Gesunde Bräune gibt es nicht - meinanzeiger.de
8. Juni 2018
Erfurt

Gesunde Bräune gibt es nicht

Dermatologen warnen: Sonnenbaden ist gefährlich

Wer sich in die Sonne legt

Wer sich in die Sonne legt

Bei strahlendem Sonnen­schein zieht es die Thüringer in die Freibäder und an die Seen. Doch die Dermatologen schlagen Alarm: Deutschland hat ein Hautkrebsproblem. Dr. Ines Brautzsch aus Bad Berka, Landes­vorsitzende im Berufsverband der Hautärzte, warnt im Interview vor den unterschätzten ­Gefahren der UV-Strahlung.

Wie gefährlich können UV-Strahlen sein? Ist Sonnenbaden das neue Rauchen?

Die Gefahren des Sonnenbadens werden unterschätzt. Sonne hat selbstverständlich auch etwas Gutes, doch gleichzeitig ist sie gefährlich. Es ist tatsächlich vergleichbar mit dem Rauchen, dass wir zwar nicht nach einer kurzen Zeit mit Schäden rechnen können. Aber nach einer langen, intensiven Zeit der Sonnenbestrahlung sind Spätschäden an der Haut sehr häufig.

Hat nur ein Sonnenbrand später Folgen?
Der Sonnenbrand, der Sonnenstich oder auch Sonnenallergien gehören zu den kurzfristigen Schäden der Haut  Diese heilen in der Regel nach wenigen Tagen wieder ab. Wir unterschieden sie von den langfristigen Sonnenschäden, die wir oft erst im Alter bekommen, häufig nach dem 60. Lebensjahr. Da reden wir über vorzeitige Hautalterung, über Hautkrebs-Vorstadien und Hautkrebs.

Also ist es ein Irrtum, wenn man von einer gesunden Bräune spricht?
Zumindest teilweise. Es ist selbstverständlich normal, dass durch den Reiz der UV-Strahlen mehr Pigmente in der oberflächlichen Haut gebildet werden und damit die Haut dunkler wird. Der Irrtum besteht darin, zu glauben, dass Bräune gesund sei. Gefährlich ist dies vor allem für Menschen mit hellem Hauttyp, die nur schwer und meist nur über ein Entzündungsstadium bräunen. Und genau diese Sonnenbrände wollen wir eigentlich vermeiden.

Aber Sonne weckt doch gute Laune, soll bei Vitamin-D-Mangel helfen und das Immunsystem stärken.
Wir Dermatologen sind bemüht, nicht nur den positiven, sondern auch den negativen Effekt der UV-Strahlen im vernünftigen Verhältnis darzustellen. Die Sonne hat viele Vorteile für die Psyche, die Knochen, die Vitamin-D-Aktivierung. Aber es ist – wie bei vielen Dingen im Leben – eine Frage des Maßes. Eigentlich müsste jeder Mensch abwägen, welchen Hauttyp er hat. Die Rothaarigen und Hellblonden mit Hauttyp 1 oder 2 dürfen sich sehr viel weniger der Sonne aussetzen als Dunkelhäutige mit Hauttyp 3 oder mehr.

Welchen Lichtschutzfaktor bei den Cremes empfehlen Sie für die verschiedenen Typen?
Es ist schwierig, eine einheitliche Empfehlung zu geben. Das ist abhängig von der Tagesszeit, dem Sonnenstand, vom Hauttyp, von der individuellen Sonnenempfindlichkeit, der Dauer der Besonnung und dem Breitengrad, an dem wir uns aufhalten. Für den Alltag und den durchschnittlich empfindlichen Menschen reicht häufig ein Lichtschutzfaktor zwischen 20 und 30 aus. Sollten wir uns im Urlaub aber länger unter stärkerer Sonne aufhalten, eine empfindliche Haut oder bereits Hautkrebs im Vorstadium haben, empfehle ich immer einen Lichtschutzfaktor von 50.

Wenn man eine Grundbräune erreicht hat, kann man dann mit dem Lichtschutzfaktor runter?

Das ist prinzipiell richtig, gilt aber immer nur für eine „normale“ Besonnung. Wenn die Haut gut vorgebräunt ist, geht man davon aus, dass weniger Sonnenschutz notwendig ist, da die Eigenschutzzeit höher ist.

Aber spricht das nicht für Solarien im Winter?

Theoretisch ja, ist aber praktisch problematisch. Im Solarium haben wir eine unkontrollierte Belichtung und erhöhen die Gesamtlichtbelastung über das Jahr. Und das ist wieder hautkrebsfördernd. Aus Lichtschutzgründen raten wir von Solarien auch im Winter eher ab. In Ausnahmefällen, wie bei einer Sonnenallergie, sollte man ärztlich kontrollierte UV-Therapien prüfen.

