Perücken, Puder und Premierenfieber: Der Erfurter Maskenbildner Sasha Heider sorgt für die vollständige Verwandlung - meinanzeiger.de
31. März 2017
Erfurt

Perücken, Puder und Premierenfieber: Der Erfurter Maskenbildner Sasha Heider sorgt für die vollständige Verwandlung

Ein Bart für jede Lebenslage. Die Gesichtsbehaarung von Sasha Heider ist echt.

Ein Bart für jede Lebenslage. Die Gesichtsbehaarung von Sasha Heider ist echt.

Sasha Heyder leitet seit fünf Jahren die Maskenbildnerei am Theater Erfurt. Nach 17 Jahren im Beruf hat er schon alles für die Bühne gebastelt: Gedärme, die aus aufgeschlitzten Körpern herausquellen, einen riesigen erigierten Penis und sechs Brüste für einen Mann, aus denen sogar Milch spritzt. Im Interview plaudert er aus dem Schminkkästchen, gewährt einen Blick hinter den Vorhang und erklärt, was indische Götter mit Perückenpreise zu tun haben.



Bei der Arbeit eines Maskenbildners denkt man erst einmal ans Schminken.
Ja, dabei machen Make-up und Schminken direkt am Darsteller nur etwa ein Drittel unserer Arbeit aus. Den Rest der Zeit in der ganz normalen 40-Stunden-Woche haben wir Werkstatt-Dienst. Dort erarbeiten wir Masken, falsche Nasen, Ohren und Gesichter. Wir stellen außerdem alles her, was mit Haaren am Körper zu tun hat: Perücken, Augenbrauen, Bärte, Koteletten, Brust- und Scharmhaare, Haare auf den Beinen und den Füßen. Das gab es alles schon.

Was war denn bisher das Ungewöhnlichste?
Wir haben zum Beispiel einen verbrannten Kopf erstellt, an dem die Haare abgefackelt wurden. Das war bisher einmalig. Abenteuerlich sind für uns auch abgeschlagene Köpfe, Arme oder Beine. Das Abstruseste war ein aufgeschlitzter Körper, bei dem die Gedärme herausquollen.

Das sind ja schon richtige Spezialeffekte.

Genau. Wir überlegen dann im Team: Wie stellen wir Gedärme her? Man kann zum Metzger gehen und sich Schweinedärme holen und sie mit Watte stopfen. Man kann Kunstdarm oder eine Strumpfhose füllen.
Wir hatten auch mal einen Mann, der auf der Bühne sein Hemd aufreißen sollte und dabei sechs Brüste offenbarte. Und die mussten auch noch Milch geben. Das war sehr schräg. Wir bauten ein Silikongespann zum Umlegen, verkabelt mit Schläuchen. In der Hosentasche hatte er eine kleine Pumpe zum Milchspritzen.
Das sind die außergewöhnlichen Aufträge, die unseren Alltag beflügeln. Bei einer Faustinszenierung wollte der Regisseur einen Satyr mit einem 41 Zentimeter langen Penis. In einer Szene sollte er nicht erigiert sein, da tanzte der Satyr mit diesem Ding. In der nächsten Szene sollte der Penis erigiert sein. Wir haben zwei Varianten aus Silikon hergestellt.


Rokokoperücken sind aus Büffelhaar




Sind das alles Wegwerfprodukte oder kann man sie nochmal benutzen?
Was wir aufheben sind Perücken und Haarteile, die alle maßgefertigt sind. Jeder Darsteller hat in unserem Fundus eine Kiste mit seinem Namen darauf – da sind seine Perücken und Haarteile drin. Eine Perücke kostet an Material zwischen 300 und 500 Euro. Wenn ich sie – die Arbeitszeit einberechnet – verkaufen würde, bekäme ich 2500 bis 3000 Euro.

Aus welchem Material wird die Perücke denn geknüpft?
Aus echtem Menschenhaar.

Wo kauft man denn Menschenhaar?
Dafür gibt es Firmen, die Haare nach Längen sortieren, waschen und bleichen. Ich rufe an und bestelle beispielsweise 100 Gramm Haare, 40 Zentimeter Länge in Dunkelbraun. Bei Rokokoperücken ist es Büffelhaar – Bauch- und Schwanzhaare des tibetanischen Yaks. Das Menschenhaar kommt aus Asien. In Indien betet zum Beispiel eine Mutter zu ihrem Gott, weil ihr Kind krank ist, und sie opfert ihre Haare. Diese Opferungen werden aber immer seltener.

