22. September 2021
Erfurt

Serie Bundestagswahl 2021. Wahl voller Emotionen

Politikwissenschaftler Alexander Thumfart über den besonderen Wahlkampf und dessen psychologische Aspekte

Prof. Dr. Alexander Thumfart ist Hochschul­dozent für ­Politische Theorie an der Staatswissenschaft­lichen ­Fakultät der ­Universität Erfurt und war 15 Jahre ­ehrenamtlich im ­Erfurter Stadtrat tätig.  (Foto: Floeckner)

Politikwissenschaftler Prof. Dr. Alexander Thumfart lehrt an der Universität Erfurt „Politische Theorie“. Themen wie poli­tische Ideengeschichte, Transformation in West- und ins­besondere in Ostdeutschland und auch die Nachhaltigkeit liegen ihm besonders am Herzen. AA-Redakteurin ­Helke Floeckner spricht mit ihm über psychologische ­Aspekte des Wahlkampfes:

Ist es für Sie als Wissenschaftler gerade eine ­besonders intensive Zeit?
In der Tat, es ist ja eine spezielle Wahl, eine Richtungswahl nach dem Ende der Ära Merkel. Eine Entscheidung, die ausgesprochen interessant ist.

Schauen Sie genauer hin bei Wahlplakaten und Auftritten von Politikern?
Ich finde die Wahlplakate ­inhaltlich relativ aussagelos. Manche haben zu viel Text oder sind so ungeschickt ­gemacht, dass sie die Konkurrenz mit aufrufen – das finde ich strategisch merkwürdig. Es gibt welche mit großem Wiedererkennungseffekt oder die mit null ­Inhalt. Dass Botschaften oder Provokatives vermittelt werden, ist nicht der Fall. Es geht ja auch letztlich darum, zu zeigen: Wir sind da.

Müsste man gerade jetzt nicht provokativer agieren?
Erfahrungen zeigen, dass die Öffentlichkeit Streit und Provokationen nicht schätzt. Gleichzeitig heißt es, der Wahlkampf sei langweilig und man müsse provozierender vorgehen. Aber wenn das passiert, heißt es: Jetzt streiten die sich wieder. ­Diese Gratwanderung merken Sie auch den Kandidaten an. Man möchte nicht zu weit gehen. Zu viel Provokation schockiert die Öffentlichkeit, aber wenn man vorsichtiger ist, wird man als langweilig eingestuft. In ­anderen Ländern ist das anders.

Wünschen Sie sich so etwas auch in Deutschland?
Ja, ganz sicher: Mehr Provokation und das bei einer ­anderen Moderation. Stehen sich die Kandidaten öffentlich gegenüber, reicht es, zwei oder drei Themen zu ­behandeln. Um dann Zeit zu haben für Diskussionen, wirkliche Gespräche. So kann sich eine provokative Debatte besser entwickeln. Jetzt ist es wie beim Triell eher eine ­Abfrage zu Themen.

Können eher Wahlplakate ­Menschen beeinflussen?
Sie können sie bestätigen. Es ist nicht so, dass Zweifler durch einen Slogan dazu ­gebracht werden, diese Partei zu wählen. Natürlich gibt es Ausnahmen, ein lustiger ­Slogan kann einen Unentschlossenen dazu bringen, vielleicht doch diese Partei zu wählen. Aber im Grunde geht es bei den Plakaten wirklich nur um die Bestätigung, zu sagen: wir sind da. Die Parteien wissen, dass die Zahl der Wechselwähler und der Unentschlossenen doch relativ groß ist, deshalb ­investieren sie gar nicht so groß in die Plakate, sondern in die sozialen Netzwerke.

Wie sieht der Wahlkampf dort aus?
Der ist inhaltlich tatsächlich zugespitzt, stellt die eigenen Positionen sehr in den Vordergrund, ­immer unterstützt von hochprofessionellen ­Beratern. Da geht es eindeutig um die Selbst-Präsen­tation – wie toll und gut bin ich, wie präsentiere ich mich in meinem Wahlkreis. Das wird dann in Chats und an die eigenen Leute versendet – das ist ­heute Wahlkampf.

