Stellenanzeigen richtig lesen - meinanzeiger.de
27. November 2017
Erfurt

Stellenanzeigen richtig lesen

Der Blick in die Stellenmärkte von Tageszeitungen und Fachzeitschriften stellt so manch einen Leser und Bewerber vor Probleme. In diesem Teil der Werbung ziehen erst langsam und behutsam innovative Gestaltungen ein. Obwohl es gewisse Normen gibt, an die sich sowohl Personalabteilungen als auch Leser schon längst gewöhnt haben, ist es deshalb für viele Bewerber anstrengend, sich in der Stille der zufließenden Informationen zu orientieren und unter persönlichen Maßstäben Spreu von Weizen zu trennen. Insbesondere wer für einen längeren Zeitraum aus dem Bewerbungsprozeß heraus war, wird seine Mühe mit der ersten Orientierung haben.

Stellenanzeigen beinhalten einige Grundprinzipien, die Sie kennen sollten, um den tatsächlichen Informationsgehalt sowie die „geheimen“ Botschaften zu entdecken. Wir wenden uns dem Normalfall zu, d.h. eine Firma inseriert offen oder benennt eine Kontaktperson. Hier gibt es 3 Grundkategorien von Informationen.

Die erste bezieht sich auf die Selbstdarstellung des inserierenden Unternehmens. Nehmen Sie ihre selektierten Anzeigen sowie einen Rotstift und streichen Sie in diesem Informationsteil alle Vokabeln und Floskeln heraus, die lediglich Selbstbehauptungen beinhalten. Daß sich ein Unternehmen als zukunftsorientiert, dynamisch oder erfolgreich bezeichnet, wirkt zwar interessant und ansprechend, muß aber nicht der Realität entsprechen. Eine Überprüfung des Wahrheitsgehaltes ist selbst im Vorstellungsgespräch nicht immer leicht. Dagegen beinhaltet eine unkritische Haltung u.U. ein unbewußtes Risiko, das Sie als evtl. neuer Mitarbeiter eingehen. Wenn allerdings vom Marktführer die Rede ist, haben Sie eine Aussage, die zumindest überprüfbar sein wird. Zuverlässiger sind Beschreibungen, die wiederum konkrete Ergebnisse der Vergangenheit wiederspiegeln. Wenn also von zweistelligen Zuwachsraten die Rede ist, wird das wohl auch zutreffen.

Eine der interessantesten Aussagen für Sie kann die Firmengröße sein. Dieser Punkt sollte bereits in Ihren Vorüberlegungen eine Rolle spielen. Wie groß soll oder muß die Firma sein, in der Sie arbeiten möchten? Abhängig von Ihrem Funktionsbereich können Sie davon ausgehen, daß Sie in kleineren Firmen mehr in der Breite gefordert sind und mit vielen unterschiedlichen Aufgabenstellungen konfrontiert werden, die Ihnen in einem Großunternehmen vermutlich niemals begegnen werden. Da wiederum haben Sie eher die Möglichkeit, sich in der Tiefe zu spezialisieren. Während in großen Firmen stets eine gewisse Anonymität gegeben ist, wird man in kleineren Unternehmen eher eine persönliche Atmosphäre antreffen. Beide Beispiele haben ihre Vor- und Nachteile, und es ist für Sie lediglich im Voraus wichtig zu wissen, was besser zu Ihnen paßt und Ihnen die größeren Entfaltungsmöglichkeiten gibt. Die Firmengröße gehört neben der Standortfrage mit zu den Informationen, die unter Umständen eine Bewerbung von vorneherein ausschließen.

Einige Stellenanzeigen sind so kurz und trocken gefaßt, daß man noch nicht einmal erfährt, womit sich das inserierende Unternehmen beschäftigt. Und sofern es in der Öffentlichkeit unbekannt ist, registrieren Sie diesen Mangel in zweifacher Hinsicht. Einmal gibt es ihnen einen Punkt zum Einhaken, wenn Sie einen telefonischen Kontakt knüpfen, aber es gibt auch -wie wir gleich noch sehen werden- einen Aufschluß darüber, wie eine Firmenleitung über Mitarbeiter und Bewerber denkt.

