Die drei Urkunden der Stadt Friedrichroda vom einstigen steinernen Tor - meinanzeiger.de
15. Dezember 2019
Gotha

Die drei Urkunden der Stadt Friedrichroda vom einstigen steinernen Tor

### Fakten ### Legenden ### Mythen ###

Der Ort, an dem die heutige evangelische Stadtkirche „St. Blasius“ steht ist bei genauerer Betrachtung schon etwas merkwürdig. Diese Kirche ist das älteste Gebäude des alten Friedrichroda. Der Turm dieser Kirche datiert mit seiner Grundsteinlegung noch vor der Zeit des Bauernkrieges, auf den Beginn der zweiten Dekade des 16. Jahrhunderts (1511). Bis zu ihrer Fertigstellung im Jahre 1538 dauerte es somit fast eine Generation. Das Gotteshaus wurde so zu einer evangelisch lutherischen Kirche. Der Kirchturm bekam im Jahre 1605 sein heutiges Aussehen. Hierbei wurde insbesondere der obere Teil baulich neu gestaltet. Vor der Veränderung des Turmschaftes in der heutigen Form war der Turm durchgehend quadratisch ausgelegt. Die heutige spätbarocke Turmhaube ersetzte das hohe Spitzdach, welches auf dem quadratischen Turmschaft aufsaß. Wie es scheint war die Gesamthöhe der vormaligen Turmausführung etwas höher als die heutige Konstruktion. Das Innere der Kirche erhielt dann in der Zeit zwischen 1573 – 1597 eine Ausmahlung, von der heute nichts mehr sichtbar ist. Bei Sanierungsarbeiten in den vergangenen Jahren wurden Teile davon gefunden, konnten aber auf Grund der Komplexität nicht wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. An den Außenwänden des Kirchenschiffes sind mehrere interessante Grabplatten eingelassen, welche wohl mit der Schließung des Friedhofes, der direkt an der Kirche anschloss, hier angebracht wurden. Der heutige Kirchplatz (rechts und links der durchführenden Marktstraße) hieß früher „die Schwemme“. Das Kirchenterrain war in alten Zeiten von einer Steinmauer eingefriedet. Der Verlauf kann nur noch aus einem alten Stadtplan abgeleitet werden. Jedenfalls ist es nicht der heutige Verlauf der Kirchmauer. Direkt an dieser Mauer stand auf der Turmseite das ehemalige Spritzenhaus, das Barth´sche Wohnhaus und das Beinhaus. Den Abschluss des heutigen Kirchplatzes bildete das ehemalige Stadttor, das im Jahr 1831 abgerissen wurde. 1885 wurde die Kirchhofmauer mit dem Spritzenhaus und dem Beinhaus abgerissen und der alte Friedhof wurde eingeebnet.

Was nun ist denn eigentlich merkwürdig (?), wird sich wohl jeder Besucher von Friedrichroda fragen, liest man den ersten Satz dieses Beitrages.

Als das Stadttor abgerissen wurde, und damit die Entwicklung der touristischen Infrastruktur weiter Fahrt aufnahm, stand die evangelische Kirche am äußeren, nördlichen Stadtrand. Das ist schon ungewöhnlich, ist es doch meist so, dass Rathaus und Kirche eher nah beieinander an einem zentralen Platz inmitten des jeweiligen Ortes stehen. Warum dieses in Friedrichroda nicht so ist, bleibt somit wohl weiterhin spekulativ. Mich zumindest erinnert die Gesamtanlage der ehemaligen Bebauung nahe der evangelischen Kirche an eine massive Schutzanlage. Der gesamte Ort war mittels einer fast undurchdringlichen Hecke (vermutlich dorniges Gesträuch) umfriedet, also nicht von einem steinernen Wall. Diese Art Umfriedung bezieht sich vorrangig auf den Bereich um die Kirche und den Friedhof. Ein weiteres Indiz für diese Annahme ist die Anlage der Fenster des Kirchturms. Von Innen betrachtet gleichen diese schmalen Schlitzfenster eher Schießscharten.

Der Bereich des alten Stadttores galt somit seit alters her als ein sicherer Ort. Dieser wurde mit dem „Fall“ des Tores und den später folgenden Abrissen von Mauer und Gebäuden aufgegeben.
Diese „Merkwürdigkeit“ soll uns ein Bild jener Zeit aufzeigen, in welcher die drei Urkunden der Stadt vom Stadttor abgenommen wurden. Es war, folgt man dem Bericht über die Niederlegung des Tores, nicht ein in Sandstein gehauenes Stadtwappen, sondern dies sind:

Die erste Urkundeein Sandstein in Quaderform in den die Jahreszahl 1597 eingehauen war.
1597 gilt als das Jahr, das für Friedrichroda von existenzieller Bedeutung war! Im
Jahre 1597 wurde dem Flecken Friedrichroda das Stadtrecht verliehen. Ob vor
diesem Ereignis das Stadttor schon vorhanden war, lässt sich heute nicht mehr mit
Bestimmtheit sagen, da beim Brand des Rathauses 1636 im Dreißigjährigen
Krieg die städtischen Akten vernichtet worden sind und im städtischen Archiv nur
noch wenige Zeugnisse aus den Zeiten vor 1636 berichten.

