Ronneburger Turmbläser ein Ärgernis? - meinanzeiger.de
17. Mai 2020
Gera

Ronneburger Turmbläser ein Ärgernis?

Anwohner beschweren sich über die kostenlosen Bläserkonzerte

Marienkirche Ronneburg

Protest verhindert Mutmacher-Konzerte vom Turm der Ronneburger Marienkirche / Foto: Peter Zielinski

Seit Wochen wird landauf landab auf Balkonen geklatscht, gesungen, musiziert, und was sonst noch alles, um ein Gefühl der Dankbarkeit und der Solidarität zwischen den Menschen während der Kontaktbeschränkungen entstehen zu lassen. In Ronneburg versammelte sich sechs Wochen lang der Posaunenchor der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde zu einem allabendlichen 20-minütigen Konzert auf dem Turm der Marienkirche im Stadtzentrum. Dargeboten wurden abendliche Weisen und Choräle.

 

Ronneburg Marienkirche
Der Kirchplatz in Ronneburg mit der Marienkirche / Foto: Peter Zielinski

Bei günstigem Wind konnte man im gesamten Stadtgebiet die Bläser hören. Doch seit dem 04. Mai ist es auf dem Kirchturm still. Die Ronneburger Turmbläser sind buchstäblich verstimmt. Anwohner haben sich über die „Belästigung“ und die „unpassenden Lieder“ beschwert. In einem anonymen Schreiben wurden die Musiker des Nichtkönnens bezichtigt. Es wäre eine Zumutung mit so viel falschen Tönen beschallt zu werden, ist im Brief zu lesen.

 

Der Beschwerdebrief – leider anonym abgegeben / Repro: Thomas Kuttig

 

 

Bürgermeisterin Leutloff ist entsetzt

Krimhild Leutloff (CDU), die Bürgermeisterin, ist gleichenteils entsetzt und traurig über den Inhalt des Briefes: “Es ist eine Unverschämtheit, wenn Musiker, die in Krisenzeiten ihren Mitmenschen Mut und Freude bereiten wollen, so diffamiert werden. Das ist frech!“ Die Mitglieder des Posaunenchores wären Fachleute, die als festes Glied in der Ronneburger Stadtgemeinschaft ihren Beitrag leisteten. Warum sich die Autoren des Briefes nicht bei ihr gemeldet hätten, versteht sie nicht. „Mit mir kann man doch über alles reden“, so die Bürgermeisterin. Auch Pfarrerin Gabriele Schaller steht hinter der Aktion der Turmbläser und bietet Gesprächsbereitschaft an. „Man hätte doch in einem gemeinsamen Gespräch Lösungen finden können. Es sollen doch alle am Ende zufrieden sein“, versucht die Pfarrerin zu vermitteln. Doch, da man nicht wüsste, mit wem man sprechen könnte, wäre das nicht möglich.

 

Ronneburger Turmbläser
Das Ensemble der Ronneburger Turmbläser vor einem Auftritt in Dresden / Foto: Thomas Leich

Eine Jahrzehnte alte Tradition

Thomas Kuttig, der Leiter der Ronneburger Turmbläser ist sehr enttäuscht, dass die Mühe, die sich die Musiker täglich machten, von einigen Anwohnern nicht geschätzt wurde. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Wir spielen seit 1989 regelmäßig. Das ist eine Jahrzehnte alte Tradition. In der Zeit kurz vor der Wende spielten wir auch unbequeme, kritische Lieder.“ In den letzten Wochen hätten sie eine gute Resonanz erfahren. „Man wartete auf den Beginn des Konzertes. Die Fenster gingen auf. Menschen sind auf dem Kirchplatz stehengebleiben und applaudierten. Und jetzt dieser Brief.“ Kuttig ist schockiert über die Dreistigkeit der Formulierungen in dem Schreiben. „Damit hätte ich nie gerechnet. Ob wir nochmals spielen werden, wissen wir noch nicht. Das hängt ganz von den weiteren Reaktionen ab.“ Bürgermeisterin Leutloff bezieht da schon einmal eindeutig Stellung. „Die sollen ja nicht aufhören zu spielen!“

 

Hier die Videoaufzeichnung eines der Konzerte:

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