Musik zum Fühlen dank einfacher Notenschrift für Blinde - meinanzeiger.de
14. August 2017
Erfurt

Musik zum Fühlen dank einfacher Notenschrift für Blinde

Dr. Roselore Wiesenthal entwickelte einst eine Notenschrift für blinde Kinder und ist auch mit 90 Jahren noch mitten im Leben.




Ich kann doch kein Kind wegschicken.“ Sie erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. Damals, als im Jahr 1990 das kleine, fast blinde Mädchen vor der Tür der Musikschule stand und unbedingt lernen wollte, wie man ein Instrument spielt. Der noch vorhandene Rest ihres Sehvermögens reichte nicht aus, selbst extra groß gedruckte Noten lesen zu können. Eine neue Herausforderung für Dr. Roselore Wiesenthal. Die aus Thüringen stammende Privatmusikerzieherin für Klavier und studierte Musikwissenschaftlerin, die jahrelang die Städtische Musikschule in Hannover leitete und nun an der Musikschule in Paderborn arbeitete, nahm sich des Mädchens an. „Es gibt zwar eine Notenschrift in Punkten, also in Blindenschrift. Aber die können so kleine Kinder noch nicht fühlen“, macht sie die Erfahrung, die beide nicht weiterbringt. So beginnt sie, sich etwas gänzlich Neues auszudenken. „Ein blindes Kind hat das gleiche Recht zu lernen wie ein sehendes“, spricht sie noch heute über ihre Motivation. „Sie brauchen Empathie, kein Mitleid.“


Dr. Wiesenthal entwickelt eine Kästchenschrift, die leichter zu fühlen und zu lernen ist als die Blindenschriftpunkte. Dabei wird mit dicken Strichen in ein Kästchenraster geschrieben. Um die Zeichen ertasten zu können, werden sie auf Schwellpapier gedruckt und mit einem speziellen Gerät fühlbar gemacht. „Ich musste mich erst einmal gründlich einarbeiten“, beschreibt Dr. Roselore Wiesenthal den Weg bis zur Vollendung ihrer Kästchenschrift. Wie soll sie Pausen darstellen, wie die Fingerzahl, wie die Anweisung, ob ein Ton lang oder kurz ist, laut oder leise? Sie findet für alles Lösungen, kann sich sogar die neue Notenschrift im Jahr 1993 patentieren lassen. Nun können sich auch kleinere, nicht sehende Kinder die Welt der Musik erschließen, gemeinsam mit anderen musizieren. Später dann, im Alter von etwa zwölf Jahren, sind sie dann bestens gerüstet, um aucb die schwierigere Punktschrift zu erlernen.


Zurück in der Thüringer Heimat



Bald schon macht das Mädchen hörenwerte Fortschritte, ein Fünfjähriger schließt sich an, geht viel lieber zum Klavierunterricht als in den Kindergarten. Das hätte ewig so weitergehen können. Kinder im Klavier- und Blockflötenspiel unterrichten, sich mit ihnen freuen, wie sie vorwärts kommen. Dabei war Dr. Wiesenthal damals schon im Rentenalter. 1998 dann der Schnitt. Lange schon reift der Gedanke in ihr, wieder in die Heimat zu gehen, die sie 1958 verließ. Sie zieht zurück, wohnt seitdem in Erfurt. „Sonst hätte ich wohl immer so weitergemacht und unterrichtet“, vermutet sie lächelnd und staunt noch immer darüber, wie ihre Kästchenschrift bis heute Kreise zieht. Schon in den 1990-ern schreibt sie – unterstützt von Kolleginnen – ganze Notenbücher in dieser Schrift, hält Vorträge, verfasst Schriften, wirbt für das Projekt. Im Jahr 2005 erhält sie sogar das Verdienstkreuz der Bundesrepublik. „Eigentlich wollte ich ja hier in Thüringen meinen Ruhestand genießen“, sagt sie. Das geht gründlich schief. „Die Sache verfolgt mich!“ Als sie den Erfurter Sänger und Musiktherapeuten Peter Hölzer kennenlernt, entwickeln sie gemeinsam und mit Unterstützung des Seniorenschutzbundes das Ganze weiter, nun auch für die Bedürfnisse erwachsener Sehbehinderter. Vor allem für spät Erblindete sei die Kästchenschrift geeignet, weil sie gut erfühlbar ist.


