Verbunden im Schmerz - meinanzeiger.de
24. November 2017
Erfurt

Verbunden im Schmerz

Selbsthilfegruppen sind ein Gewinn für Trauernde

Wenn Geschwister viel zu früh sterben

Wenn Geschwister viel zu früh sterben

Jemand ist gestorben. Viel zu früh. Irgendwie kommt der Tod immer zu früh. Was soll ich jetzt nur sagen? Jedes Wort fühlt sich falsch an, ehe es ausgesprochen ist. Ich möchte Trost spenden und doch schweige ich vorsichtshalber. Und weil die Stille schnell unerträglich wird, weiche ich dem Trauernden lieber aus.

Marcus Sternberg kennt diesen überwältigenden Impuls. „Dieses Verhalten ist verständlich, aber nicht hilfreich.“ Der Thüringer Trauerexperte hat in der Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern bemerkt, wie sich Hinterbliebene doppelt verletzt fühlen. „Viele Betroffene haben gesagt: Mein Kind stirbt dann zweimal.“

Doch selbst wenn Trost gespendet wird, so scheint er eine Halbwertszeit zu besitzen. „Irgendwann fragt keiner mehr: Wie geht es dir denn jetzt – Jahre nach deinem Verlust? Bei aller Offenheit für das Thema, ist die Tendenz in der Gesellschaft groß, schon nach wenigen Wochen zu sagen: Es muss doch jetzt auch wieder gut sein.“

Deshalb sind Selbsthilfegruppen so wichtig. „Hier besteht Interesse und eine Anteilnahme der anderen Betroffenen und mir als Begleiter. Hier bekommt Raum, was im alltäglichen Leben keinen Raum mehr bekommt. Es kann geweint werden. Es wird eine Verbundenheit spürbar und eine große Liebe – zu den Verstorbenen, zu sich selbst und zum Leben. Das ist berührend und lohnenswert.“

„Ich bin vollkommen blind.“



Sternberg weiß, dass Betroffene einander viel besser verstehen können. „Wenn ich den Verlust nicht selber erlebt habe, kann ich ihn nicht annähernd nachvollziehen. Ich bin vollkommen blind und unwissend. Das einzige, was ich habe, ist ein Herz. Ich kann den Schmerz wahrnehmen und mich davon berühren lassen.“

Das Wesentliche passiert daher unter den Betroffenen selbst. Die Trauernden profitieren von den Erfahrungen der anderen. Sie finden Antworten auf drängende Fragen: Wie gehst du mit dem Schmerz um? Wie lebst du jetzt dein Leben? Und sie finden wertvolle Vorbilder, die beweisen: Der Verlust ist zu überleben, auch wenn das Leben nie wieder so sein wird wie zuvor. „Der Schmerz hört nicht auf und er kommt immer wieder – aber nicht in der Intensität“, erklärt Sternberg.

„Aber es geht nicht um das Loslassen, das vielfach propagiert wird. Es geht um ein Bewahren“, zitiert Sternberg den Autoren und Trauerexperten Roland Kachler. Auch die Trauer zu „verarbeiten“, hält Sternberg für eine schlechte Bezeichnung. „Trauer hat zwar viel mit Arbeit zu tun. Aber sie ist nie abgeschlossen. Es gilt, den Verlust zu integrieren.“ Viele Betroffene verdrängen den Schmerz, sodass der Verstorbene sogar in Vergessenheit gerät. Besser sei es, in einer Beziehung zum Verstorbenen zu bleiben, aber in einer anderen Form. Weiterhin mit dem Gefühl von Liebe und Zuneigung, aber in einer inneren Beziehung.

Die Sorge, dass sich Selbsthilfegruppen in einer Trauerblase befinden und sich gegenseitig in ihrem Schmerz bestätigen, sieht Sternberg nicht. „Ich erkenne mehr den Gewinn für die Betroffenen.“ Gerade wenn das unmittelbare Umfeld nicht länger über den Verlust reden möchte, seien Selbsthilfegruppen oft der letzte Platz dafür. „Das ist wesentlich für das eigene Weiterleben, dass es so einen Ort gibt.“


Ich bin nicht alleine



Nicht hilfreich könnte eine Selbsthilfegruppe allerdings sein, wenn die Wunde noch zu frisch ist. Wie soll jemand den Schmerz anderer aufnehmen, wenn ihn der eigene Schmerz überwältigt? Wenn die Erlebnisse anderer zu früh Bilder wecken, ist man schnell überfordert. „Aber im Verlauf des Lebens ist dieser Austausch gewinnbringend. Das Gefühl, sich in der Solidarität mit anderen Menschen verbunden zu wissen und zu merken: Ich bin mit meinem Schmerz nicht alleine, es hat auch andere getroffen. Ich bin nicht so verloren, wie ich mich oft fühle.“

Damit dieses Gefühl gar nicht erst aufkommt, ermutigt Marcus Sternberg, sich das Trösten zuzutrauen. „Viele fragen mich: Was soll ich denn sagen? Nun, das weiß ich auch nicht. Das einzige, das hilfreich ist und wirkt, ist authentisch zu sein und dem anderen offen und ehrlich zu begegnen.“

Dass Trauernde mit Samthandschuhen angefasst werden müssen, glaubt er nicht. Allerdings sollte man sich nicht in Bewertungen und Ratschlägen verlieren. „Viele Menschen glauben, sich immer und überall eine Meinung bilden zu müssen. Doch dies ist oft unbrauchbar und wenig konstruktiv. Meinetwegen könnte die Welt etwas stiller sein.“ Nicht alles muss laut Sternberg kommentiert werden. Das Zuhören, das Aushalten, das Wahrnehmen fehlen viel mehr, findet er. „ Es wäre schön, wenn die Menschen wieder die Fähigkeit gewinnen, zurückhaltend zu sein, aber auch mutig genug, Trauernden zu begegnen.“

Zur Person:
Marcus Sternberg sammelt Erfahrungen mit Tod und Trauer, seit er vor 20 Jahren den ambulanten Hospizdienst in Jena mitaufgebaut hat. Seit Ende der 90er organisiert der Leiter der Thüringer Hospiz- und Palliativakademie Fort- und Weiterbildungen für Fachkräfte und Ehrenamtliche im Freistaat.
Er moderierte in der Vergangenheit eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern und aktuell seit anderthalb Jahren für verwaiste Geschwister. Treffpunkt hierzu ist immer am ersten Dienstag im Monat im Erfurter Augustinerkloster.
Kontakt: Telefon: 03 61 / 78 92 76 13,
Mobil: 01 72 / 7 83 12 46,
m.sternberg@hospiz-thueringen.de,
www.hospiz-thueringen.de

Auch interessant