Die Wolf-Verschwörung: Mühlbergs Bürgermeister Karsten Ullrich zweifelt an der Thüringer NABU-Idylle - meinanzeiger.de
4. Juli 2015
Gotha

Die Wolf-Verschwörung: Mühlbergs Bürgermeister Karsten Ullrich zweifelt an der Thüringer NABU-Idylle

Mühlbergs Oberbürgermeister ärgert sich über NABU-Engagement für den Wolf: „Die Bevölkerung ist nie gefragt worden.“
– Karsten Ullrich: „Der Wolf wurde hier ausgesetzt.“
– Massenkarambolage auf A4 befürchtet.




Eigentlich könnte sich Karsten Ullrich doch freuen über den Wolf. Das Raubtier, das nach fast zwei Jahrhunderten sein Comeback in Thüringen erlebt, ist in aller Munde und schon zum richtigen Tourismusmagneten für das beschauliche Mühlberg mutiert. Doch der Orteilbürgermeister und der Wolf werden wohl keine dicken Freunde mehr. „Der gehört nicht hierher“, konstatiert Ullrich.

Wenn der Chef der hiesigen Biorecyling-GmbH mit seinem Geländewagen durch den 1300-Seelen-Ort fährt, kommt er aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Ullrich ist berauscht von der Kneipendichte Mühlbergs mit sieben Gastronomiebetrieben. Er prahlt ein wenig mit der langen Geschichte, die Mühlberg zu einem der ältesten Orte Thüringens macht, ist begeistert vom Geopark, der schmucken Mühlburg, dem Golfressort. Sogar die erste Dampfmaschine des Freistaats soll hier beheizt worden sein.

Nicht zuletzt grenzt Mühlberg an den ehemaligen Ohrdrufer Truppenübungsplatz. Seit der Kaiserzeit wird hier geschossen, alte Munition und Blindgänger verseuchen das Gelände. Daher ist das Feld seit Nazi-Deutschland weiträumig gesperrt, umzäunt und bewacht und heizt damit ordentlich die Gerüchteküche an. Dass Hitler dort Atombomben bauen ließ, ist nur eine der Legenden, die den Mythos nähren.

„Die Bevölkerung ist nie gefragt worden.“



Doch jetzt ist hier der Wolf zurück, sogar ganz offiziell und anerkannt. Und Ullrich ärgert sich, dass sich der Naturschutzbund (NABU) über die Köpfe der Anrainer hinweg für das Tier stark macht. „Die Bevölkerung ist nie gefragt worden.“ Zwar habe es Versammlungen gegeben, allerdings nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Jägern und geladenen Gästen. Zu einer dieser Versammlung musste er sich als Gemeindevertreter gar selbst einladen. Sicher sei es mit Wölfen wie mit Windrädern, gesteht er. Beide darf es geben, aber lieber nicht in der Nachbarschaft. Von einer Pro-Wolf-Stimmung hört Ullrich zumindest nichts, eher von den Sorgen seiner Nachbarn, der Landwirte und Schäfer.

“Ich habe nichts gegen den NABU“, sagt Ullrich und zeigt aufs Storchennest, das Gemeinde und Naturschutzbund gemeinsam in Mühlberg gebaut haben. Doch so recht traut er dem Verein nicht über den Weg. Das beginnt schon damit, dass Ullrich daran zweifelt, dass der Wolf ganz allein nach Thüringen gefunden haben soll. „Meiner persönlichen Meinung nach wurde er hier ausgesetzt – und nicht nur ein Wolf, sondern gleich drei oder vier.“ Für Ullrich gibt es ein, zwei Ungereimtheiten zu viel. „Die sagen uns nicht die Wahrheit“, glaubt er.

In der Jägerzeitung habe er gelesen, wie das Foto des Wolfs entstanden sein soll. Demnach wollte der NABU-Fotograf eigentlich Pflanzen aus nächster Nähe fotografieren. „Dabei ist er dann angeblich eingeschlafen, hat ja auch viel Stress als NABU-Mann.“ Als der Fotograf wieder munter wurde, drehte er sich um und da stand das Tier in einiger Entfernung. In Sekundenschnelle soll er dann aufs Teleobjektiv gewechselt und den Schnappschuss geschossen haben. Wer’s glaubt – Ullrich jedenfalls nicht. „Man sollte doch bei der Wahrheit bleiben“, mahnt er. Hätte man die Bevölkerung eingeweiht, statt ihr eine Geschichte aufzutischen, wäre die Akzeptanz jetzt auch höher.

„Wenn so ein Wolfsrudel mal Hunger hat, vielleicht schmeckt ihm dann auch ein Wanderer.“



Ullrichs größten Bedenken sind nicht, dass der Wolf mal ein Schaf oder Rind reißt. Aber was wäre denn, wenn eine ganze Herde panisch wird, auf die Autobahn A4 läuft und dort für eine Massenkarambolage mit mehreren Verletzten oder gar Toten sorgt? Und wer würde in diesem Fall haften – der Halter der Tiere? „Es hört sich alles schön an, aber wir sind zu dicht besiedelt“, moniert Ullrich. Überhaupt sei der Wolf doch schlau und merke schnell, dass ihm der Mensch heutzutage nicht schaden will oder darf. „Wenn so ein Wolfsrudel mal Hunger hat, vielleicht schmeckt ihm dann auch ein Wanderer“, mutmaßt er.

Mit dem Feldhasen, dem Birk- oder Rebhuhn und dem Fasan gäbe es doch genügend bedrohte Tiere, die man gerne wieder in der Region ansiedeln könnte. Den Wolf aber will er am liebsten wieder loswerden. Zwar bläst Ullrich nicht zur Treibjagd. Doch solle das Tier eingefangen und in der Lausitz, in Polen oder Russland wieder ausgesetzt werden. „Wo er nicht stört und nicht gestört wird.“

Hintergrund:


– Karsten Ullrich war ab 2005 der letzte Bürgermeister von Mühlberg, das seit 2009 zur Einheitsgemeinde „Drei Gleichen“ gehört. Seit sechs Jahren ist er Ortsteilbürgermeister.

– Der heute etwa 4600 Hektar große Truppenübungsplatz existiert seit 1906. Er grenzt im Städtedreieck Gotha-Arnstadt-Ohrdruf an über ein Dutzend Orte. Seit 2013 ist er nur noch ein Standortübungsplatz für die Friedenstein-Kaserne in Gotha.

– Seit Mitte des Jahres ist ein 2500 Quadratmeter großer Teil des Geländes mit 30 Kilometer Durchmesser als erstes Wolfsgebiet in Thüringen ausgewiesen.

– Alle paar Jahre wird der bewachte und gesperrte Bereich für den Mühlberger Schützenverein geöffnet. Der lädt dann zu Kremserfahrten über das Gelände ein. Bei der gerade vierten Auflage waren die 700 Karten schon Wochen vor der Veranstaltung vergriffen.

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