Die zweite Urkundeein runder Seeberger Stein auf welchem ein Kopf ausgehauen und welchen ein Efeukranz umgibt.
Von den vom Tor abgenommenen „Urkunden“ ist heute noch der alte Steinkopf
vorhanden. Derselbe war früher im Hausflur des alten Rathauses (1904 abgebrannt) angebracht und wird wie folgt beschrieben: “Im Hausflur des Rathauses befindet sich über der Thür des großen Gastzimmers ein in seiner Art merkwürdiges altes Steinbild, das einen Mannskopf darstellt. … Der erwähnte Kopf soll das Wahrzeichen Friedrichroda´s sein …“ (Quelle: Berg- und Badestadt Friedrichroda Th. und ihre Umgebung, G.Wagner – Lehrer a.D., 1902, Verlag Jac. Schmidt & Co)

Das Steinbild wurde ab April 1949 im städtischen Archiv in Waltershausen
verwahrt. Inzwischen ist diese Urkunde wieder nach Friedrichroda zurück geholt
worden. Ein an uns überliefertes Gedicht erzählt was es mit dem Kopf für eine
Bewandtnis hat:

Bis auf die heut´ge Stunde
Führt diese Stadt das Bild
Vom Mann mit offnem Munde
In ihrem Wappenschild

Einst kam des Wegs gefahren
Ein lustiger Gesell,
Mit braungelockten Haaren,
Mit Augen klar und hell.

Stieg lustig von der Höhe,
Frug einen Jäger froh:
„Was ich hier vor mir sehe,
Wie heißt denn wohl das Do -.“

„Dorf“ wolt er frevelnd sagen,
Doch ließ er sich`s vergehn,
Es blieb vom dummen Fragen
Der Mund ihm offen steh´n!

So mußt er schrecklich büßen,
Was er verbrochen hat,
Ihr mögt es klüglich wissen:
„Dies Dorf ist eine Stadt!“

Die Bürger führ´n zur Stunde
Als Warnung noch das Bild
Vom Mann mit offnem Munde
In ihrem Wappenschild.

Zur Warnung an alle Zweifler wurde der steinerne Kopf am Stadttor angebracht.

… und

Die dritte Urkundeeine in Sandstein gehauene Nachteule an der der Schnabel beschädigt war.
Diese Skulptur ist die mir am rätselhaftesten erscheinende Urkunde, da so gut wie nichts darüber bekannt zu sein scheint, weshalb diese Nachteule so wichtig für unsere Vorfahren war.
Die Inschrift der ehemaligen Schlagglocke vom alten Rathaus gibt uns hier wohl einen interessanten Hinweis:

„Ich bin die Nachteil, wenn ich beginn zu singen hört man’s mit lautem Schall durch Friedrichroda klingen.“

Der Schrei oder auch Ruf der Nachteule (Nachteil) wurde durch den Ton der Schlagglocke symbolisiert und wohl auch mit Bezug auf die dritte Urkunde der Stadt ersetzt.
Was aber kann es damit auf sich gehabt haben?
Friedrichroda brauchte von Anbeginn seines Werdens fast ein halbes Jahrtausend um zur Stadt zu werden und das trotz seines innigen Bezuges zum Kloster Reinhardsbrunn. Der Konvent des Klosters war schon Anfang des 13. Jahrhunderts bemüht dem Ort mehr Geltung nach außen zu verschaffen, natürlich mit dem Ansinnen die eigenen Zinseinnahmen damit steigern zu können. Das damals verliehene Marktrecht wurde bedingt durch den Widerstand von Eisenach und Waltershausen über Jahrhunderte schwebend unwirksam. Es wurde aber über all die folgenden Jahre hinweg, bis zur erneuten Bestätigung 1594 nicht aufgehoben. Das war aber meines Erachtens nicht der einzige Grund, der ein schnelleres Erblühen des Flecken zur Stadt verhinderte.
Aus dem Jahr 1524 erreicht uns eine interessante Nachricht aus dem Kloster. Der damalige Abt wurde für die Holzbauern von Friedrichroda beim Fürsten zum Bittsteller. Deren Verdienstmöglichkeiten verringerten sich in dieser Zeit dramatisch. Der Wald des Klostereigen nahm schnell ab. So gab es 1524 kein Holz mehr, das für das „Kohlwerk“ (Verkohlung von Holz zu Holzkohle) notwendig war. Sie hofften mit diesem Bittgesuch Zugang zu den ihnen verbotenen Wäldern des Fürsten zu erlangen. In diesem Schreiben wird davon berichtet, dass Friedrichroda „in Menschengedenken“ zweimal abgebrannt war. (Quelle: Sammlung der Reinhardsbrunner Urkunden Nr. 656a, siehe auch S. Löffler, Geschichte des Klosters Reinhardsbrunn, Ulenspiegel-Verlag, Franz-Ulrich Jenstädt und Salzmann-Buchhandlung Waltershausen, S 195)