Also werden die Haare teurer?
Ja. In den letzten sechs Jahren sind die Preise um über 50 Prozent gestiegen. Echte Haare sind frisierbar, man kann sie verformen und einfärben. Das ist bei Kunsthaar oft nicht der Fall. Die Perücken werden per Hand gewaschen, sie bekommen Shampoo und Spülung. Es ist echtes Haar. Man muss es pflegen, damit es jahrzehntelang hält.

Blut aus Hagebuttentee




Welche Spezialeffekte gibt es sonst? Haben Sie kanisterweise Theaterblut herumstehen?
Es gibt internes Blut, das Nase oder Mund läuft, das wir einkaufen. Externes Blut, das auf dem Körper aufgetragen wird, kochen wir aus finanziellen Gründen oftmals selber – mit Schwarztee, Hagebuttentee und Soßenbinder.

Wie groß ist Ihr Team?
Wir sind zu zehnt. Wir bilden regelmäßig aus, die elfte Person ist der Auszubildende. Wir sind verantwortliche für 40 Mann Chor, mehrere Statisten. Manchmal sind auch Musicaldarsteller dabei wie in „West Side Story“ oder Gast-Tänzer wie in „Hercules“. Und die Solisten müssen wir am Abend natürlich auch fertig machen.

Wie lange sitzt denn ein Darsteller in der Maske?
Maximal eine Stunde, aller-allerhöchstens, bei sehr aufwändigen Aktionen. Im Chor brauchen wir 20 Minuten für eine Frau, maximal eine Viertelstunde für einen Mann.

Ohne Maske nur ein weißer Klecks




Muss denn jeder geschminkt werden? Auch für die Rolle des netten jungen Mannes von nebenan?
Ja. Wenn man jemanden nicht schminkt, ist das Gesicht nicht vorhanden auf der Bühne, weil die Beleuchtung hinzukommt. Wir grundieren das Ganze, dass es nicht fleckig wird. Und dann idealisieren wir Augenbrauen, setzen an bestimmten Stellen Schatten und Lichter, dass das Gesicht im Scheinwerferlicht dreidimensional wirkt und nicht wie ein weißer Klecks.

Wie recherchieren Sie für Ihre Maske? Oder haben Sie alle Mode-Epochen im Kopf?
Es ist tatsächlich so, in den drei Jahren Ausbildung lernt man 6000 Jahre Frisuren- und Make-up-Geschichte. Das Wissen muss man parat haben, es ist ja unser tägliches Brot. Und wenn eine Produktion herauskommt, für die wir wie in den 30er-Jahren schminken sollen, dann muss das sitzen. Wir haben keine Zeit, lange vorher zu üben oder nachzulesen. Wir haben zwar ein bisschen Literatur, aber die ist für Maskenbilder auch ganz schlecht. Es gibt ganz wenige Bücher.

O.k. Weißgepudert im Rokoko, das hat man noch auf dem Schirm. Aber wie sieht es denn mit anderen Epochen aus?
Es gibt zum Beispiel die 20er-Jahre mit dem Smokey Eyes und den kleinen Herzmündchen, dann die 40er-Jahre mit den Wellenfrisuren und der spezielle Lidstrich in den 50ern, wie man ihn bei Audrey Hepburn kennt. Auch in der Augenbrauenform kann man den Wandel erkennen: In den 20er-Jahren waren ganz dünne bogige Brauen gefragt, in den 30ern waren sie auch dünn, aber die Form war anders, in den 50ern waren sie dann dicker und eckiger.

Schminken nach Rezept




Haben Sie einen Favoriten?
Den Jugendstil. Wegen der Frisuren wie den Wagenrädern bei den Frauen. Jugendstil ist für mich einer der ästhetischsten Zeiten und trifft meinen Geschmack. Fürs Frisieren ist es eine der schwierigsten Zeiten. Da geht es noch nicht einmal um die Sauberkeit, sondern um die Proportionen – die müssen stimmen.

Sie schminken beispielsweise auch blaue Flecken nach einer Prügelei. Wie schaffen Sie es, dass diese immer an der gleichen Stelle im Gesicht sitzen?
Vor der Premiere haben wir drei Endproben, die wie eine Vorstellung stattfinden. Wenn alles stimmt, machen wir Fotos von den einzelnen Darstellern. Jeder meiner zehn Mitarbeiter hat seine festen Darsteller. Die Fotos kleben im Vorstellungsbuch. Dort steht dann auch, was ich tue und wann ich es tue. Wenn ich mal krank werde, kann dann problemlos jemand einspringen. Quasi wie ein Kochrezept.

Im Gegensatz zum Film müssen Ihre Masken über Stunden halten.
Beim Film heißt es „Cut“ und dann hat man Zeit. Wenn während der Vorstellung etwas verrutscht oder verwischt auf der Bühne, hat man keine Chance.