Dass es auch im höheren Alter möglich ist, ein Instrument spielen zu lernen, davon ist Dr. Roselore Wiesenthal überzeugt. „Jeder ist musikalisch“, schwört sie und kennt das Mittel zum Erfolg: Üben, üben, üben. Der Lohn dafür: „Mit Musik gewinnt man Lebensfreude!“ Außerdem tut Klavierspielen Körper und Geist gut. Es beansprucht beide Gehirnhälften, schult Aufmerksamkeit und Gedächtnis, mobilisiert die Feinmotorik der Finger und kann so rheumatischen Beschwerden entgegenwirken. Ein kleiner Jungbrunnen sozusagen. „Ich würde auch gern wieder mehr Klavier spielen – wenn ich Zeit dazu hätte“, sinniert Dr. Wiesenthal, die heute keine Schüler mehr unterrichtet.

. Ein wenig mehr muss sie inzwischen auf ihre Gesundheit achten, auch die Stufen in ihre Wohnung unterm Dach muss sie langsam gehen. Ansonsten ist ihr Ruhestand allerdings dann doch nicht untätig und besinnlich. Endlich hat Roselore Zeit für ihr geliebtes Hobby, das Malen, zu Hause und mit anderen in der Gemeinschaft. Außerdem fotografiert sie und schreibt Haikus, kleine Verse, zu ihren Bildern. Und die Wohnung ist vollgestopft mit unzähligem Wissen und Erinnerungen. Dr. Wiesenthal interessiert sich für alles – Geschichte, Religionen, spannende Persönlichkeiten. Manchmal, so sagt sie lachend, sieht sie auch einfach nur ihren Blumen beim Wachsen zu. Um sie anschließend aufs Papier zu bringen. „Langweilig wird mir nie!“ Wenn sie am 16. August ihren 90. Geburtstag feiert, dann wünscht sie sich für diesen Tag einen Besuch im Chinesischen Garten in Weißensee. Und dann noch ein paar gute Jahre: „Ich brauche Zeit, habe noch ganz viel vor!“



Weitere Informationen: www.notenstrich.de




Zur Projektentwicklung:



– 1990 beginnt Dr. Wiesenthal, blinde Kinder an der Städtischen Musikschule Paderborn zu unterrichten.

– 1992 erste Experimente mit einer neuen Notenschrift

– 1993 Erteilung des Gebrauchsmusterschutzes beim Patentamt München für die Kästchenschrift

– ab 1996 Geldspenden erlauben den Ankauf von Geräten zur technischen Herstellung des Notenmaterials

– 1998 übernimmt der Bundesverband deutscher Musikschulen die Betreuung, das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert das Projekt, es gibt Arbeitstagungen für Lehrer und Auftritte bei Veranstaltungen

– 1998 zieht Dr. Wiesenthal zurück nach Thüringen, sie stellt weiter mit Heike Schlingenhorst (Musikschule Paderborn) neue Notenbücher her.

– 2005 erhält Dr. Wiesenthal das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der BRD, zuvor gab es eine lobende Anerkennung im Rahmen des Oskar-Kuhn-Preises der AOK.

– 2007 entsteht der Plan, zusammen mit dem Erfurter Sänger und Musiktherapeuten Peter Hölzer das Projekt „Musik für Senioren“ zu entwickeln, Unterstützung gibt es vom Seniorenschutzbund

– 2009 wird eine Klavierschule für blinde und sehbehinderte Erwachsene vorgestellt.

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