Verhindert ein hoher Lichtschutzfaktor, dass ich braun werde?
Ja, der Bräunungseffekt wird reduziert.

Dann sieht ja keiner, dass ich im Urlaub war.
Wir Dermatologen würden uns wünschen, dass die vornehme Blässe ein gewünschtes Ziel wäre – wie in anderen Kulturkreisen, zum Beispiel in Asien. Dort gilt eine helle Haut als Zeichen des Wohlstandes. Das ist auf jeden Fall gesünder.

Was ist beim Eincremen zu beachten?
Ganz wichtig ist, die Creme mindestens eine halbe Stunde vor dem Sonnenbaden aufzutragen. Zu beachten ist, dass sie mehrfach am Tag aufgetragen werden sollte. Das hängt zum einen damit zusammen, dass wir schwitzen, zum anderen kann es einen Abrieb des Sonnenschutzes geben. Wegen einer Deaktivierung der Sonnencreme im Laufe des Tages sollten wir uns immer merken, dass nachgecremt werden muss.

Und wenn ich von den Cremes „Mallorca-Akne“ bekomme?
Wir gehen davon aus, dass die Emulgatoren in den Sonnencremes verantwortlich für die Mallorca-Akne sind. Emulgatorenfreie Schutzmittel sind daher unsere Empfehlung, wenn man zur Mallorca-Akne neigt.

Sie haben den Sonnenstand erwähnt. Die Mittagssonne soll besonders schädlich sein.
Wir sagen ganz grob: Zwischen 11 und 15 Uhr steht die Sonne am höchsten und sollte deshalb gemieden werden. Die Lichtintensität kann über den UV-Index angegeben werden. Dieser ist bei den Wetternachrichten abrufbar. An ihm können wir erkennen, wie stark die Licht-UV-Strahlung ist. Wichtig ist, dass die Intensität der UV-Strahlung für uns sehr schlecht abschätzbar ist. Wir meinen immer: Nur wenn es draußen sehr heiß ist, wären wir sehr stark der Gefahr eines Sonnenbrandes ausgesetzt. Doch die Temperatur sagt weniger als die Helligkeit über die Intensität der UV-Strahlung aus. Das heißt: Sogar bei kalten Temperaturen kann es schnell zum Sonnenbrand kommen, insbesondere im Hochgebirge und am Meer.

Hilft es denn, in den Schatten auszuweichen?
Nur bedingt. Auch unter Bäumen und bei bedecktem Himmel bekommen wir zwar weniger, aber immer noch ausreichend UV-Strahlung ab.


Vor allem Glatzen eincremen



Einige cremen sich zwar im Urlaub ein, glauben aber, in Deutschland gibt es keinen Grund zum Eincremen.
Auch diese Meinung ist leider falsch. Wir Dermatologen müssen da unheimlich viel Aufklärungsarbeit leisten. Es ist völlig falsch, dass wir in Deutschland nicht schon zu viel Sonnenstrahlen abbekommen könnten. Natürlich steigert sich das Risiko, je eher wir uns in Äquatornähe oder in Höhenlagen befinden.

Die Sonnencremes meiner Kindheit hatten einen geringeren Lichtschutzfaktor. War das damals zu wenig?
Vermutlich ja, zumindest aus heutiger Sicht. Wir empfehlen heute, einen höheren Lichtschutz zu verwenden. 1. Weil wir bessere Präparate auf dem Markt haben. 2. Weil wir ein höheres Lebensalter erreichen. 3. Weil sich unser Freizeitverhalten geändert hat. Die Deutschen machen besonders viel Urlaub und zwar gerne im Süden.

Apropos Kinder: Brauchen sie besonderen Schutz?
Wir haben eine große Verantwortung für unsere Kinder. Wir schätzen häufige Sonnenbrände in der Jugend als besonders gefährlich ein. Die Haut vergisst diese Sonnenbrände nicht, auch wenn sie häufig erst Jahrzehnte später zu bleibenden Hautschäden führen können. Deshalb sind wir bemüht, bereits bei den Kindern und über die Eltern Einfluss auf das Sonnenverhalten zu nehmen – auch, weil wir glauben, dass es natürlich pädagogisch sinnvoll ist, das richtige Sonnenverhalten schon früh zu lehren. Dazu zählt immer, Kleidung an Körperstellen zu tragen, die bedeckt werden können. Ich persönlich habe immer eine langärmelige Bluse oder ein breites Schaltuch dabei. Die Augen sollten wir mit einer Sonnenbrille schützen, den Kopf mit einem Hut oder einer Kappe.

Also Kleidung hilft. Muss ich die Kopfhaut denn auch schützen oder übernehmen dies die Haare?
Kopfhaut mit dichten Haaren hat einen sehr guten Schutz. Doch wenn die Haare lichter werden oder die Ohren nicht bedeckt sind, besteht hier die besondere Notwendigkeit des Schutzes.

Auch interessant