Verformte Köpfe




Gibt es Schreckmomente?
Oh ja. Es ist schon ein paar Jahre her bei einem Ballett. Ein Tänzer bekam eine Rokoko-Perücke, die geklebt werden musste, weil der Tänzer nur zwei Millimeter Haar hatte und man daran keine Perücke befestigen kann. Es war ein schneller Umzug und der Kleber konnte nicht trocknen. Mit dem Ergebnis: Der Tänzer hob die Tänzerin über den Kopf hinweg zum zweiten Tänzer. Die Tänzerin blieb mit dem Kostüm an der Perücke hängen und hat sie komplett heruntergerissen. Aber aus solchen Momenten lernt man.

Und man hat immer eine Geschichte zu erzählen. Was war bisher Ihre aufwändigste Maskenarbeit?
Ich glaube, das aufwändigste, das ich je erlebt habe, war die Rockoper „Jedermann“ auf der Domplatte. Da hatten wir knapp vier Monate Vorbereitungszeit, weil fast jeder Darsteller aus dem Ensemble einen deformierten Kopf bekommen hat. Individuell angepasste, ganz abstruse Kopfformen.

Wie sieht ihre Ausrüstung aus? Was ist unverzichtbar?
Standardausstattung sind Grundierungen, Schwämme zum Auftragen, Puder und Puderquaste zum Fixieren der Konturen, Lidschatten, die Pinsel, ein Nadelkasten, ein Kasten mit Klemmen, Haarnadeln, der Mastix, um Perücken, Kotletten und Bärte anzukleben, die Wimperntusche, der Wimpernkleber, Wattestäbchen, Haarspray, Gel, Wachs.
Die Lidschattenpaletten sind schon sehr umfangreich. Ich habe gut 120 Lidschatten in verschiedenen Farbtönen.

Schutzzone für den Darsteller




Wie überschminken Sie Tattoos?
Erstaunlicherweise muss ich immer nur bei Tänzern Tattoos überschminken. Das ist natürlich doppelt problematisch. Denn egal, welches Make-up Sie nehmen, es rubbelt sich runter. Die normale Grundierung, Fett- oder Wasserschminke, hält nicht gut. Es gibt aber Schminke auf Alkoholbasis, die sehr gut funktioniert.

Kommen die Darsteller schon ungeschminkt zu Ihnen?

Die Männer auf jeden Fall. Die Frauen haben manchmal eine Tagescreme drauf oder die Wimpern getuscht, den Lidstrich gemacht – ein leichtes Tages-Make-up. Da schminken wir einfach drüber.

Und wie befreien Sie jemanden am Ende von den Make-up-Schichten?
Abschminken geht über Abschminktücher und -fett. Das klingt genauso eklig, wie es ist. Das ist ein Topf mit Fett, eine cremige, pastöse, klare Masse. Das geht nicht mit Seife. Oder man nimmt halt ein Abschminktuch. Geht auch, ist aber einfach teurer.

Sie sind der Letzte, den die Darsteller vor dem Auftritt sehen. Wie schaffen Sie es, dass die Schauspieler immer ruhig bleiben?
Manchmal ist der Darsteller wirklich sehr nervös. Das wirkt sich bei jedem Menschen anders aus. Der eine ist völlig in sich gekehrt, spricht gar nicht, geht im Kopf die Noten oder den Text durch. Andere fangen an zu quasseln wie ein Buch. Manche sind auch hektisch oder überempfindlich: Dann schmerzt jede Nadel, der Pinsel passt nicht oder der Schwamm ist zu kratzig. Da wird man ein bisschen unleidlich. Das ist alles nicht böse gemeint, sondern die Nervosität, die sich da auswirkt. Das ist auch alles gar nicht schlimm. Aber in der Tat ist die Maske ein wenig der Ruheraum, die Schutzzone für den Darsteller. Mit einem souveränen, professionellen Auftreten gibst du dem Darsteller das Gefühl: Es läuft, du musst dir keine Sorgen machen, du kannst hier noch einmal in Ruhe Kraft tanken.


Zwischen die Pobacken und zwischen die Zehen und unter die Achseln und hinter die Ohren




Gibt es denn echte Diven unter den Darstellern?
In unserem Haus zum Glück nicht. In anderen Häusern habe ich schon Diven erlebt, die begannen herumzuschreien, weil die Locke falsch saß. Die haben gegen den Stuhl getreten oder Türen zugeschlagen.

Sind auch Sie schon einmal ausgetickt, weil die Künstler ihre Schminke verwischt oder sich auf die aufwändige Frisur gelegt haben?
Eigentlich nicht. Wir wissen ja: Unsere Kunst ist vergänglich.

