21. Juni 2018
Erfurt

Wie Cyfly die Fahrradwelt erobern soll

Möve Bikes aus Mühlhausen

Sich mit einer Idee aufzumachen, sie umzusetzen und in Serie zu bringen, dafür braucht es Mut, Risikobereitschaft und Geduld. Als sich die Mühlhäuser Ingenieure von Möve Bikes den Pedalantrieb revolutionieren wollten, wurden sie nicht selten belächelt. „Das haben schon andere versucht, ihr seid da nicht die Ersten“, musste sich Geschäftsführer und Ingenieur Tobias Spröte anhören. Tatsächlich hatte es bereits Versuche mit anderen Formen des Kettenblatts gegeben, ohne durchschlagenden Erfolg allerdings. Der herkömmliche Pedalantrieb hat Schwachstellen, einen Wirkungsgrad von etwa 30 Prozent in der Kombination Mensch-Fahrrad. Etwa dreieinhalb Jahre haben die Mühlhäuser, trotz schwieriger Phasen, ihre Entwicklung vorangetrieben. Mit acht Leuten wurde getüftelt. Immer vier Millionen Euro bis zur Markteinführung wurden investiert. Die Mühlhäuser wollten dabei auch die Tradition der Fahrradproduktion in Mühlhausen weiterleben lassen, mit einem regionalen Produkt. Tobias Spröte: „Die Bikes produzieren wir komplett selbst. Beim Antrieb stellt das Thüringer Unternehmen Mitec AG aus Eisenach die Präzisionszahnräder her und unser Partner Kappstein aus Gotha fertigt das ovale Kettenblatt.


Als ich das erste mal 2014 bei Möve Bikes in Mühlhausen auftauchte, gab es dort nicht nur Kaffee. Ich traf Tobias Spröte, der mir eine Idee unter die Nase hielt. Ein Modell. Ein neuartiger Pedalenantrieb, so erklärte der Ingenieur. Effektiver als alle vorher, die einen Wirkungsgrad von 30 Prozent nicht überschreiten konnten. Groß und schwer war dieser metallene Kasten. Er sah aus wie die aus dem Physikkabinett. Keinesfalls alltagstauglich für ein Fahrrad. Auch in den Folgejahren habe ich die Mühlhäuser Ingenieure weitere zwei Mal besucht, sie glaubten an ihre Vision vom „Cyfly“, dem Antrieb Made in Thüringen. Er schrumpfte, wurde leichter, behielt aber seine wichtigste Eigenschaft bei: Er verbessert den schlechten Wirkungsgrad, herkömmlicher Pedalenantriebe. Er läuft runder, weil es jene Punkte (auf 12 und 6 Uhr), in denen der Fahrer vor allem gegen das Gehäuse und nicht nach vorne arbeitet, nicht mehr gibt. Nach den Prototypen schafften es in diesem Jahr mehrere Serienmodelle aus der Fahrradschmiede in die Läden und auf die Straße. Ich habe das Stuart Pro getestet.

Egal welcher Art ein Antrieb ist, wer Spaß auf dem Fahrrad haben will, braucht das richtige Modell. Das heißt, viel Aufmerksamkeit dem zu widmen, welche Rahmenform und vor allem welche Rahmengröße man sich unter das Sitzfleisch schnallt. – Und welchen Sattel. Nach meiner kleinen Beschwerde pflichtet mir Tobias Spröte bei: „Der richtige Sattel ist immer so ein Glücksfall“. Deswegen solle man diese Punkte beim Fachhändler vor Ort klären. Der eine mag hartes Leder, andere weichere Kunststoffe. Einer ganz schmale, einer breitere. Der Ergom SM 30 auf dem Stuart ist trotz optischer Eleganz nicht meine Sache, vor allem nicht auf Kopfsteinpflaster. Das merke ich am Folgetag noch. Das Rad indes schimmert edel mattschwarz in der Sonne. Diesbezüglich hat Möve mit dem Serienmodell meinen Geschmack getroffen. Kein Schnickschnack. Keine bunten Aufkleber. Keine dämlichen Beschriftungen. Klassische Diamant-Form. Was die Sitzposition angeht, mag ich das Tourenbike Franklin etwas mehr, als das sportlichen Stuart. Aber wie beschrieben, dieses Details sind vor allem eine Geschmackssache des Fahrers. Ebenso wie die richtigen Pedalen.

Übergewicht, wie viele E-Bikes, hat das Rad aus Thüringen jedenfalls nicht auf den Speichen. Es wirkt griffig. Die Rotationen des Getriebes macht sofort neugierig. Es sieht ungewöhnlich aus da unten, wenn man nebenher fährt und einen gezielten Blick darauf wirft. Weil man nach so langer Zeit der Beobachtung nicht mehr ganz unbefangen in so einen Test geht, habe ich für die Tour von Erfurt nach Molsdorf eine Begleitperson dabei, die von Cyfly noch nie etwas gehört hat. Ich fahre das Stuart hin, meine Begleiterin zurück. Ein herkömmliches Bike gleicher Größe dient dem 1:1-Vergleich.

Hatte ich auf dem Prototypen 2016 noch das Bedürfnis, ich müsste mich an die ungewöhnliche Tretbewegung erst gewöhnen, ist dieser Eindruck nun von Beginn an verschwunden. Es läuft sofort rund, mit dem Stuart. Wir versuchen etwa den gleich Rhythmus zu treten, direkt nebeneinander. Besonders in den leichten Anstiegen bin ich dabei schnell vorne weg. Keine riesige Strecke, aber dennoch auffällig. Die Tretbewegung ist weich. Besonders bemerkenswert, es fehlt das Gefühl, man trete für kleine Moment ins Leere oder gegen einen größeren Widerstand und bekomme keine Kraft in die Pedale. Sehr angenehm, auch für die Gelenke irgendwie. Allerdings scheint es, als seien die üblichen Schaltvorgänge in den unteren Gängen in eine Richtung verschoben, störend ist das nicht. Nur ungewohnt.

Nach dem Fahrerwechsel in Molsdorf, etwa nach zehn, elf Kilometern, ein anderes Bild. Hatte ich bis eben gar nicht mehr gemerkt, wie fluffig ich über die Piste gerollt bin, merke ich nun den Kraftaufwand wieder etwas deutlicher. Das liegt nicht an der Fitness, vermute ich. Denn meine Begleiterin ist es nun, die vor mir her radelt und sie hat die gleiche Strecke in den Beinen. Sie zeigt sich überrascht, dass man eben doch einen Unterschied merkt. Dass es nicht nur anders aussieht, dieses Cyfly. Besonders in den zwar kleinen, aber langgezogenen Steigungen. Die M-Größe passt in jedem Fall perfekt zu ihrer 1,75-Meter Körpergröße, eine Rahmengröße in L würde mir sicher besser liegen, obwohl die Sattelhöhe zunächst genügend Spielraum bietet und ich nur sieben Zentimeter größer bin als meine Begleiterin. Aber ich fahre gern recht hoch, mag zudem Lenker, die lang genug sind, dass ich nicht nach vorne kippe. Ob der neu Antrieb die Fahrradwelt erobert, wird die Zukunft zeigen. Wer weiß, vielleicht rätseln die Leuten in 100 Jahren, warum früher das Kettenblatt einfach nur rund war.

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