Rot-Weiß Erfurt - Kabinenpredigt: Ein Jahrzehnt geht zu Ende - meinanzeiger.de
5. Februar 2020
Erfurt

Rot-Weiß Erfurt – Kabinenpredigt: Ein Jahrzehnt geht zu Ende

Insolvenzverwalter lassen Verein sterben – und die Kabinenpredigt mit

Die RWE-Fans trauern

Arand: Das Licht ist aus, der letzte Vorhang ist gefallen. RW Erfurt ist Geschichte im Profifußball. Insolvenzverwalter Volker Reinhardt meldete die 1. Mannschaft vom Spielbetrieb der Regionalliga ab. Für viele ist er aktuell der Hauptschuldige an der ganzen Misere. Doch dieser schleichende Tod setzte früher ein.

Heyder: Mit Ruhm hat er sich trotzdem nicht bekleckert, und ließ die Fans gleich zwei Mal sterben! Dass ausgerechnet zwei Insolvenzverwalter nacheinander das Schicksal des Vereins besiegeln, hätte ich mir nicht träumen lassen. Ich dachte immer, wenigstens die sollten Ahnung davon haben? Und unser Talk stirbt dabei gleich mit.

Arand: Alle Spieler sind bei neuen Vereinen kurzfristig untergekommen. Den Beschäftigten rund um die Männermannschaft wurden gekündigt. Nur noch das Nachwuchsleistungszentrum scheint intakt zu sein. RWE steht als Absteiger in die Oberliga fest. Bis Ende März muss beantragt werden, ob eine Mannschaft für die Staffel Süd gemeldet wird. Wer kümmert sich dann um neue Spieler, wer wird der Trainer? Wer beantragt Trainingszeiten? Wo wird gespielt?

Heyder: Mehr als ein Jahrzehnt haben wir die Kabinenpredigt gemeinsam veröffentlicht. Anfangs Du mit Text alleine, ich mit Foto dazu. 2013 Jahren kam mir die Idee, die „Kabine“ als Dialog zu starten. Da war noch nicht klar, ob das bei den Lesern ankommen würde. Seitdem hatte ich auf keine anderen Artikel so viel Resonanz. Fußball ist eben voller Emotionen! Im Extremfall führte das zu Anrufen am Sonntagabend um 22 Uhr, als ein Fan mit etwas Restblut im Alkohol mit mir unseren Text auswerten wollte.

Arand: Es gibt viele Anekdoten, die ich erzählen könnte. Mir fällt da Ex-Trainer Rainer Hörgl ein: Im Trainingslager in der Türkei erklärte er mir, was gesunde Ernährung wirklich ist. Hier und da eckten wir an, was die Betrachtung der Spiele anging. Ich wurde einmal sogar von ihm nach vorne zitiert, während einer Pressekonferenz, weil ihm das, was wir geschrieben haben, nicht gefiel. Eine sehr lebhafte Diskussion mit Torwarttrainer René Twardzik ist mir in Erinnerung, unmittelbar nach dem Spiel in Burghausen. Und nicht vergessen will ich, als wir Ex-RWE-Spieler Christopher Handke im Auto mitgenommen haben, damit er noch rechtzeitig zum Spiel beim VfB Stuttgart II auf dem Rasen stand.

Heyder: Auch das Treffen mit Ex-RWE-Kapitän Sebastian Tyrala hat bleibende Eindrücke hinterlassen. Tyrala wörtlich: „Ich habe euch gehasst“, lies er uns im Restaurant wissen. Völlig übermotiviert hatten nämlich zuvor Anhänger ihn und seine Familie bedroht, als wir über seine vorübergehenden Formkrise gefachsimpelt haben. Das war keinesfalls unser Plan! Nach dem Termin gingen wir mit Respekt auseinander, sind noch immer in Kontakt. Eine Reihe von Fußballfans habe ich allein deshalb kennengelernt, weil wir beide unser Gequatsche, was es jahrelang nur am Telefon gab, aufgeschrieben haben. Wie oft musste ich mich für meine Ergebnistipps rechtfertigen! Vom Flohmarkthändler bis zum Arzt, mal in der Kneipe oder auf sogar einem Vorstandstreffen bei einen Sponsor, alle hatten Redebedarf. Nicht nur einmal traf ich Fans, die mich fragten, ob ich das kennen würde, was diese beiden Typen mittwochs immer schreiben? Das waren die besten Gespräche!

Arand: Das sind also unsere letzten Zeilen! Mehr als 250 Ausgaben, immer mittwochs, für eine sehr treue Leserschaft. Danke dafür! Wir haben Höhen und Tiefen begleitet, kein Blatt vor den Mund genommen, Probleme beim Namen genannt. Und haben uns auch von knurrigen Trainern nicht einschüchtern lassen. Nach dem Schreiben dieser Zeilen muss ich erst mal ein Bier zischen. Prost!

Heyder: Das sollten wir auf alle Fälle gemeinsam machen! Vielleicht sogar mit unseren Lesern! Danke fürs Durchhalten! Sollte Erfurt eines Tages wieder im Profifußball ankommen, gibt es vielleicht auch für uns ein Comeback!

Text: Renè Arand & Axel Heyder / Foto: Gerd Zeuner

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