Die zweite Kategorie von Informationen bezieht sich auf die Aufgabe die angeboten wird. Beim Durchblättern des Stellenteils werden Sie sich in erster Linie an den dick herausgestellten Funktionsbezeichnungen orientieren. Manch ein gutes Angebot geht unter, weil der Texter unzureichende Vorüberlegungen in die Überschrift investiert hat. So wird z.B. ein Leser mit kaufmännischer Ausbildung den Stellenmarkt durchblättern, auf das Stichwort Einkäufer sofort reagieren und sich bewerben. Auf der nächsten Seite wird eine vergleichbare Stelle unter dem Stichwort Betriebswirt angeboten. Diesmal blättert er weiter, weil er diesen Ausbildungsabschluß nicht hat. Der weitergehende Text hätte ihm allerdings vermittelt, daß dieser Betriebswirt für eine Einkaufsabteilung gesucht wird und auch Bewerbern mit einer gleichwertigen Berufspraxis eine Chance eingeräumt wird. Der Unterschied zwischen den beiden Inseraten war, daß einmal unter der Funktionsbezeichnung, das andere Mal unter einer Berufsbezeichnung gesucht wurde. Je mehr Zeit Sie sich für die Durchsicht des Stellenteils nehmen, um so größer wird die Auswahl für Sie sein.

In der weiteren Beschreibung zur Aufgabe werden Ihnen wiederum 2 unterschiedliche Richtungen begegnen. Im einen Fall wird mit einigen Worten beschrieben, wie man sich den zukünftigen Mitarbeiter vorstellt. Man sucht beispielsweise den weltoffenen, sympathischen Verkäufer mit guten Umgangsformen. Sie werden es wohl kaum schaffen, in dem Moment sicher zu ergründen, was der Inserent konkret darunter versteht. Wen wundert da die Fülle von unterschiedlichen Eigenschaften, die Bewerber dem Inserenten präsentiert werden. Betrachten Sie also solche Beschreibungen ruhig etwas skeptisch und lassen Sie sich nicht allzu sehr von Ihren eigenen Begriffsinhalten leiten. Informativer dagegen sind die Sachaussagen, die sich auf die Funktion oder Ausübung der Aufgabe beziehen. Hier gilt es herauszufinden, wie groß die Überschneidung mit Ihren Erwartungen ist. Aber je mehr über die Aufgabe oder die Eigenschaften des Wunschkandidaten gesagt ist, um so größer ist die Möglichkeit, daß Sie sich eingeengt fühlen. Halten Sie sich dabei vor Augen, daß umfangreiche Beschreibungen immer das Idealbild eines Bewerbers beschreiben, der in den seltensten Fällen tatsächlich gefunden wird. Lassen Sie sich also nicht zu schnell beeindrucken oder abschrecken. Vielleicht lesen Sie die Formulierung „wir wünschen uns den branchenerfahrenen Fachmann“, dann verstehen Sie das ruhig als Wunsch und nicht als zwingende Forderung. Ein anderes Mal wird vielleicht der Bewerber zwischen 30 und 40 gesucht. Dann kalkulieren Sie die Möglichkeit ein, daß der nicht unbedingt gefunden wird. Und wenn Sie das Gefühl haben, daß die Stelle für Sie trotzdem interessant ist, werden Sie ruhig erst einmal aktiv.

Die dritte Kategorie der Informationen bezieht sich auf das, was Sie nun zu tun haben. Das Inserat wird in der Regel mit einer Aufforderung abschließen. Man erwünscht Ihren Anruf oder erbittet Bewerbungsunterlagen, vielleicht mit Lichtbild, man erwartet die Angabe Ihres Einkommenswunsches usw. Gehen Sie auf diese Wünsche möglichst genau ein, und sofern ein Ansprechpartner namentlich genannt ist, erkennen Sie, daß man Ihren Anruf regelrecht erwartet. Für Bewerber im Verkauf ist es eine unbedingte Verpflichtung, einen telefonischen Kontakt wahrzunehmen.

Eine der wichtigsten Sachinformationen insbesondere für jüngere Bewerber ist der Funktionsbereich innerhalb des Unternehmens, in dem die Stelle angesiedelt ist. Ein großer Teil der beruflichen Anforderungen wird von der Persönlichkeit und nicht von den Fachkenntnissen aufgefangen. Entscheidend sind die Einflüsse und Prägungen des jeweiligen Umfeldes und der erforderlichen Arbeitsweise. Der Ingenieur mit Universitätsabschluß, der in die Grundlagenforschung innerhalb einer Konzernstruktur möchte, benötigt eine andere Mentalität als sein Kollege, der mit demselben Abschluß eine Führungsposition in einem mittelständischen Unternehmen anstrebt. Erstaunlicherweise haben selbst Bewerber mit langjähriger Berufserfahrung oft nur wenig Gespür für diese Unterschiede, weil im Vordergrund immer wieder die Frage der Fachkenntnisse einseitig hoch bewertet wird.

