So viel Einfluss hat die innere Uhr auf unser Arbeitsleben - meinanzeiger.de
20. Januar 2017
Erfurt

So viel Einfluss hat die innere Uhr auf unser Arbeitsleben

Stresst Sie jeden Morgen der Wecker? Vorsicht! Wer permanent gegen seine innere Uhr verstößt, wird schneller krank und süchtig.



Sonntagmorgens, 6.30 Uhr. Um diese Jahreszeit ist es noch dunkel und wenn ich aus dem Fenster schaue, so scheint es: Ich bin der einzige, der zu dieser Zeit schon aktiv ist.

Ich zähle mich zu den Frühaufstehern. Es gibt im Rahmen der Chronobiologie mittlerweile fundierte Aussagen zur statistischen Verteilung der ­jeweiligen Chronotypen. Zu welcher Gruppe man gehört, ist unabänderbar in unseren Genen verankert. Die biologische Uhr tickt in der Zirbeldrüse, wird durch Licht beeinflusst und entscheidet maßgeblich über die Ausscheidung des Hormons ­Melatonin, welches für ­unseren Schlaf-Wachrhythmus verantwortlich ist.


Säuglinge beginnen als Frühaufsteher




Fünf bis sieben Prozent der ­Bevölkerung gehören wie ich zu den wirklichen Frühaufstehern und haben zum Wecker kein gestörtes Verhältnis. Mehr als die Hälfte der Menschen gehen in der Regel kurz vor Mitternacht ins Bett und schlafen bis 7.30 Uhr aus. Ein Teil davon möchte natürlich gern auch lieber bis 8.30 Uhr schlafen oder sogar noch ein wenig später aufstehen.

Interessant ist dabei, dass sich in unserer Entwicklung der Schlafrhythmus vom Frühaufsteher zum Spätaufsteher verschiebt. Säuglinge und Kleinkinder beginnen alle als extreme Frühauf­steher. Erst in den mittleren Jahren pegelt sich für die Mehrzahl der Normalschläfer der genetisch verankerte Chronotyp mit einer Hauptschlafphase bei 3 bis 4 Uhr ein. Diese „Schlafmittelzeit“ liegt in der Pubertät und bei jungen Erwachsenen bei 4.30 bis 5.30 Uhr morgens.

Jeder Vierte ist eine Eule




Liebe Eltern, Lehrer und Lehrausbilder: Seien Sie bitte nachsichtig, wenn sich die Begeisterung und Motivation der jungen Menschen in Grenzen hält. Sie können nichts dafür! Im Übrigen hat die Verschiebung des Schulbeginns um eine Stunde nach hinten zu besseren Lern­ergebnissen bei den Schülern geführt.

Zur Gruppe der „Eulen“, mit denen man früh am Morgen nur schwer etwas anfangen kann, gehört immerhin nahezu jeder vierte Mensch. Dagegen machen die wirk­lichen Nachtarbeiter, die ohne Probleme erst am frühen Morgen zu Bett gehen, nur circa zehn Prozent der Bevölkerung aus. Bezogen auf unsere Arbeitswelt heißt dies, dass nahezu drei Viertel der arbeitenden Bevölkerung eigentlich keine Probleme mit den normalen Arbeitszeiten haben.

Anlaufschwierigkeiten am Morgen kann man ohne Weiteres durch lichttech­nische Maßnahmen kompen­sieren. Zum Beispiel haben Tageslichtlampen mit hohem Blaulicht-Anteil eine Lichtstärke von über 2000 Lux. Zum Vergleich: Tageslicht unter Wolken hat 8000 Lux, die Lichtstärke eines Sonnentages beträgt 100 000 Lux. Die Farbtemperatur der ­verwendeten Lampen sollte zwischen 6000 und 8000 Kelvin liegen.

Spätaufsteher sind wohlhabender




Es sind die Spätaufsteher, deren Tiefschlafphase werktags jeden Morgen durch den Wecker abrupt beendet wird. In der Folge summiert sich im Laufe der Woche ein Schlafdefizit, welches durch langes Ausschlafen am Wochenende ausgeglichen wird.

Mit Blick auf die ­Arbeitswelt müssen die extremen Chrono­typen bei ihrer Berufswahl sehr aufpassen, dass sie nicht gegen ihre ­genetische Disposition leben. Wer ­permanent gegen seine innere Uhr verstößt, wird überdurchschnittlich anfällig für ­organische Erkrankungen oder neigt zu ­seelischen ­Fehlentwicklungen und zur Suchtgefahr. Depressionen, ­Nikotin- und Alkoholmiss­brauch sind ­hinlänglich ­bekannte ­Folgeerscheinungen. ­

Untersuchungen in anfälligen Berufsgruppen wie Schicht­arbeiter oder Flugbegleiter haben dies bestätigt. Arbeitgeber sollten auf der anderen Seite flexible Arbeitszeit-­Regelungen zulassen, damit wenigstens ­teilweise den ­unterschiedlichen Chronotypen entsprochen werden kann.

Nach einer Information der Süddeutschen Zeitung (2009) sollen Spätaufsteher in der Regel wohlhabender sein als die Frühaufsteher. Pech! Und ich dachte schon, es liegt an meinem Fleiß, warum ich noch kein Millionär bin.

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