Sturm auf Burg Stotternheim - Thüringer Mythos - meinanzeiger.de
10. Januar 2020
Erfurt

Sturm auf Burg Stotternheim

Das angebliche Raubritternest wurde vor 750 Jahren ­eingenommen und schließlich zum ersten Erfurter Dorf

Die historische Postkarte zeigt ein Wandgemälde aus dem Erfurter Rathaussaal. Die Erfurter waren einst berühmt für ihre Raubburgen­erstürmung. Das Gemälde zeigt sie mit Kaiser Otto von Habsburg (nicht bei der Einnahme der Burg Stotternheim). Foto:  Sammlung Koch

Von Dirk Koch

Das angebliche Raubritternest wurde vor 750 Jahren ­eingenommen und schließlich zum ersten Erfurter Dorf.

Erfurter bekannt für Raubburgenerstürmung

Sie trieben es viel zu bunt, die Herren von Stotternheim. Ihre vor den Toren Erfurts gelegene Burg war zum Raubnest verkommen. Damals durchaus kein Einzelfall, die Straßenräuberei war für Adelsherren eine durchaus willkommene ­Einnahmequelle. Wer sollte ihnen schon in die Quere kommen? 1269 ­eroberten die Erfurter schließlich die ­Niederungsburg ­Stotternheim, das berüchtigte Raubschloss. Der Ort wurde zum ersten Erfurter Dorf und markierte damit den Beginn einer langen und erfolg­reichen Entwicklungsphase der Stadt. So heißt es offiziell im Tenor zahlreicher geschichtlicher ­Überlieferungen.

Stotternheims wirklich Raubritter?

Ob die Stotternheims ­tatsächlich Raubritter waren, wird heute eher in Zweifel gezogen. Es gibt Hinweise darauf, dass die Erfurter das Raubrittertum nur als ­erfundenen Vorwand nutzten, um die Burg zu erstürmen. Ludolph von Stotternheim, so der Name des Burgmanns, stand in den Diensten des Landgrafen von Thüringen. Erfurt gehörte zum Erzbistum Mainz, und ­allein dadurch war ein Vertreter des Landgrafen so unmittelbar vor den Toren der Stadt ein nicht geringer Störfaktor für die Politik der aufstrebenden Stadt.

Burg als Mythos

Egal, wie es nun ­wirklich war, die Stotternheimer Burg, von der keiner weiß, wie sie wirklich aussah, ist zum Mythos avanciert. Sogar über das Jahr der Erstürmung gibt es unterschiedliche Jahreszahlen, 1269 ist die am meisten genannte. Die einzigen Darstellungen der Burg sind Erfindungen, um dem Traumbild ein Gesicht zu geben. 1988 schaffte es dieses Abbild der Burg sogar auf den Wandteller von Weimar Porzellan zum 900-jährigen Ortsjubiläum. Laut verschiedenen Ausführungen war das Schloss eines der ältesten und festesten in Thüringen und führte den Namen „Stammergrell“. Aber auch diese zwei Feststellungen gehören wohl zu einer im 19. Jahrhundert geschaffenen Legende.

Reale Beweise für die Existenz fehlen heute

1306 ließ der Rat vor Erfurt, wohl unter Leitung von Heinrich von Stotternheim, das zerstörte Schloss wieder aufbauen, es erlangte jedoch nicht mehr seinen einstigen Glanz und wurde später wieder zerstört. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sollen noch zahlreiche Trümmer der Burg am „Graben“ und höher liegenden Äckern gelegen haben, auch der verfüllte, drei Fuß breite gemauerte Brunnen soll am Udestedter Weg zu sehen gewesen sein. Manche Überlieferungen wollen ihren Standort sogar im ­Bereich von Luther- und Klinge­see sehen. Reale Beweise für die Existenz der Burg Stotternheim fehlen heute, indes lebt sie als Wahrzeichen des Ortes.

Traditionspflege auf angenehme Art

Der Familie von ­Stotternheim indes scheint die Zerstörung ihres Sitzes nicht besonders geschadet zu haben. Ludolph von ­Stotternheim musste sich zwar 1269 den Erfurtern ­ergeben. Er wurde jedoch nicht als Raubritter behandelt, im Gegenteil. Die Stadt Erfurt war verpflichtet, ihn reichlich zu entschädigen, dazu bekam er ein Grundstück innerhalb der Stadtmauern. Die Stotternheims prägten später die Geschichte der Stadt maßgeblich, Otto von Stotternheim wurde zweimal Rektor der Universität. Hiob von Stotternheim galt im 17. Jahrhundert als reichster Bürger der Stadt. Seit 1994 gehört Stotternheim wieder einmal zum Erfurter Stadtgebiet. Jeden Sommer erobern die Städter mittlerweile auf friedliche Art und Weise die zahlreichen Seen zur Erholung und zum Aktivsport. Traditionspflege auf angenehme Art.

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