27. Februar 2021
Gera

Mehr Lobby für Suchtkranke

Fast jeder Mensch kann schleichend in eine Sucht "hineinschlittern". Angst und Scham sind dann dominierende Gefühle. In den Selbsthilfegruppen der Suchberatung finden diese Menschen oft zum ersten Mal echtes Verständnis und Anerkennung ihrer Probleme. Foto: geralt / www.pixabay.com

Wir stellen Selbsthilfegruppen aus der Region Gera vor. Heute: Suchtberatung Gera.

„Durch die ­Abstandsregeln im Zuge der Corona-Pandemiebekämpfung sind seit einem Jahr kaum noch Gruppentreffen möglich.
Viele unserer Klienten sitzen isoliert zu Hause.
Und oft waren die Selbsthilfegruppen der einzige Sozialkontakt, den sie hatten.
Es ist dramatisch“, betont Annett Wetterau, die Leiterin der Beratungsstelle in Gera, die auch für Teile des Landkreises Greiz zuständig ist.

13 verschiedene Gruppenangebote

13 verschiedene Gruppenangebote werden hier ­gemacht, von Gruppen, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen über eine Gruppe für Menschen, die ihren Führerschein wegen Alkohol oder Drogenkonsums verloren haben, bis hin zu einer Gruppe für Jugendliche, die das erste Mal straffällig ­geworden sind oder mit einem Joint erwischt und vom Richter hierhin ­geschickt wurden.

Sechs der Gruppen sind reine Selbsthilfegruppen für Suchtkranke und eine für die Angehö­rigen von Suchtkranken.

 

6697 Beratungsgespräche im letzten Jahr

807 Klienten wurden allein im letzten Jahr in der Suchtberatungsstelle Gera betreut,
6697 Beratungsgespräche gab es.

 

Klienten von 11 bis 83 Jahren

„Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.
Wir betreuen hier Menschen im Alter von 11 bis 83 Jahren quer durch alle Klassen“, sagt
Annett Wetterau.

Meistens werden sie geschickt – zunächst

Meistens werden die ­Menschen in die Suchtberatung geschickt – vom Jobcenter, vom Arbeitgeber, von der Schule, vom Jugendamt oder der Jugendhilfe, als Teil einer Bewährungshilfe oder nach einer Therapie in einer Suchtklinik.

„In vielen Fällen brechen sie die Besuche ab, kommen später aber freiwillig wieder, weil sie merken, dass sie tatsächlich Hilfe brauchen“, erklärt ­Annett Wetterau.

 

Sie fühlen sich oft nicht ernst genommen

Ein großes Problem für Suchtkranke ist, dass sie vielfach immer noch nicht ernst
genommen werden, dass ­gesagt wird:
„Stell dich nicht so an.
Reiß’ dich ein bisschen zusammen.“

Doch das können Suchtkranke nicht.

 

Es ist meistens sehr viel passiert vorher

„Bevor jemand in eine Selbsthilfegruppe kommt, ist meistens schon sehr viel
­passiert.

Enorme Angst und Scham

Suchtkranke haben eine wahnsinnige Angst und enorme Scham.
Fast immer versuchen sie diese starken Gefühle zu umgehen, indem sie das gesamte Problem ­verleugnen – allen anderen und oft auch sich selbst gegenüber“, weiß die Leiterin der Suchtberatung Gera.

 

Selbsthilfegruppen sind extrem effektiv

In den Selbsthilfegruppen ­erleben sie oft zum ersten Mal, dass sie mit ihren ­Problemen wirklich ernst ­genommen werden – und dass sie nicht allein sind.

Die kleinen Gruppen sind so ­effektiv und wirkungsvoll, weil die Teilnehmer alle voneinander lernen.
Deshalb sei es so wichtig, dass die Gruppen wieder stattfinden können.
Video-Konferenzen, Onlineberatung und Telefonberatungen, die um 30 ­Prozent zugenommen ­haben, helfen zwar, sind aber nicht vergleichbar.

 

Es kann fast jeden treffen

Was sie sich für die ­Zukunft wünscht?

Annett Wetterau holt tief Luft.
„Mehr Lobby für Suchtkranke“, sagt sie dann.
„Es kann wirklich ­jeden treffen.
Gerade jetzt in Pandemiezeiten, wenn viele allein sind, sich langweilen und immer wieder ein Schlückchen zu viel trinken, bis es zu spät ist.
Doch es gibt Hilfe.“

 

Hier gibt es Hilfe

Weitere Informationen:
Suchtberatung Gera
Telefon: 03 65 – 5 27 44
E-Mail: suchtberatung.gera@diako-thueringen.de
Internet:
www.diako-thueringen.de/gera_suchtberatung_in_gera_de

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