Von der Gestaltung bis hin zur detaillierten Inhaltsbeschreibung, viele Wirkungen eines Stelleninserats werden unbewußt registriert und manchmal auch nur gefühlsmäßig beurteilt. Aber je bewußter Ihnen ein Einfluß ist und je klarer Sie selbst herausgefunden haben, was Sie mögen und wollen, um so mehr bauen Sie die Grundlage für eine gute und sichere Vorgehensweise aus. Registrieren Sie deshalb zusätzlich die „versteckten“ Botschaften, die ein Inserat beinhalten kann. Da wäre zunächst die Größe. Als Faustregel gilt, daß die Größe der Anzeige mit dem Wert oder der Bedeutung der ausgeschriebenen Stelle wächst. Wir nehmen hier unbewußt erste Informationen wahr, aber achten Sie bitte auch darauf, daß das nicht der einzige Grund ist für Firmen, sich groß herauszustellen. Wenn Sie die Stellenanzeigen aufmerksam studieren, werden Sie viele Inserate entdecken, die aus einem völlig anderen Grund groß gehalten sind, nämlich weil es einen Mangel an ausreichend qualifizierten Bewerbern gibt. Nehmen Sie also die Größe eines Inserates bewußt wahr und versuchen Sie, einen sachlichen Bezug zum Hintergrund herzustellen.Wenn Sie den Stellenmarkt über einen längeren Zeitraum hinweg verfolgen, wird Ihnen auffallen, daß Sie das eine oder andere Inserat schon einmal gesehen haben. Vielleicht haben Sie aus irgend einem Grund bis dahin nicht auf diese Ausschreibung reagiert, aber wenn Sie einem solchen Dauerbrenner begegnen, und die Sache, um die es geht, liegt auf Ihrer Linie, lohnt es sich vielleicht doch, darüber nachzudenken. Ihre Chancen könnten unerwartet gut und Ihre Gehaltsaussichten entsprechend hoch sein.

Einige wenige Unternehmen fallen auf, weil sie sich um neue Mitarbeiter intensiv bemühen und regelrecht um sie werben, und die Aufmachung läßt so manches Mal deutlich erkennen, daß der allergrößte Wunsch im Hintergrund steht, sich von der Masse abzuheben und mit den kreativsten Mitteln in einer überfüllten Anzeigenseite aufzufallen. Im krassen Gegensatz dazu stehen die bereits erwähnten kargen und trocken wirkenden Stellenangebote, die kaum Informationen liefern und nicht besonders attraktiv wirken. Sehr oft bestätigt sich hier ein Zusammenhang, nämlich in der Art und Weise, wie man Bewerber anspricht und dem Stil, der in einem Betrieb vorherrscht in Hinsicht auf den Umgang und die Behandlung von Mitarbeitern. Ich möchte natürlich nicht, daß Sie sich von blumigen Worten und Schönfärberei einfangen lassen, sondern lediglich, daß Sie vom Grundsatz her auch diese Strömungen erkennen. Wenn ein Unternehmen sich sichtbar Mühe auf dem Arbeitsmarkt gibt, ist die Möglichkeit erheblich größer, daß derselbe Geist auch innerbetrieblich zu spüren ist.

Eine Gesamtwertung muß eine hohe Übereinstimmung zwischen den Anforderungen sowie den eigenen Erwartungen ergeben. Wenn Sie jeweils 80 % als erfüllt sehen, lohnt sich die schriftliche Bewerbung. Die oberflächliche Betrachtung und eine entsprechende Divergenz zwischen Stellen- und Bewerberprofil führen dagegen zu einer vermeidbaren Frustration, wenn die Bewerbung mit dankenden Worten abschlägig beantwortet wird.

Das Inserat sollten Sie sich ein weiteres Mal aufmerksam durchlesen, wenn Ihnen ein Vertragsangebot unterbreitet wird und Sie einen Vertrag unterzeichnen wollen. Zwischenzeitlich sind mehrere Wochen vergangen und Sie haben zwei bis drei informative Gespräche im Haus Ihres potentiellen Arbeitgebers geführt. Stimmen die Aussagen im Inserat mit dem überein, was Sie gehört und gesehen haben, oder gibt es auffällige Abweichungen ? Möglicherweise haben Sie sich für eine Position beworben, die erstmalig besetzt wird ? So wie der Bewerber wissen muß, was er will, so sollte auch der Arbeitgeber für Klarheit in seinen Absichten gesorgt haben. Setzen Sie Letzteres nicht stillschweigend voraus, sondern rechnen Sie damit, daß in manchen Firmen erst während der Gespräche mit Bewerbern tiefergehende, detaillierte Überlegungen entstehen, die auch Korrekturen in der Aufgabenstellung bzw. Zielsetzung zur Folge haben können. Jetzt wäre Ihre letzte Gelegenheit, bis dahin unausgesprochene Punkte zu klären und die Entscheidung, die die nächsten Jahre weitreichend beeinflußt, abzurunden.

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