Uni Erfurt prüft digital - meinanzeiger.de
4. Februar 2021
Erfurt

Uni Erfurt prüft digital

Fernklausuren beenden das Wintersemester in der Landeshauptstadt

Der Hörsaal bleibt weiterhin leer. Foto: Uni Erfurt

Das Ende des Wintersemesters steht bevor und mit ihm die Prüfungszeit an den Hochschulen. Mitten im Lockdown – unter erschwerten Bedingungen. Während sich die gesamte Republik auf den digitalen Weg gemacht hat und an den meisten Hochschulen noch diskutiert wird, wie man die Prüfungen so gestaltet, dass sie „Corona-konform“ stattfinden können, ist die Universität Erfurt schon weiter. Und startet bereits in die zweite Runde ihrer Online-Prüfungen. Mit dem Segen der Landesregierung und der Genehmigung des Landesdatenschutzbeauftragten.

„Wir sind hier durchaus Vorreiter und über die Zurückhaltung mancher Hochschulen eher erstaunt“, sagt Prof. Dr. Walter Bauer-Wabnegg, der Präsident der Universität Erfurt. „Und wir haben uns sehr frühzeitig, nämlich bereits nach der ersten Corona-Welle, im Sommersemester 2020, für digitale Fernklausuren entschieden. Denn welchen Sinn ergibt es, wenn das öffentliche Leben heruntergefahren wird, wir alle Studierenden in die Online-Lehre schicken und sie dann zu Präsenzprüfungen wieder in öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch das Land fahren und in Hörsälen in Massen zusammenkommen lassen? Nicht nur, dass wir die räumlichen Kapazitäten für Corona-konforme Prüfungen nicht hätten, wir haben da ja auch eine Verantwortung – für die Studierenden wie für die Beschäftigten.“

Prüfungen im Sommer als Probelauf

Dass die Entscheidung eine gute war, zeigte sich bereits in der ersten Prüfungsrunde im Sommer – auch wenn die Zeit für die Suche, Entscheidung, Beschaffung, datenschutzrechtliche Klärung, Installation und die Qualifizierung aller Beteiligten mehr als „sportlich“ war. „Aber da unsere neuen Prüfungsordnungen unabhängig von der Pandemie ohnehin elektronische Prüfungen als besondere Option vorsehen, war es nur konsequent, diesen Schritt jetzt auch zu gehen“, berichtet Prof. Dr. Gerd Mannhaupt, Vizepräsident für Studienangelegenheiten an der Universität Erfurt. Nicht nur die Dozierenden hatten seit geraumer Zeit die Notwendigkeit von elektronischen Prüfungen angemeldet.

Im Sinne einer Weiterentwicklung der Lehre und vor dem Hintergrund der Digitalisierung gab es seit Längerem Überlegungen, ein elektronisches Prüfungssystem nicht nur für elektronische Fernklausuren, sondern vor allem für elektronische Klausuren auf dem Campus und eine datenschutz-, archiv- und prüfungsrechtlich vernünftige Durchführung aller schriftlichen Prüfungsformate einzuführen. „Mit WISEflow, einer Prüfungssofware des Anbieters UNIwise, haben wir jetzt ein System, mit dem schriftliche Arbeiten gestellt werden und die Studierende unkompliziert und sicher digital einreichen können“, sagt Mannhaupt. „Lehrende können die Arbeiten unkompliziert bewerten, die Plagiatsprüfung erfolgt automatisch und für Rückmeldungen zu den Leistungen müssen keine Sprechstunden abgehalten oder Unmengen von E-Mails beantwortet werden. Last but not least werden die Arbeiten sicher archiviert und nach Ende der Archivierungsfrist gelöscht. Perspektivisch können wir damit auch Abschlussarbeiten so verwalten, dass die Stapel von Arbeiten in unseren Büros sich eben nicht langsam, aber sicher der Decke nähern.“

Lösung für Studierende mit schlechtem Internet

Die Akzeptanz der Fernklausuren – immerhin 15.520 Prüfungen mit maximal 1528 Klausuren an einem Tag – war hoch. Nur wenige Studierende nutzen die Möglichkeit, ihre Prüfung an einem der Stillarbeitsplätze unter Aufsicht zu schreiben, die die Uni eigens für diejenigen eingerichtet hatte, die zu Hause kein stabiles Internet haben oder nicht von ihrer Webcam zur Kontrolle während der Prüfung aufgezeichnet werden wollten – mit Blick auf den Datenschutz eine zunächst vielfach geäußerte Sorge.

Auch wenn Peter Hegemann mit dem Online-Studium und den Fernklausuren mittlerweile gut zurechtkommt – „der Austausch mit anderen Studierenden davor und danach fehlt einfach“, sagt er. Und deshalb freut er sich, wie viele seiner Kommilitonen schon heute auf die „Zeit nach Corona“ – auf das gemeinsame Lernen auf dem Campus, das gemeinsame Mittagessen in der Mensa, den persönlichen Austausch auch mit den Lehrenden und natürlich das Campusleben mit Partys an lauen Sommerabenden. „Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir auf dem Campus heftige Diskussionen über das Thema Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen hatten“, erinnert sich Gerd Mannhaupt.

„Heute können es die meisten gar nicht erwarten, wieder in die Hörsäle zurückkehren zu können.“ Insofern müsse niemand befürchten, dass aus der Präsenzuni Erfurt langfristig eine „Fern“-Uni wird. „Ich denke, ich übertreibe nicht, wenn ich mich als jemanden bezeichne, der der digitalen Welt nicht feindselig gegenübersteht. Allerdings nutze ich digitale Werkzeuge und Formate auch nur dort, wo sie tatsächlich Unterstützung bieten. Den direkten Austausch und die unmittelbare Diskussion um Sichtweisen und Erklärungen werden wir wieder im sozialen Miteinander auf dem Campus führen. Da reicht digitale Kommunikation allein nicht aus, wenngleich der Landtag – sicherlich auch vor dem Hintergrund unserer intensiven Bemühungen – die Möglichkeit der Online-Prüfungen inzwischen im Corona-Mantelgesetz verankert hat und eine Aufnahme ins Thüringer Hochschulgesetz zu erwarten ist. Der Campus wird der reale Raum sein, in dem wir langfristig unsere Netzwerke knüpfen und pflegen. Informelles Austauschen und Lernen benötigt eben das zufällige aneinander Vorbeigehen und Innehalten und gemeinsame Zusammensitzen und Kaffeetrinken. Ich bin da sehr zuversichtlich, dass wir, sobald es die gesundheitliche Situation wieder erlaubt, uns unseren realen Campus zurückerobern werden, wenngleich wir unter dem Corona-Druck sicherlich einen guten Schritt in Richtung Digitalisierung gemacht haben, von dem wir auch künftig profitieren werden. Insofern bin ich froh, dass aus dem ‚digitalen Tsunami‘ zu Beginn des Sommersemester 2020 inzwischen ein ‚frischer Wind‘ geworden ist.“

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