Proben für den großen Krach - meinanzeiger.de
21. März 2019
Gera

Proben für den großen Krach

Schüler und Studierendenproteste - Wider den Gehorsam

Handbuch zur studentischen Protestorganisation



Die Schüler und Studenten sollen wissen, dass es bereits Erfahrungswerte ähnlicher Kämpfe in der Vergangenheit gegeben hat, niedergeschrieben  in „Proben für den großen Krach“, dem Handbuch zur studentischen Protestorganisation von  Jens Wernicke.

In diesem heißt es unter anderem:

„Politisches Handeln emanzipatorisch-solidarischer Art liegt dann vor, wenn sich einzelne oder mehrere einerseits um ein verstehendes Begreifen der gesamten gesellschaftlichen Wirklichkeit bemühen und dieses Ansinnen andererseits mit dem immer wieder praktisch verwirklichten Anspruch verknüpfen, die gesellschaftliche Realität — und damit auch sich selbst — so zu verändern, dass irgendwann einmal umfassende Herrschaftsfreiheit verwirklicht werden kann. Dabei sollte es sich von selbst verstehen, dass vor allem das verstehende Begreifen immer mit dem kontroversen Austausch von Argumenten, Einschätzungen und Erfahrungen einhergehen muss. Aus dieser Definition kann holzschnittartig das Folgende geschlussfolgert werden: Dort wo irgendwelche Menschen sich nur zum verstehenden Begreifen zusammenschließen, existiert lediglich eine Seminargruppe. Wo jene Seminargruppe sich auch um Veränderung bemüht, diese jedoch nur auf die eigene Person beschränkt (und weitergehende Ansprüche auf gesellschaftsverändernde Maßnahmen gar nicht erst formuliert) handelt es sich um so etwas wie eine seminaristische Selbsthilfegruppe. Liegt der Akzent dagegen auf dem Bestreben, Gesellschaft zu verstehen und zu verändern, allerdings nur so, dass die ureigensten Interessen berücksichtigt werden, (…) hat mensch es mit Lobby-Politik zu tun. Und schließlich: Wo der widerständige Veränderungswille zwar herrschaftsfreien Idealen verpflichtet ist, dabei jedoch die eigene Person mehr oder weniger stark aus den Veränderungsbestrebungen herausgenommen wird, (…) kann wohl von solidarischer Politik gesprochen werden, nicht aber von emanzipatorisch-solidarischer Politik, denn diese setzt, wie oben bestimmt, das Verstehen und Verändern auf allen Ebenen voraus.“

Und weiter:

„Auf der Ebene praktischer Realisierung sind wir der Meinung, dass (…) Proteste zukünftig vor allem folgende Ansprüche an sich selbst formulieren und umsetzen sollten:

  1. Sie müssen erstens provokativer und vor allem streitbarer und subversiver werden.
  2. Sie müssen zweitens ihre sehr verschiedenen Aktionsformen gezielter und geschickter kombinieren und vernetzen. 
  3. Sie müssen drittens davon Abstand nehmen, ihre Ziele nur kurzatmig zu verfolgen. Stattdessen bedarf es langfristiger und kampagnen-förmig angelegter Praxis- und Konzeptpakete, mittels derer eigene Problemfelder systematisch bearbeitet werden können. 
  4. Sie müssen viertens von der Überzeugung abrücken, nur die ‚große Politik’ oder ‚die da oben’ zu bekämpfen. Vielmehr muss die gesamte Bevölkerung in konfrontative Auseinandersetzungen hereingezogen werden. Ihr Augenmerk sollte auf dem alltäglichen Wahnsinn liegen, der Tatsache also, dass Kapitalismus, patriarchale Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexismus, Rassismus etc. keine von oben aufgepfropften Gewaltverhältnisse sind, sondern vielmehr solche, die sich erst durch die ganz normalen Alltagshandlungen vieler Millionen Menschen aufbauen bzw. verwirklichen können. 
  5. Sie müssen fünftens die Gewinnung und Politisierung neuer MitstreiterInnen sehr viel ausdrücklicher als eine zentral zu verfolgende Zielsetzung ihrer politischen Handlungsstrategien betrachten. Hierzu müssen sie sich selbst einer permanenten Reflexion und Kritik unterziehen, um auch und womöglich zuerst an sich zu ändern, was sie an ‚der Gesellschaft’ kritisieren.“

Es ist sinnvoll und notwendig, sie in diesem Widerstand zu unterstützen. Damit sie ihren Weg finden und gehen, nicht unseren — und ganz sicher nicht jenen der Macht. Dazu brauchen Sie das Wissen darum, was Macht ist, wie sie wirkt und durch welche Mechanismen es ihr seit Jahrhunderten gelingt, jede Veränderung wider ihre Interessen wirksam im Keim zu ersticken.

Bekunden wir den jungen Menschen unsere Solidarität. Unterstützen wir sie!

Wann, wenn nicht jetzt, liebe Leserinnen und Leser? Und wer, wenn nicht wir?

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