3. Mai 2016
Erfurt

Tatortgruppe: Spurensicherung beim LKA

+ Blut finden wir immer + Peggy R. gehört zur Tatortgruppe und ist bei Tötungsdelikten eine der ersten am Fundort der Leiche +



Mit den Kameraeinstellungen am Beginn vieler Sonntagstatorte schießt die ARD gar nicht so sehr ins Kraut. Immer dann, wenn die Damen und Herren der Spurensicherung in weißen Anzügen eingeblendet werden, stimmt manches mit der Wirklichkeit überein. Meist ist die Tatortgruppe, wie diese Ermittler heißen, nur mit einer Nebenrolle bedacht. In der Realität ist das freilich anders. Ohne ihre langwierige und akribische Arbeit würden wichtige Puzzleteile fehlen, wenn es darum geht: Ist es Mord, Totschlag oder eine Körperverletzung mit Todesfolge? Handelt es sich um eine Tat im Affekt oder war sie lange geplant? Peggy R. vom Landeskriminalamt Thüringen, selbst mit der Spurensicherung betraut, erklärt wie: „Was objektiv zu belegen ist, muss entdeckt und konserviert werden. Dafür werden 360-Grad-Aufnahmen vom Tatort gemacht, jedes Detail wird fotografiert. In vielen Fällen geht es bei uns ja um Tötungsdelikte. Ob ein Mord vorliegt, darüber urteilt später aber das Gericht mit Blick auf alle Ermittlungsergebnisse und die von uns gesicherten Spuren.“

Die Ermittler der Spurensicherung sind nicht die ersten am Fundort der Leiche. Nach den Polizeibeamten, die zum Tatort gerufen werden und dem Notarzt, gehören sie jedoch zu denen, die schnell vor Ort sein müssen. Das heißt für Peggy ein Leben mit ihrem Handy in Reichweite. Sie selbst findet es nicht den schlimmsten Fall, wenn sie nachts um halb Drei geweckt wird. „Viel unangenehmer ist es, wenn man einen langen Tag hinter sich hat und das Telefon abends um 23 Uhr klingelt, noch bevor man überhaupt bis ins Bett gekommen ist.“

Als sie das erste Mal ausrückte, musste sie Schuhe in einem Waldgebiet aufspüren, als Beweismittel in einem Mordfall. Deutlich schlimmer waren manche Einsätze, die in den Jahren folgten. „Ich kann Privates und Dienst sehr gut trennen und bin froh, dass ich ‚nur‘ die spurentechnische Seite von Tötungsdelikten zu bearbeiten habe.“ Ihre Kollegen haben mit den Hinterbliebenen, der Familie des Opfers zu tun, werden so emotional viel stärker in den Fall einbezogen. Von „leichter“ lässt sich bei ihrem Job nicht sprechen, das liegt nicht allein an der ständigen Bereitschaft. Oft muss sie scheußliche Anblicke ertragen. „Am Tatort sichern wir ersten Spuren direkt an der Leiche. Danach begleiten wir die Rechtsmediziner zur Leichenschau und Sektion „, erklärt Peggy R. Hier müssen weitere Details dokumentiert werden. „Die gesamte Aufnahme nimmt, je nach Situation, mehrere Tage in Anspruch, der gesamt Fall beschäftigt uns über Wochen oder Monate.“ Bis zum Gerichtstermin, in dem die Beweise im Verfahren ‚auf den Tisch‘ kommen.

Für Jedermann ist diese Tätigkeit garantiert nichts: Babyleichen, Tote mit unzähligen Messerstichen, bereits verweste Körper, Wasserleichen – das alles muss Peggy R. ertragen können, inklusive der Gerüche am Fundort. Für die Überführung des Täters wird jede Fussel, jedes Haar gelistet, verpackt, katalogisiert. Die Suche nach Fingerabdrücken, wie im „Tatort“ gezeigt, oder die Arbeit mit der Pinzette gehört dazu. In ihrem Arbeitskoffer erinnert nur noch die große Lupe an die Zeiten von Sherlock Holmes, der seinerzeit in den Geschichten des Autors Arthur C. Doyle vor allem mit grandiosen Schlussfolgerungen die Täter überführte. Vor Gericht hätte es der Meisterdetektiv heute damit schwer. Dort werden andere Beweise gefordert und dafür müssen Ermittler und Tatortgruppe alles detailliert zusammen tragen.

Die nur kurze Einblendung im Fernsehkrimi wird der wirklichen Arbeit nicht gerecht. Heiße Tage oder bei minus 20 Grad im Wald, Regenfälle – egal welche Kapriolen das Wetter schlägt, Peggy R. muss über Stunden selbst die kleinsten Beweise sichern. 500 Einzelteile sind keine Seltenheit. Eine Sisyphos-Arbeit. Zu den äußeren Bedingungen gesellen sich solche Fleißarbeiten: Dann beispielsweise, wenn Schränke mit Band abzukleben sind, um auch die kleinste Faser zu finden oder wenn mit Spezialtechnik nach Blutspuren gesucht wird. „Blut lässt sich in winzigen Mengen nachweisen, selbst wenn der Täter geputzt und versucht hat, alles zu verwischen.“ Eigentlich könnte sich jeder Täter das sparen, so klingt es heraus. Blut findet die Tatortgruppe immer, wenn es welches am Tatort gibt. „Ich muss mich immer wieder kontrollieren, dass ich nichts vergessen habe“, einer der Punkte, die den Job anstrengend machen. Deswegen haken die Ermittler genau ab, was erledigt ist, was noch getan werden muss.

Abgeschlossen ist der Fall erst mit der Verurteilung des Täters, selten einer Täterin. Der überwiegende Teil sind Männer, oft sind Beziehungstaten, so etwas wie ein ‚Klassiker‘ für Tötungsdelikte. Dass Täter und Opfer sich gar nicht kennen, komme schon mal vor. Das aber sei der seltenste Fall, soweit vielleicht die gute Nachricht für alle, die nachts allein unterwegs sind.

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