Zwei 55-Jährige fallen richtig auf - meinanzeiger.de
17. August 2018
Erfurt

Zwei 55-Jährige fallen richtig auf

Familien-Geschichte(n) um ein Auto: Meckfeld fährt voll ab 2.0

„Flocki“ könnte zig Geschichten erzählen, denn der Trabant hat schon viel erlebt. Vier Familien machte er glücklich, bevor er 1984 nach Meckfeld und Gutendorf kam. Zuvor schnupperte „Flocki“ verschiedene Deos während zahlreicher Ausflüge und Fahrten durch Erfurt sowie das Umland. Jetzt Düfte von Frischfleisch, Limo, Bier und Backwaren.

„Flocki“, Jahrgang 1962, wurde in Zwickau geboren und kam mit der internen Typenbezeichnung P60 auf die Welt. Sein Herz – der 23-PS-Motor – stammt aus Karl-Marx-Stadt. Getauft wurde er auf Trabant 600 und zugelassen am 19. Oktober 1962. Seinen Spitznamen erhielt er von Dieter Reusse, dessen Frau Helga Wirtin in Gutendorf war. Und so wurde die gerundete „Pappe“ vor 34 Jahren – am 27. Dezember 1984 – Zweitwagen in der Familie und gleichzeitig Transportfahrzeug für Waren, um die Gaststätte am Laufen zu halten.

Doch auch die beiden Söhne nutzten den Trabi für erste Fahrversuche, für Fahrten zur Disko, zum Tanz oder Baden. Bevor auch der hochgewachsene Vater Platz hinterm Lenkrad der Pappe nahm, musste ein Ladasitz eingebaut werden. „Jetzt hatte nur noch Vater auf der Fahrerseite Platz, ein Rücksitz war blockiert“, erinnert sich Sohn Türk Reusse aus Meckfeld. Und „Flocki“ tuckerte hochtönend, aber sehr zuverlässig – auch dank des Umbaus auf 12 Volt – bis 1992 als Zweitwagen durchs Weimarer Land.

Vor 26 Jahren kam „Flocki“ aufs Altenteil, wurde abgemeldet, aber keinesfalls in der Scheune vergessen. „Meine Enkel nutzten es als Spielgerät“, sagt der sechste und jetzige Besitzer Türk Reusse. Allen Überlegungen zur Entsorgung entgegnete er damals: „Das ist mein vorgegriffenes Erbe. Der Wagen bleibt.“ Da steckten viele Erinnerungen in der Duroplast-Karosserie, im Stahlskelett und in jeder Zierleiste.

Nach 22 Jahren Vorruhestand startete 2014 „Flockis“ erneuter Unruhestand. Doch bevor er wieder lauthals mit seinem typischen Blechtrommelgesang „tömm, törrömm, tömm, tömm“ Einsatzbereitschaft signalisieren konnte, musste einiges passieren. Nach dem Entstauben machten sich Türk Reusse und vier Freunde an die Wieder­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­belebung des damals 52-Jährigen. Entrosten, Blech- und Schweißarbeiten, spachteln, schleifen, neue Bremsen, Elektrik und ­Gummiteile, Aufpolsterung, neuer Himmel und Lackierung hielten die Fünf auf Trab.

Vor zwei Jahren startete „Flocki“ seine Neuzeit-­Probefahrt und erhielt TÜV. Türk Reusse hat es mit Hilfe anderer wahr gemacht: „Flocki gehört zur Familie.“ Und jetzt wieder fit und schmuck. „Den habe ich als junger Kerl ­gefahren, ich habe alle ­Papiere, Rechnungen, Nachweise über Reparaturen und es gibt eine komplette Dokumentation – den gebe ich nicht her. Und außerdem sind wir gleich­altrig“, sagt Reusse.

 Inzwischen war der ­neugeborene Trabant ­missionarisch auf Trabitreffen unterwegs. Und sogar eine Junggesellen-Abschieds­ausfahrt mit vier gestandenen Männern an Bord bewältigte er problemlos. „Mit Flocki fällt man überall auf“, freut sich der stolze Besitzer. Ein Freund sagte zu ihm: „Das ist keine Wertanlage, sondern ein Sympathieträger.“

Schließlich haben ja auch noch andere ­Menschen viele ­Erinnerungen an den ­„Kugel­porsche“ der ­60er-Jahre. Das wird am 25. August, wenn es heißt: „Meckfeld fährt voll ab – 2.0 – Trabi, Trecker & Co.“ nicht anders sein.


TERMIN

Sommerfest in Bad Berka-Meckfeld am 25. August, ab 13 Uhr. Oldtimer- und Fahrzeugschau, Verkehrsschule, Kremser- und Rikscha­fahrten, Überschlags-­Simulator, Tombola. Ab 17 Uhr Fahrzeugparcours, ab 19 Uhr musikalischer Trucker-Treff.
Infos: facebook/Meckfelder Sommerfest

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