29. September 2017
Jena

Am Anfang waren Lok und Zeiss

Geschichte des Jenaer Bogensports

Im August hatten wir über die Geschichte des Bogensports berichtet und darauf hingewiesen, dass Jena wieder einmalAustragungsort von Deutschen Meisterschaften ist. Besonders erfreulich aus Jenaer
Sicht, dass neben der mustergültigen Organisation der Meisterschaften durch die
Sportlerinnen und Sportler des SV Carl Zeiss Jena um Thomas Röher auch noch
Medaillen und Bestleitungen von Jenaer Bogensportlern errungen werden konnten.
Die ersten Medaillen bei DDR-Meisterschaften holte sich 1961 die Mannschaft von Motor Carl Zeiß in Silber. Den ersten Meistertitel konnte eine Männermannschaft von Lok Jena 1963 gewinnen. Obwohl die wichtigsten Impulse bei
der Gründung des Jenaer Bogensports von der Betriebssportgemeinschaft (BSG)
Motor Carl Zeiss ausging, gab es kurzzeitig eine zweite, sehr erfolgreiche Bogensportgruppe
bei der BSG Lok. Ähnlich wie bei den Radsportlern in den 1950er Jahren, die auch
zu Lok Jena gewechselt waren, so waren es auch hier „Querelen“ zwischen
einzelnen Sportfunktionären und Sportlern und die Freifahrtscheine, die
Lok-Sportler erhielten, womit sie kostenfrei in der gesamten DDR mit der Bahn
fahren konnten, die zu dem Wechsel führten. In beiden Fällen waren diese
Wechsel zu Lok aber nur von zeitweiliger Dauer.
Der treue Leser dieser Serie, Peter Malischewskymachte uns auf einen wichtigen Gründungsvater im Jenaer Bogensport aufmerksam: Karl-Heinz
Opelt. Malischewsky wohnte mit der fünfköpfigen Familie Opelt zusammen in einem
Haus erst im Südviertel und später in Wenigenjena. „Seine Begeisterung für das
Bogenschießen spürte man bei vielen Gesprächen. Er erzählte mir, daß er der
Vizepräsident des Deutschen Bogenschützenverbandes war…“ schrieb uns Malischewsky.
Nachdem sich im November 1959 die Bogensport bei MotorCarl Zeiss gegründet hatte, nahmen die Schützen schon im Januar 1960 an einem
Fernwettkampf teil und im Mai 1960 gab es das erste Training auf der Jahnwiese,
der Fläche neben dem heutigen Fan-Haus vom FC Carl Zeiss. Anfangs kam es hier
immer wieder zu Konflikten mit Fußballern oder anderen Sportlern, die den Platz
ebenfalls für Trainingszwecke beanspruchten. Später konnten die Bogensportler an
den südlichen Rand der städtischen Sportflächen ziehen. Der VEB Carl Zeiss
hatte den Umzug durch bauliche Maßnahmen vor Ort unterstützt. Noch heute ist
dies die Heimstadt der Bogensportler. Eine sehr wichtige Rolle spielte als
Übungsleiter, Betreuer und zeitweilig Sektionsleiter Rudi Bauer, der eigentlich
gar kein Bogensportler war. Er war als Trainer bei den Ringern des SC Motor
Jena tätig gewesen. Zeitweilig soll er sogar Alfred Tischendorf, den später
erfolgreichsten Ringer Jenas, trainiert haben. Aus welchen Gründen er den SC
verlassen hat, kann heute nicht mehr geklärt werden, da er schon vor längerer
Zeit verstorben ist. Auf jeden Fall tauchte er bald nach der Gründung der Sektion
Bogensportsektion der BSG Carl Zeiss auf und bot sich als Übungsleiter und
Betreuer an. Bis 1989 war er in diesen Funktionen bei den Bogensportlern die
gute Seele der Sektion.
In einem Bericht zum 25jährigen Bestehen derBogensportgruppe wurden 16 Goldmedaillen bei DDR-Meisterschaften aufgezählt,
die Bogensportler der BSG Motor Carl Zeiss bis dahin errungen hatten. Den ersten
Meistertitel gewann Heide Opitz als Jugendliche 1963, was sie 1965 noch mal
wiederholen konnte. Auch bei den Damen war sie Titelgewinnerin (1967) und mit
den Damen Dr. Müller und Pöttsch 1969 in der Mannschaftswertung. Der Zahl der
Medaillen nach war Brigitte Brühl wohl die erfolgreichste Jenaer Bogenschützin
bis zur Wende 1989. Eine Gold, acht Silber und eine Bronzemedaille stehen auf
ihrem Konto.
Mit der politischen Wende in der DDR 1989veränderten sich auch die Bedingungen für die Bogensportler grundsätzlich. Im
Gegensatz zu fast allen Sportverbänden der DDR schloss sich der
Bogensportverband nicht dem Deutschen Schützenbund an, wo die
Bogensportsportler aus dem „Westen“ organisiert waren. Es gelang einen
eigenständigen Deutschen Bogensportverband 1959 e. V. (DBSV) zu gründen, der
inzwischen in 13 Bundesländer vertreten ist. Das war kein einfacher Prozess, da
der Schützenbund dies verhindern wollte. „Westdeutsche“ Bogensportler,
besonders aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westphalen unterstützten die Idee
eines eigenständigen Verbandes nachhaltig und gründeten die ersten
(westdeutschen) Landesverbände. Die Bogensportler, die ihr Sportgerät nicht als
Waffe betrachten, konnten sich nach der Gründung der Landesverbände, gegenüber
dem Deutschen Sportbund (DSB, heute DOSB) durchsetzen und die Anerkennung als
eigenständiger Sportverband erreichen. Interessant ist die Namenswahl, wo mit
der Einfügung der Jahreszahl „1959“ auf das Gründungsjahr in der DDR Bezug genommen
wird. Vizepräsident und wesentlicher Motor bei dem Kampf um den Zusammenschluss
der Bogensportler aus Ost und West ist seit vielen Jahren der Jenaer Thomas
Röher.
Im Zuge der Bildung von Olympiastützpunkten in den neuen Ländern wurde versucht, eine Bogensport-Nachwuchsleistungsgruppe am
Sportgymnasium Oberhof aufzubauen. Es gelang Thomas Röher die zuständigen
Gremien zu überzeugen, dass die Bogensportler langfristig am Sportgymnasium in
Jena besser aufgehoben sind. Seitdem gibt es in Jena zwei Bogensportgruppen,
die unterschiedlichen Verbänden angehören, die aber gemeinsam auf der gleichen
Sportanlage trainieren. Die Bogensportler des Sportgymnasiums sind beim SV
GutsMuths Jena e. V. organisiert.


Dr. Hans-Georg Kremer

Bildunterschrift:

Fotonachweis: aus dem Fotoalbumvon Thomas Röher: Ein interessanter Wettkampf fand ab 1979 immer im Frühjahr ineinem Privatgarten am Fuße des Fuchsturms statt, hier einige Bogensportler bei
der Vorbereitung.

In: Thüringische Landeszeitung vom 27. September 2017 Nr. 556

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