Sie verbringen viel Zeit mit den Künstlern, dringen in ihre Komfortzone ein, befingern sie, kennen ihre körperlichen Makel. Gibt es da ein besonderes Vertrauensverhältnis?
Ich habe schon Frauen oder Männer geschminkt, die splitterfasernackt waren. Einen Tänzer musste ich komplett weiß schminken. Das war ein Brasilianer mit dunkler Haut. Da muss man auch unter das Suspensorium und zwischen die Pobacken und zwischen die Zehen und unter die Achseln und hinter die Ohren. Das sind intime Stellen. Das gilt auch, wenn ich einer Frau den Busen schminken muss. Witziger Weise ist das aber nicht schlimm. Wir begegnen uns auf einer sehr professionellen Ebene. Es hat gleichzeitig die nötige Distanz und doch Nähe und Vertrautheit.

Bestimmt sind Sie auch als Psychologe gefragt.

Sie haben Recht, es ist eine sehr intime Atmosphäre. Wir bekommen von den Darstellern viel erzählt, wenn das Vertrauen stimmt. Ich kenne viele private Geschichten vom Ehekrach, von dem Kind und seinen Problemen in der Schule, was man zuhause im Schlafzimmer tut. Man spricht eigentlich über alles. Deshalb machen wir auch die Türen zu.

Ist auch schon einmal jemand bei Ihnen eingeschlafen?
Das hatte ich auch schon. Eine Darstellerin war ganz entspannt, schloss die Augen und plötzlich kippte der Kopf nach vorne. Schlimm ist, wenn man gerade beim Lidstrich ist und der dann quer über die Wange zieht.

„Toi, toi, toi“




Können Sie ein paar Macken der Darsteller verraten?
Es gibt sehr abergläubische Darsteller, die setzen sich nur von links auf den Schminkstuhl. „Toi, toi, toi“ wünscht man sich, indem man über die linke Schulter spuckt. Man darf daraufhin auf keinen Fall „Danke schön“ sagen. Man darf es auch nur wünschen, wenn man schon in Kostüm und Maske ist. Man darf im Theater nicht pfeifen, keinen Schirm öffnen, keinen Hut tragen – es sei denn im Kostüm auf der Bühne.

Fließen auch mal Tränen?
Ja, natürlich. Einmal war die Mutter der Darstellerin gestorben. Dann haben wir zusammen ein bisschen geheult. Ich habe sie gedrückt. Wir haben eigentlich keine Zeit dazu. Das sind Momente, danach muss man sich wieder sammeln und weitermachen.

The Show must go on.
Genau. Dann ist die Wimperntusche verlaufen, man versucht es schnell zu reparieren und dann muss sie wieder auf die Bühne.

Sie helfen den Künstlern, in ihre Rollen zu schlüpfen. Wie groß ist denn Ihr Anteil?

Die meisten Darsteller sagen mir sogar, dass es der entscheidende Punkt ist. Das Kostüm anzuziehen, ist die eine Sache und hilft natürlich auch sehr viel. Aber die Maske ist quasi das i-Tüpfelchen. Das ist die Maske, hinter der sie verschwinden. Wenn ich ein Kostüm anhabe, sehe ich immer noch mich, mein eigenes Gesicht, meine private Frisur. Mit dem Make-up und der Perücke ist der Prozess abgeschlossen.

Als Maskenbildner sind Sie ein bisschen unerkannt im Hintergrund, in der zweiten Reihe. Ist Ihnen der Applaus wichtig?
Wenn man sich den Beruf aussucht, wählt man bewusst den Platz in der zweiten Reihe. Gerade bei der Premiere stehen wir oft beim Applaus an der Seite. Wir fiebern mit, genießen den Applaus, gönnen ihn den Darstellern. Das ist auch Lohn für uns. Ganz klar. Für uns ist es auch ganz besonders, wenn der Darsteller sich wohl fühlt und dank uns in der Rolle ist. Die Darsteller wissen das durchaus zu schätzen.

Vita Sasha Heider (41)


1996 Abschluss der Friseurausbildung
1999 Meisterschule
2000 bis heute beschäftigt an verschiedenen Theatern: Stuttgarter Staatsoper, Badisches Staatstheater Karlsruhe, Mainfranken Theater Würzburg, Staatstheater Braunschweig als Stellvertreter, Theater Heilbronn als Chefmaskenbildner, seit 2012 im Theater Erfurt als Chefmaskenbildner.
Als Ausbilder ist Sasha Heyder tätig seit 1998 bis 2000 als Friseur und seit 2008 als Maskenbildner.


Das Theater Erfurt bildet immer wieder zum Maskenbildner aus. Infos: www.theater-erfurt.de

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