Anlass für Spekulationen - Decke im Schloss Molsdorf - meinanzeiger.de
25. Juli 2018
Erfurt

Anlass für Spekulationen – Decke im Schloss Molsdorf

Serie "Hohe Kunst"

Die Decke im Schloss Molsdorf

Die Decke im Schloss Molsdorf

Für diese wunderschönen Decken legen wir gern unseren Kopf in den Nacken und werfen den Blick nach oben. Im Schloss Molsdorf schaut heute Prof. Dr. Kai-Uwe Schierz, der Direktor der Erfurter Kunstmuseen, hinauf:


“Das Deckengemälde im Bankettsaal gab immer schon Anlass für Spekulationen. So wird noch heute erzählt, dass man einst das Bild von der Decke herabgelassen und als Tisch für ausschweifende Festmahle verwendet hat. Der zum Grafen aufgestiegene Diplomat Adolph von Gotter (1692 – 1762) – der berühmteste Besitzer von Schloss Molsdorf – soll ja so ein Sausewind gewesen sein, der gern solche großen Feste feierte. Die Geschichte würde also zu ihm passen. Aber ich kann versichern: Das auf Leinwand aufgebrachte und in einen schweren Eichenholzrahmen gesteckte Bild ist fest im Dachtragwerk verankert, es wurde nie nach unten gelassen.


Gemalt wurde es vom Wiener Hofmaler Peter Weingart, von dem so gut wie nichts bekannt ist. Es zeigt, wie Flora im Olymp willkommen geheißen wird. Sie ist, in ein weißes Gewand gekleidet, die Hauptperson des Bildes, die ein großes Blumengebinde bei sich trägt. Wir sehen in ihrem Umfeld mehrere Gottheiten, Bacchus beispielsweise, Vulkanus, Neptun, Mars oder Venus. Hier fällt auf, dass sie beinahe alle mit Beigaben aus Natur und Feldbau versehen sind. Bemerkenswert ist, dass nicht Zeus im Mittelpunkt steht, sondern Apollon die Weihehandlung vornimmt. An Flora, der Göttin des Wachstums, der Fruchtbarkeit, die ihm die Hand reicht. Das finde ich sehr spannend. Apollon, der Gott des Verstandes und der Künste, der Musenführer, verbindet sich exemplarisch mit der Natur, durch deren Studium gelangen die Menschen zu Selbst- und damit auch zu Welterkenntnis. Das Bild ist wohl auch eine Hommage des Grafen Gotter an Alexander Pope, den Dichter der englischen Frühaufklärung. So stellt das Bild auf seine Weise die alte Weltordnung in Frage und kündigt das goldene Zeitalter an. Graf Gotters gebildete Besucher haben die Bedeutung des Bildes, sein Bekenntnis zur Aufklärung, sicher recht gut interpretiert und verstanden. Für uns jedoch ist es nicht mehr selbstverständlich. Wir müssen es erklärt bekommen.“

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