgeklappt. Für eine Stadt in dieser Größe ist das eher untypisch.

Ruge: Es war immer eines meiner Ziele, Erfurt zu einer ­lebenswerten Stadt zu ­machen. Anfang der 90er­Jahre haben wir uns die Frage gestellt: Wie entwickeln wir Erfurt, was soll aus dieser Stadt werden? Soll es wie ­Rothenburg ob der Tauber werden, ein echtes Walt Disney – also so etwas wie eine Kulisse, in der man aber nicht wirklich lebt? Soll es eine Stadt mit modernem Charakter werden? Wir waren in der Bundesrepublik unterwegs und haben uns etliche Städte intensiv angesehen. Für uns war Augsburg die Stadt, der wir am nahesten kommen wollten. Eine Stadt mit mittelalterlichem Flair, aber mit ­Gebrauchspotenzial, die ­Leben zulässt. Wir hatten ­guten Kontakt zu der Stadt, ihr Oberbürgermeister hat uns geholfen, uns Wege gewiesen. Auch unser langjähriger Baudezernent stammte aus Augsburg und hat sich sehr ein­gebracht. So ist Erfurt zu dem geworden, was es heute ist. Eine Stadt mit einer sehenswerten Altstadt, in der es sich wunderbar ­leben lässt mit ­allem Drum und Dran.

 

Gibt es etwas, das im Laufe der Jahre verloren gegangen ist, etwas, was der Stadt ­heute gut zu Gesicht stehen würde?

Ruge: Ein ordentlicher Fußballclub.

Bausewein: Als Fußballfan ­leidet man sehr unter dem, was da gerade passiert

Ruge: Die Stadt hat sehr viel getan, um dem Sport gute ­Bedingungen zu ermöglichen. Ich denke da an die Erweiterung des Sportgymnasiums, an das Stadion, die Eissporthalle, Leichtathletikhalle, Radrennbahn oder die Sanierung der Sportplätze. In 30 Jahren hat die Stadt da eine Menge bewerkstelligt. Es gibt aber auch Entwicklungen, die die Stadt nicht beeinflussen kann. Wir können keine ­erfolgreichen Schwimmer herbeizaubern, da sind die Vereine und die Schulen ­gefragt mit Sichtungen und mehr. Da hat die Verwaltung keinen Einfluss. Das Gleiche gilt für den Radsport und den Fußball. Es tut schon weh, wenn man weiß, wieviel Geld die Stadt im Laufe der Jahrzehnte investiert hat und sich das leider so entwickelt hat. Wir können als Stadt nicht im Halbprofi- oder Profisport als Sponsor auftreten und auch nicht in Vereinsstrukturen eingreifen. Erfurt war mal eine Sportstadt und ist es vielleicht noch. Aber wir sind nirgends auf dem Weg in einen Spitzenbereich. Bei den paralympischen Sportarten waren wir mal richtig gut, heute hört man da kaum noch ­etwas. Und dass die Basket­baller von den Thuringia Bulls nicht in Erfurt sind, schmerzt mich sehr.

Bausewein: Aber sie haben schon mehrfach in der Riethsporthalle gespielt. Es ist auch, was die anderen Sportarten angeht, eine Generationsfrage. Wir hatten eine Zeit lang mehrere Eisschnellläufer, die alle Olympia­medaillen gewonnen haben. Ich bin zuversichtlich, das kommt wieder. Die Rahmenbedingungen sind da. Was mir allerdings in der Stadt fehlt, ist mehr klein­teilige Struktur, bei den ­Geschäften und in der Gastronomie. Wir finden kaum noch Tante-­Emma-Läden, Gaststätten sterben, vor allem in den Randbereichen. Man muss aber auch sagen, dass die ­Leute das mit ihrem Einkaufsverhalten selbst mit bewirken.

 

Was wünschen Sie der Stadt und ihren Bewohnern?

Bausewein: Alles Gute dieser Welt, vor allem Frieden. Und Wohlstand und Glück.

Ruge: Ich hoffe, dass in die Stadt ein wenig mehr Gelassenheit einzieht und dass man sich auf sich besinnt und die Qualitäten, die jeder in unser Leben einbringt. Wir können uns eigentlich nur glücklich schätzen, in diese Zeit und diese schöne Umgebung hineingeboren zu sein, hier zu wohnen und zu leben.

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