Impressionen aus den "Greizer Körperwelten" - meinanzeiger.de

Fotogalerie - Impressionen aus den „Greizer Körperwelten“

Gunther von Hagens’ Brief an die Presse Offizielle zur Eröffnung der Greizer KÖRPERWELTEN:

Am Samstag, den 27. Juni 2020 öffneten die Greizer KÖRPERWELTEN. Nachdem deren Beginn verschoben wurde, freut es ich mich ganz besonders, unter nunmehr gelockerten CoronaEinschränkungen Ihnen in Greiz die größte Körperwelten-Ausstellung aller Zeiten präsentieren zu können. Ich habe mit meinem Team keine Mühe gescheut, Ihnen in der wunderschönen fürstlichen Residenzstadt Greiz ein außergewöhnliches Ausstellungserlebnis auf höchstem Niveau bieten zu können. Erstmals zeige ich Anatomische Kunstwerke, die in den letzten zehn Jahren meiner späten Schaffensperiode als Anatomiekünstler entstanden. So der aus filigranen Blutgefäßgestalten heraus gearbeitete „Jesus am Kreuz“, dessen individueller Herstellungsprozess in einem vierteiligen Video zu sehen ist. Dieses Video, gedreht von dem englischen Fernsehsender Channel 4, wurde 2012 in England und in Australien zum Straßenfeger. Im kommenden Herbst plane ich mit Jesus über die Alpen nach Rom zu reisen, um ihn im Vatikan zu zeigen.

Auf 1.800 qm Ausstellungsfläche sehen Sie Arbeiten, die ich in den letzten acht Jahren im PLASTINARIUM der deutsch-polnischen Grenzstadt Guben fertigen konnte. Angeregt durch den von Picasso erstmals beschrittenen Übergang von drei- zu zweidimensionalen Darstellungen in Bildern, stand in den letzten Jahren das Erschaffen zweidimensionaler Scheibenplastinate im Mittelpunkt meiner Arbeiten. Im Kunstbereich der Ausstellung können Sie Alltagsgegenstände wie Bügeleisen, Drucker oder Blumensträuße in Scheibenform neu sehen. Kombiplastinate wie Elefanten-Scheiben oder Bein-Scheiben mit High Heels unter einer horizontaler Giraffenrumpf-Tisch-Scheibe werden mit Ihren gewohnten Wahrnehmungsmustern konkurrieren und auf diese Weise dem Begriff vom „Kant’schen Ding an sich“ eine zusätzliche, verschobene Bedeutung verleihen.

Corona-Zeiten sind schwere Zeiten. So ist es diesmal ganz besonders wichtig, nach diesem Ausstellungsaufbau unserem Team, mich eingeschlossen, einige Tage der Ruhe, Entspannung und Selbstreflexion zukommen zu lassen. Dazu gehört die Teilnahme an der Pressekonferenz, die wir deshalb ganz bewusst erst fünf Arbeitstage nach der Ausstellungsöffnung terminiert haben, nämlich auf Donnerstag, den 2. Juli 2020 um 11 Uhr, in der Eishalle.

Beim Zusammenstellen der vorgesehenen Ausstellungsobjekte wurde offensichtlich, dass die 1.800 qm große Ausstellungsfläche zu klein ist, um mein vielschichtiges internationales Leben mit den Jahren in Moskau, Kirgisien und China in gebotener Ausführlichkeit präsentieren zu können. Deshalb werde ich die Ausstellung nach der Halbzeit Anfang August umgestalten, indem ich meinen biografischen Teil zu Gunsten der mich prägenden Greizer Jugendjahre erweitern und dafür andere Bereiche, wie den der plastinierten Tierwelt, reduzieren werde. Das wird insbesondere Mehrfachbesucher erfreuen, die dadurch mehr zu sehen bekommen.

Unsere Organisations- und Realisationsteams waren die letzten Wochen durch Länderspezifische Corona-Restriktionen ganz besonders gefordert. Gleich drei unserer weltweit tourenden Ausstellungen in Abu Dhabi, Palermo und London wurden geschlossen. Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist es bis heute und produziert nur Kosten. Unser Auf- und Abbauteam reiste noch am letztmöglichen Tag in die USA ein, ehe Trump Europäern die Einreise verwehrte. Glücklicherweise konnte unser Team nach Ausstellungsaufbau in Cleveland, Ohio, ohne von der Rückholaktion der Bundesregierung zu profitieren, nach Deutschland zurückkehren. In London, der bisher größten unserer jemals gezeigten Ausstellungen, näherte sich inzwischen die Insolvenz unseres externen Vertragspartners ohne Hoffnung auf Wiedereröffnung – Premierminister Boris Johnson wurde gerade mit Sauerstoffgaben auf einer CoronaIntensivstation behandelt. Ohne anwaltliche Absicherung bauten wir sodann die London-Ausstellung noch über Nacht im Akkord ab und verstauten sie in elf zu diesem Zweck vorsorglich in Deutschland angemieteten LKWs. An der britisch-niederländischen Grenze wurden wir durchgewinkt, sodass sich akut die Frage stellte, wohin mit unserer kostbaren Fracht? Zu diesem Zeitpunkt hing die Zukunft der London-Plastinate am seidenen Faden. Angelina Whalley, Kuratorin aller aktuellen Ausstellungen, versuchte ihrer Verantwortung gerecht zu werden und die London-Plastinate in einer etablierten Ausstellungsstätte unterzubringen, während ich daran erinnerte, dass ich die Londoner Plastinate in Greiz als Ausstellungsstätte gerne empfangen und mich zudem um den Aufbau hier in Greiz kümmern würde. Das beinahe Scheitern der Greizer KÖRPERWELTEN durch all diese Unwägbarkeiten wurde durch die weitsichtige Reaktion der kulturbewussten Eliten der Greizer Administratoren einschließlich des Bürgermeisters quasi in letzter Stunde dann doch ermöglicht. Die Plastinate konnten in der Greizer Eishalle zwischengelagert werden.

Auch interessant