Ist das wirklich Wahlkampf?
Das Gespräch, die Auseinandersetzung mit dem Wähler findet auch dort nicht statt. Es ist eine Art von Dauer­erregung, man ­beobachtet einander, reagiert auf Dinge, die der Gegner ­gesagt oder getan hat. Es gibt eine Kommunikation, weil man auf die anderen antwortet. Aber diese Kommunikation ist sehr mit Selbstdarstellung verknüpft. Und eine virtuelle Kommunikation ist nun mal kein Streitgespräch.
Besteht da nicht die ­Gefahr, Unterschiede nicht mehr erkennen zu können?
Man muss bedenken, ein Wahlkampf ist immer auch ein Schaukampf. Das muss man auch mit einer ­gewissen Souveränität und Freude und Gelassenheit tun. Und es muss sportlich sein. Wir sind da meist nicht sportlich. Man kann das aber trainieren. Gelungene Formulierungen, die Zuspitzung, auch die Ironie fehlen. Das hat auch damit zu tun, dass wir praktisch keine Eliteschulen ­haben, in denen Politiker und Politikerinnen ausgebildet werden. In Großbritannien oder Frankreich kommen alle führenden Politiker aus solchen ­Schulen.

Sind deutsche Politiker heute die, die dem anderen nicht wehtun wollen?
Wenn einer dem anderen wehtun will, dann verbeißt er sich darin. Das Spiele­rische ist nicht typisch in Deutschland. Bei uns muss immer alles mit Fakten unterlegt sein.

Der deutsche Wähler ist ­sicher auch kein einfacher?
Es ist schwer, es ihm recht zu machen. Entweder ist es ihm zu laut oder zu leise, zu ­konfrontativ oder zu ­langweilig. Es ist schon auch ein Ritt auf der Rasierklinge, den Politikerinnen und ­Politiker hinbekommen müssen. Einer fällt mir da ein, der das Nachdenkliche durchaus mit dem Fröh­lichen verbinden kann. Manch einer geht zum ­Lachen in den Kohlenkeller. Einem anderen ist das ­Lachen ganz vergangen. Einer wird Merkel immer ähnlicher. Dann gibt es noch die, die alles besser wissen, ohne zu sagen, wie das ­gehen soll. Und eine Partei ­versucht krampfhaft, ihre Fangzähne zu verbergen.

Wie kann man Menschen überhaupt erreichen?
Das ist sehr schwer. Man darf nicht vergessen, dass Poli­tiker die meiste Zeit unterwegs sind. Sie sprechen mit der eigenen Partei, mit verschiedenen Interessengruppen, Vereinen. Und je höher sie kommen, desto abstrakter wird das Ganze. Das ist nicht zu vermeiden. Dann sprechen sie sozusagen in einen großen Raum und hoffen, dass der Ton die Menschen trifft. Wenn da jetzt einer ­unaufgeregt, mit sonorer Stimme und strategisch ­geschickt platzierten Fakten spricht, stößt er auf offene Ohren, was zuvor niemand erwartet hätte. Interessant ist auch, dass viele in Sachen der Klimaziele noch vor kurzem unbedingt den Wandel wollten. Je näher wir dem Wahltermin kommen, desto geringer ist die Bereitschaft zu sagen: Der Wandel muss kommen. ­

Viele, vor allem Wechselwähler, wählen ja dann auch den Menschen, nicht das Parteiprogramm…
Man wählt seine positive Emotion, das, was mir das beste Gefühl gibt. Auch das, was meine Vorlieben und auch Vorurteile am ehesten bestätigt. Vieles bei den Wechselwählern spricht ­dafür, dass deren Entscheidungen schon angelegt sind.

Wird es in Richtung Wahl immer emotionaler?
Vor der Wahl werden wir ­immer sensibler, empfäng­licher für Wahlslogans, Sprüche, Programme, Aus­sagen. Und plötzlich gefällt er mir – der eine Satz, der Auftritt, das Plakat spricht mich ­direkt an. Wenn mir dann noch der Mensch, der das ­rüberbringt, sympathisch ist, macht es klick – und bestätigt „meine“ Grundorientierung im politischen Spektrum. Da ist Rhetorik sehr wichtig, ebenso das Auftreten. Das geht mit der Stimme los. Mit einer Sägestimme oder einem ­unangenehmen ­Akzent ­haben Sie es schwer. Man kann das trainieren. ­Begrifflichkeiten, Satzbau, Kleidung, Haltung, ­Gesten – alles hat einen Einfluss. Der Druck ist wahnsinnig groß.

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