„Den geb‘ ich nicht mehr her“ - meinanzeiger.de
13. Oktober 2017
Erfurt

„Den geb‘ ich nicht mehr her“

Burghard Wagner aus Eichelborn schätzt seinen Lanz Bulldog

„Beim Lanz gab es keine Rückrufaktionen. Er ist frei von Schummelsoftware und Abgasnorm.“ Burghard Wagner



Es ist nicht überliefert, ob Burghard Wagner vor 36 Jahren über sieben Brücken gefahren ist, aber eine andere Liedzeile von diesem Karat-Klassiker – „sieben dunkle Jahre überstehn“ – trifft auf sein damaliges Gefährt zu. Denn so lange stand der Lanz Bulldog 25 Ackerluft bis Ende September regungslos in der dunklen Garage in Eichelborn. 

Im Jahr 1981 tingelte Erhard Wagner, Jahrgang 1933, mit seinem Sohn Burghard, heute 59, wochenlang von Ort zu Ort und suchte einen ­Trecker. Dieser sollte Dienste  in der landwirtschaftlichen ­Nebenwirtschaft leisten. Solche Gefährte und Transportkapazitäten waren zu DDR-Zeiten Mangelware. „Wir hatten doch nischt“, sagt Burghard Wagner. 

Schließlich wurden Vater und Sohn in Ottmannshausen fündig. Ein Lanz Bulldog, Baujahr 1936, fristete ein trostloses Dasein auf einen Hof – bereits zehn Jahre lang. „Eigentlich wollte der dortige Bauer den Trecker – der einst in der Konservenfabrik in Berlstedt ‚schaffte‘ – selbst flott machen“, erinnert sich Wagner. Aber außer einem Eimer über dem senkrechten Auspuffkamin, als Schutz vor Regenwasser, war nichts passiert. Für 950 Mark der DDR wechselte das bäuerliche Gefährt den Besitzer. 

An die abenteuerliche Heimfahrt kann sich Burghard Wagner noch gut erinnern. „Der Lanz Bulldog ist zwar gefahren, hatte aber überall Lecks und kein Licht. Kühler und Glühkopf waren defekt.“ So wurde der Bulldog unterwegs zu kalt. Es war Winter. „Ich war gut in dicker Kleidung verpackt“, sagt Wagner. Da aber der Trecker einen Glühkopfmotor hat, erfolgt die Selbstzündung über die glühende Wand der Vorkammer. Ist nicht ausreichend Hitze vorhanden, muss nachgelegt werden. „So mussten wir unterwegs den Glühkopf mittels Lötlampe nochmals heiß machen. Aber wir schafften es bis Eichelborn.“ 

In der Garage wurde das historische Gefährt zerlegt. „Wir suchten überall nach Ersatz­teilen, haben auch Teile nach­drehen lassen und installierten eine Fahrzeugelektrik“, so Burghard Wagner. Nach einem Jahr war der Lanz Bulldog 25 – die Zahl gibt die PS an und Ackerluft steht für Luftbereifung mit Ackerprofil – einsatzbereit. Mit dem Trecker wurde geackert, wurden mittels Kette Bäume entwurzelt und Holz bis nach Bösleben gefahren. „Im Wald fuhren wir uns im Schlamm mal fest. Da haben wir uns Stück für Stück mit einer Seilwinde heraus gezogen – stundenlang“, erinnert sich ­Burghard Wagner. 

Und beim Hausbau 1985 transportierte der Lanz 27 Fuhren mit dem 3,5-Tonnen-Anhänger Erdaushub. Selbst zum Fichtenholen für Brautpaare war das unverwüstliche Gefährt im Einsatz. „Einmal spuckte dabei der Lanz Glut. Die auf dem Hänger sitzenden Mitfahrer klopften sich wild auf die Schenkel, damit die glühenden Rußreste nicht ihre Hosen verbrennen“, erinnert sich Wagner schmunzelnd. 

Der Lanz Bulldog ist gespickt mit Familiengeschichte(n). „Er hat uns gute Dienste er­wiesen, sich bezahlt gemacht.“, lobt Wagner und fügt an: „Den geb‘ ich nicht mehr her“. Der Lanz Bulldog war und ist ein unverwüstlicher treuer Freund der Wagners. 

So ist es nicht verwunderlich, dass er nach seinen sieben dunklen Jahren, nach dem typischen zehnminüti­gen Fauchen der Lötlampe unter dem Glühkopf, kurz ruckelt und dann gleichmäßig tuckert. Dann sendet er gemütlich seine Rauchkringel in den Himmel. Damit zeigt der Lanz Bulldog Zufriedenheit, dann läuft er rund. Oder wie es die DDR-Kultband ausdrückt: „siebenmal wirst du die Asche sein, aber einmal auch der helle Schein“. Tuck, tuck…

Hintergrund

 Lanz-Bulldog-Ackerschlepper wurden von 1921 bis 1957 von der Heinrich Lanz AG (ab 1956 von John Deere) in Mannheim gebaut.

 Da die gedrungene Form des Motors, der mit Rohöl läuft, an das Gesicht einer Bulldogge erinnerte, war diese Namenspatin.

 Auf der Ausstellung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) 1921 in Leipzig wurde der erste Rohölschlepper HL12 – den Fritz Huber ent­wickelte – vorgestellt. Das Modell gilt als Ur-Bulldog.

 Es gab verschiedene Baureihen vom Lanz Bulldog – vom einfachen Ackerluft-Bulldog über Verkehrsbulldog, Gummibulldog, Doppelbulldog, Teerölbulldog bis hin zum Eilbulldog mit Führerhaus und Schnellgang.

 Der 100 000. Bulldog wurde 1942 ausgeliefert.

 In Polen wurde der Lanz-Bulldog Typ D 9506 ab 1947 als Ursus C-45 gebaut.

 Der Lanz Bulldog 25 Ackerluft, Baujahr 1936, von Burghard Wagner hat 25 PS, einen liegenden Einzylinder Zweitakt-­Motor, sechs Vorwärts- und zwei Rückwärtsgänge.

 Jährlich sind historische Traktoren und Fahrzeuge zum Treffen am ersten Oktoberwochenende in Eichelborn zu bestaunen. Da ist Volksfeststimmung auf dem Gelände vom Kfz-Meisterbetrieb Maik Bürger.


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