Ich betrachte dieses als einen belastbaren Hinweis auf die alte Ortsgeschichte. Der Begriff „in Menschengedenken“ umfasst nach meinem Verständnis einen Zeitraum von ca.100 bis150 Jahren. In dieser Zeit wurden viele Informationen mündlich von erlebenden Zeitzeugen an die Nachfahren weitergegeben. Somit umfasst dieser Zeitraum kaum mehr als zwei Lebensalter (ein Lebensalter max. 75 Jahre). Ausgehend vom Jahr 1524, dem Jahr in dem der Brief an den Fürsten verfasst wurde reicht der Zeitraum somit bis etwa ins Jahr 1375 zurück. In den Jahrhunderten nach der ersten Verleihung des Marktrechtes bis etwa 1450 kam Friedrichroda nie wieder so recht zur Geltung.

Eines wird bei allem für mich überdeutlich. Es sind die verherenden Feuersbrünste die Friedrichroda auch in späterer Zeit immer wieder heimsuchten und welche die Bewohner des Fleckens regelrecht traumatisierten. Neben der Entwicklung des Brandschutzwesens und strengen Regeln im Brandschutz, was auch in der alten Amtsbeschreibung vom Amt Reinhardsbrunn aus dem Jahr 1666 zum Ausdruck gebracht wird, war es dem Zeitgeist geschuldet, auch auf okkulte Mittel zurückzugreifen. Das führt im Folgenden zu der von mir favorisierten Deutung der dritten Urkunde.

Zunächst sollte erwähnt werden, dass Eulen nicht in allen Kulturen als positiv gelten bei Eulen verhält sich die Funktion des Glückbringens mit Bezug auf den eigenen Kulturkreis etwas anders. In einigen von ihnen bewirken sie nämlich genau das Gegenteil. Dort bedeutet der Schrei einer Eule zum Beispiel den Tod, wohingegen er in anderen Kulturkreisen als Ankündigung für die Geburt eines Kindes gilt. Bei uns, wie auch in der Lausitz existiert in diesem Zusammenhang die Vorstellung, dass, erklingt der Ruf einer Eule in der Nähe des Hauses einer Schwangeren, eine Geburt ohne Komplikationen erwartet werden darf.

Der Grund, aus dem Eulen als Glücks- oder auch Unglücksbringer angesehen werden, ist nicht immer klar erkennbar. Der plausibelste Grund für mich ist jedoch, dass Eulen schon immer die Nähe der Menschen gesucht haben. Teils wurde dies gern gesehen, wenn die Eulen zum Beispiel den praktischen Nutzten hatten, die Menschen von Mäusen- und Rattenplagen zu befreien. Das war natürlich gut.

Ebenfalls ein Hinweis auf bevorstehendes Glück ist es, wenn eine Eule es sich in einem Taubenschlag bequem macht.

Der weiter verbreitete negative Ruf der Eulen rührt auch daher, dass sich diese damals oft bei Verstorbenen und in der Nähe von Friedhöfen (In alter Zeit war es weit verbreitet die Toten über einige Zeit in der Totenhalle aufzubahren, auch um der Gefahr einer Lebendbestattung zu entgehen, die besonders bei sogenannten Scheintoten passieren konnten.) ansammelten, weil es dem Naturell dieser Vögel als Aasfresser entspricht. So wurde ihnen in alter Zeit ein Zusammenhang mit dem Tod zugeschrieben.

Vor einigen Jahrhunderten hielt man sich noch an den etwas makabren Aberglauben, eine Eule an eine Scheunentür zu nageln, Das sollte die Scheune vor Feuer bewahren und den ihr zugehörigen Hof vor allem Unheil schützen.

Als sich Friedrichroda anschickte zur Stadt zu werden, hatte das wohl auch zur Folge, dass man sich von den Bewohnern der umliegenden Orte und Flecken unterscheiden wollte. Vielleicht wurde genau aus diesem Anlass die Nachteule zum in Stein gehauenen Schutzsymbol vor Feuer zum Schutz des Gemeinwohls und der Stadt am Stadttor angebracht. Man hatte damals allen Grund hoffnungsvoll in die Zukunft, welche für uns heute tiefste Vergangenheit ist, zu blicken.

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