Die Macherinnen. In Gotha erhalten zwei Frauen zum Nulltarif ein ganzes Begegnungszentrum am Leben - meinanzeiger.de
2. Juli 2018
Gotha

Die Macherinnen. In Gotha erhalten zwei Frauen zum Nulltarif ein ganzes Begegnungszentrum am Leben

Menschen

Die Berliner Art merkt man Karin Böttcher noch an. Ein bisschen keck schaut sie durch ihre Brille und wirkt schon bei der Begrüßung auf Anhieb sympathisch.

1992 zog sie nach Gotha. Heute lebt sie allein, ist Rentnerin und will ihren Alltag nicht auf die Hausarbeit beschränken. „Ich suchte etwas, wo ich mich betätigen, der Gesellschaft nützlich sein kann“, erzählt die 65-Jährige. Während ihres Bundesfreiwilligendienstes in den Nullerjahren etabliert sie im Frauenzentrum Nähkurse und lernt Martina Mohamad kennen, die in der städtischen Einrichtung arbeitet. Beide wachsen zusammen, werden ein Team, das heute noch funktioniert und die Einrichtung trägt. „Wenn wir aufhören, wird das Zentrum schließen“, weiß Böttcher. Die Stadt bezahlt zwar Räumlichkeiten und Nebenkosten, aber für die Menschen, die es mit Leben erfüllen, bleibt kein Geld übrig. Vor vier Jahren sollte das Haus geschlossen werden, die festen Stellen fielen weg. Um das zu verhindern, verpflichteten sich Böttcher und Mohamad, den „Notbetrieb“ ehrenamtlich aufrechtzuerhalten.

Die Arbeit mit Menschen macht Spaß



Wenn Besucher die Toreinfahrt im Gothaer Brühl passiert und den geräumigen Hausflur durchquert haben, befinden sie sich mitten im Grünen. Dass alles hübsch anzusehen ist – dafür sorgen die guten Seelen des Hauses. Manchmal ärgern sich die Frauen, dass Besucher achtlos vorübergehen und nicht mal mit anpacken, um einen schweren Blumenkübel zu bewegen. Aber das ist marginal. „Es macht uns schon viel Spaß, mit Menschen in Kontakt zu sein“, sagt Mohamad. Die 60-Jährige hat in den vergangenen Jahren ein kleines Vermögen an Busgeld für die gute Sache ausgegeben.
Die Menschen willkommen heißen – das ist die Intention der beiden Frauen. 38 Gruppen und etwa 1200 Besucher durchlaufen das Frauenzentrum jeden Monat, wobei der Altersdurchschnitt bei 60 Jahren liegt. Es gibt aber auch Ausreißer. „Am Computerkurs nimmt eine 84-Jährige teil, die mit Rechner, Tablet und zwei Handys technisch bestens ausgerüstet ist.“
Montag bis Donnerstag haben zwei „Cafés“ geöffnet. In der kleinen Küche kann man Saft, Kaffee oder Wasser zum Selbstkostenpreis ordern.

Gruppen geben sich die Klinke in die Hand



Die meisten – und das sind nicht nur Frauen – fühlen sich hier wie zu Hause. „Viele Besucher sagen uns, dass sie von Donnerstag an warten, bis endlich wieder Montag ist“, erzählt Karin Böttcher lächelnd und ein bisschen stolz.
Zur Kernzeit geben sich die Gruppen die Klinke in die Hand. „Viele würden gern noch verweilen, aber vor der Tür warten schon die Nächsten“, sagt Martina Mohamad. Sie und ihre Teamkollegin müssen alles so organisieren, dass sich die Menschen in den relativ kleinen Räumlichkeiten nicht auf die Füße treten – mitunter eine logistische Meisterleistung. Außer Selbsthilfegruppen, Sport- und Computerkursen nutzen das Frauenzentrum auch Vereine, wie der „Weisse Ring“ oder der Altstadtverein von Gotha.
Dass sie für ihre Arbeit keinen Cent erhalten, erfüllt die Frauen nicht mit Groll. „Wir tun das aus Spaß an der Freude“, sagt Karin Böttcher, die bedauert, dass sich immer weniger Menschen für ehrenamtliche Arbeit interessieren. „Viele fragen zuerst, welche finanziellen Vorteile sie aus der Sache ziehen können – das finde ich sehr schade.“ So werde es immer schwieriger, ehrenamtliche Helfer zu finden. Denn zum Beispiel ein Sommerfest stemmen – das können selbst die beiden Macherinnen nicht allein. „Wir wünschen uns, dass Besucher, die es noch können, sagen: ‚Okay, wir packen mit an!‘“

Zwei Frauen für alle Fälle



Manchmal schwindet auch die Kraft der beiden „Ehris“ – bei aller Liebe zur Arbeit. Das Wochenende nutzt Karin Böttcher zur Erholung. „Dann ist Zeit, mich einfach mal in meinen Sessel zu lümmeln“, sagt sie und lacht. Martina Mohamad hat es nicht ganz so einfach – sie pflegt nebenbei ihre Mutter. Vielleicht hätte sie schon längst hingeworfen, wenn sie sich nicht fragen würde: „Wohin sollen die Frauen denn sonst gehen?“
Böttcher und Mohamad kochen nicht nur Kaffee oder schließen die Tür zum Sportraum auf. Sie organisieren zum Beispiel Theaterfahrten und Ausflüge. Oft sei es schwierig, die Plätze im Bus zu besetzen. „Anstatt sich einen schönen Tag zu machen, kommen viele Leute mit billigen Ausreden“, bedauert Mohamad, die das gelegentlich als Missachtung ihrer Arbeit empfindet.
Aber das sind Randerscheinungen. Solange das Ehrenamt Spaß macht, werden die beiden Frauen Kraft und Zeit investieren. „Wir sind eine soziale Einrichtung, die von ihrer Gegenseitigkeit lebt – für uns ist das eine erfüllende Tätigkeit“, bringt es Karin Böttcher auf den Punkt. Mehr gibt es nicht zu sagen.


Zur Sache:
Das Frauenzentrum Gotha hat Montag bis Mittwoch, 10 bis 18, Donnerstag 10 bis 16.30 Uhr geöffnet.
Die städtische Einrichtung bietet Raum für Kommunikation und Begegnung, Austausch und Vernetzung, Integration und Stärkung, Unterstützung und Ideen.
Es gibt Kreativräume und einen Sportraum, in dem unter Anleitung Kurse wie Wirbelsäulengymnastik, moderner Tanz, Yoga oder Aerobic stattfinden.
Regelmäßig treffen sich im Frauenzentrum Selbsthilfegruppen, es werden Vorträge und Workshops angeboten, Ausflüge und Theaterbesuche organisiert.
Karin Böttcher und Martina Mohamad vermitteln auch Beratungshilfe in schwierigen Lebenssituationen.
Kontakt: 03621/222229 oder 03621/5102714
E-Mail: frauenzentrum@gotha.de
www.gotha.de

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