Der Schweizer Wilfrid Spinner wurde einst Thüringer, um die Japaner zu bekehren - meinanzeiger.de
5. Januar 2018
Ilmenau

Der Schweizer Wilfrid Spinner wurde einst Thüringer, um die Japaner zu bekehren

Fast vergessene Abenteuer

Wilfrid Spinner (1854 - 1918)

Wilfrid Spinner (1854 - 1918)

Im Jahr 1885 reiste Wilfrid Spinner als erster evangelischer Missionar nach Japan – als offizieller Staatsbürger von Sachsen-Weimar-Eisenach. Nach sechs Jahren kehrte er zurück, wirkte dann erfolgreich in Ilmenau und Weimar.

“In unserer Geschichte gibt es noch viele spannende Persönlichkeiten, die bisher kaum Öffentlichkeit erfahren haben und nur wenig bekannt sind. Dazu gehört ganz sicher Wilfrid Spinner, der ein hoch interessantes Leben mit Stationen in der Schweiz, Japan und Thüringen geführt hat. Rainer Krauß und ich haben uns die letzten Monate intensiv mit ihm beschäftigt und sind beeindruckt“, erzählt Kathrin Kunze, Museumsleiterin GoetheStadtMuseum Ilmenau.

Wilfrid Spinner (1854-1918) war ein Mann mit großen Idealen und wollte die Welt verändern. Dafür änderte er sogar seine Staatsbürgerschaft. Aus dem Schweizer Theologen wurde ein Thüringer Missionar – ganz offiziell. Denn Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach zeigte großes Interesse an Ostasien und finanzierte Spinner ab 1885 das große Abenteuer seines Lebens, eine Missionarsreise nach Japan. Um dorthin zu gelangen, führte Spinners Reiseweg über London, New York, Buffalo, Chicago, Omaha und San Francisco. Im Gepäck hatte er einen ganz klaren Auftrag vom Großherzog: Möglichst viele Japaner zum evangelischen Glauben zu missionieren. Er ist der erste evangelische Missionar in Japan, denn das Land ist erst seit 1868 für die westliche Welt wieder offen.

Sechs Jahre lebte Spinner in Japan, gründete je eine evangelische Gemeinde in Tokio und Yokohama, die es auch heute noch gibt. „Seine Missionsbestrebungen waren nicht von großem Erfolg, dazu waren die Japaner zu sehr in ihrem Glauben, wie wie Buddhismus, Daoismus und Shintoismus verwurzelt. Aber Wilfrid Spinner zeigte großes Interesse an der japanischen Glaubenswelt und legte eine einmalige Sammlung japanischer Kult- und Pilgerbilder mit Erklärungen zur Glaubenswelt an. Eine solche Sammlung gibt es nicht einmal in Japan“, sagt Kathrin Kunze.

Erfolgreiches Wirken in Ilmenau


Zurück aus Japan, setzte ihn der Großherzog 1892 als Oberpfarrer in Ilmenau ein, die Stelle war gerade frei geworden. „Das Seelsorger- und Krankenwesen war damals eine Katastrophe. Der Dienst am Menschen lag Spinner aber sehr am Herzen. Er gründete hier ein Institut zur Gemeindepflege und setzte erstmals eine Gemeindeschwester in Ilmenau ein, die sich um die Armen und Kranken kümmerte. Auch für die armen Kinder engagierte er sich: Sie bekamen ein Solebad und wurden mit Brot und Milch aufgepäppelt. Bei den neu eingeführten Familienabenden hielt er Vorträge, natürlich auch über Japan“, erklärt die Museumsleiterin. Gewohnt hat Spinner im Pfarrhaus an der Jakobuskirche. In Ilmenau hat er sich sehr wohl gefühlt, lotste sogar seine Freundin aus Zürich hierher, um sie in Ilmenau zu heiraten. Auch sein erstes Kind kam hier zur Welt. Er führte die Kirchgemeinde mit großem Erfolg.


Die Zeit in Weimar


Der Großherzog war von den Verdiensten Wilfrid Spinners beeindruckt und holte ihn 1896 zu sich nach Weimar, als Oberhofprediger. Jetzt oblag ihm die seelsorgerische Betreuung der großherzhoglichen Familie, der Hofkirchengemeinde und des Kirchenbezirks der Stadtkirche. Ab 1900 wird Spinner sogar Generalsuperintendent und für das gesamte Kirchenleben in Sachsen-Weimar zuständig. Er setzt sich mit großer Intensität für die innere Mission (Seelsorge) ein und gründet wichtige soziale Einrichtungen für Waisen, Arme und Kranke, unter anderem das erste Thüringer Heim für geistige behinderte Kinder, das Karolinenstift in Apolda. Als Spinner 1918 in Weimar stirbt, kehrte seine Frau mit den Kindern in die Schweiz zurück. Der Nachlass des verdienstvollen Theologen befindet sich im Völkerkundemuseum Zürich. „Dieses Museum hat uns bei unserer Sonderausstellung zu Wilfrid Spinner sehr unterstützt, widmete ihm 2014 selbst eine Ausstellung. Große Teile davon sind nun im GoetheStadtMuseum zu sehen. Ich denke es ist wichtig, diesen in Vergessenheit geratenen Thüringer mit Schweizer Wurzeln hier an seinen Wirkungsstätten bekannt zu machen.“


Sonderausstellung im GoetheStadtMuseum Ilmenau „Wilfrid Spinner – Schweizer Theologe in Japan und Thüringen. Seine Sammlung japanischer Kult- und Pilgerbilder“ bis 25. Februar 2018. Es werden Leihgaben aus dem Völkerkundemuseum Zürich (Kult- und Pilgerbilder mit Erklärungen) sowie aktuell zusammengetragenes Material zu seinem Wirken in Thüringen zu sehen sein.
Vortrag von Rainer Krauß:  21. Februar 2018, 18.30 Uhr, GoethestadtMuseum Ilmenau,  „Großherzog Carl Alexander und sein Oberhofprediger Wilfrid Spinner“
GoetheStadtMuseum Ilmenau, Am Markt 1, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

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