Das Ende einer Institution - meinanzeiger.de
25. Oktober 2017
Jena

Das Ende einer Institution

Windsurfkurse des Jenaer Hochschulsports

In einer Zeit von Internet und sozialen Medien ging völlig unspektakulär eine Institution des Jenaer Hochschulsports zu Ende, die gleich auf mehrere Superlative schauen kann: Die Kurse im Windsurfen am Bergwitzsee. Dieser älteste „Sportwochenkurs“ der Jenaer Uni in der vorlesungsfreien Zeit wurde nach 26 Jahren letztmalig erfolgreich durchgeführt.
Fangen wir aber von Beginn an. Mit der politischen Wende in der DDR 1989/1990 stand bereits im November 1989 fest, dass es für die ca. 25 hauptamtlichen Sportlehrer des Studentensports der Uni keine berufliche Perspektive gab. Der Studentenrat hatte nach einer schriftlichen Abstimmung für die Abschaffung des Pflichtsports plädiert, worauf der Rektor den Sport absetzte. Die zuständigen Mitarbeiter erhielten aber keine Hinweise, was sie weiter machen sollten. Nach einer Krisensitzung wurde beschlossen, vorerst alle Gruppen weiterlaufen zu lassen, aber keine Anwesenheitskontrolle mehr vorzunehmen. Gleichzeitig wurde vereinbart, dass alle Kolleginnen und Kollegen Mitte Dezember zu einer Klausurtagung ins Uni-Ferienobjekt nach Siegmundsburg fahren, um ein neues Konzept für einen freiwilligen Hochschulsports zu entwerfen. Dieses sah dann auch vor, dass jeder Kollege attraktive zum Teil neue Sportangebote ab Sommersemester 1990 und Ferienfreizeitkurse für die vorlesungsfreie Zeit entwickelt, um auf ein monatliches Lehrvolumen von mindestens 20-22 Unterrichtsstunden zu kommen. Für den Sommer 1990 wurden daraufhin Alpenwanderungen, Kanuwanderfahrten, Radtouren und ähnliches projektiert und meist erfolgreich realisiert.
Wilhelm Tell, der im Studentensport u. a. für viele Fußballgruppen zuständig war, besann sich auf sein Hobby, das Windsurfen, welches er seit Mitte der 1980er Jahre mit zunehmender Perfektion ausübte. Im Sinne der Arbeitsplatzsicherung war ihm aber bewusst, dass von den 25 hauptamtlichen Mitarbeitern des Studentensports nur noch eine Handvoll weiter beschäftigt werden würden. Daher setzte er auf eine Teilbeschäftigung bei der Sportlehrerausbildung. Mit Carina Wehr, die ebenfalls eine Freizeitsurferin war, schrieben sie für den Sommer 1991 erstmals zwei Surfkurse für Sportstudentinnen und –studenten an der Bleilochtalsperre aus. Dazu beschafften sie sich privat die nötigen Ausrüstungen, die garantierten, dass Gruppen von 10-12 Aktiven aufgenommen werden konnten.
Tell bot dann für den Herbst einen weiteren Kurs am Bergwitzsee südlich von Wittenberg an. Diesen See, einen ehemaligen Braunkohlentagebau, hatte er durch seinen Kollegen Manfred Rosemann kennengelernt, ebenfalls ein Freizeitsurfer, der aus der Gegend stammte. Durch dessen persönliche Kontakte in die Region gelang es genügend Quartiere und eine geeignete Fläche am Seeufer zu bekommen, die sich für einen Surflehrgang eigneten. Da die Windverhältnisse und die Logistik für Übernachtung, Versorgung und Lagerung des umfangreichen Materials am Bergwitzsee deutlich besser waren als an der Saaletalsperre, fanden dann von 1992 bis 1995 jährlich zwei Kurse für Sportstudenten und ein Kurs für den Hochschulsport statt. Bei letzterem übernahm Manfred Rosemann neben Aufgaben bei der Organisation und Versorgung die Funktion eines Surflehrers. 1995 teilten sich Carina Wehr und Wilhelm Tell, die gemeinsam angeschafften Surfbretter, Segel, Anzüge usw. und Carina Wehr konzentrierte sich auf die Ausbildung am Sportinstitut. Tell und Rosemann bauten ihr Surfkursangebot auf zwei Kurse aus, die seitdem ohne Unterbrechung bis August 2017 mit großem Erfolg durchgeführt wurden. Dabei gab es eine Trennung zwischen einem Anfängerkurs und einen Kurs für „Fortgeschrittene“. Die Ausbildung basierte auf der „Segelgrundschule des Deutschen Seglerverbandes“, die entsprechende Theorie, Praxis und Prüfungen vorsah. Nach erfolgreicher Teilnahme bekam Jeder eine Urkunde auf der zu lesen war: „… an einem Grundkurs im Windsurfen am Bergwitzsee teilgenommen. Er/Sie ist jetzt in der Lage, ein Rigg korrekt aufzubauen, das Board zu starten und es entsprechend geltendem Wegerecht auf Binnenseen zu steuern.“
Weder aus Universitätsmitteln noch aus Hochschulsporteinnahmen, die über den USV-Jena verbucht und ausgeben werden, wurden für diese Surfkurse Gelder beansprucht. Lediglich bis zum Ausscheiden aus ihrem Berufsleben, bekamen die beiden Mitarbeiter des Hochschulsports von ihrem damaligen Leiter großzügige Freistellungen. Vor allem zählte die Unterstützung der Sportkurse in der Anrechnung als Lehrvolumen. Die Werbung und Publikation der Kurse erfolgte im Internet und in Printmedien des Hochschulsports. Ansonsten mussten die Kurse kostenneutral organisiert werden. Während die übrigen Sommer-Sportkurse, begonnen bei Kanuwanderfahrten, über Alpenwanderung bis hin zu Yoga oder Shiatsu-Lehrgängen auf Grund der Nachfrage oder des Ausscheidens der Mitarbeiter nach und nach eingestellt wurden, blieben die Windsurfkurse bis 2017 erhalten.
Weniger das Alter, beide Surflehrer sind über 75, war für den fachlichen Leiter Wilhelm Tell der ausschlaggebende Faktor, dass er sich schweren Herzens zur Aufgabe der Kurse entschloss, sondern dass die Probleme durch zunehmende Privatisierung von Strandabschnitten und die immer schwierigere Beschaffung von kostengünstigen Übernachtungsmöglichkeiten die Arbeit zunehmend erschwerten. Die meisten der über 500 Lehrgangsteilnehmer in den 27 Jahren sind heute noch dankbar für die fundierte Ausbildung und die erlebnisreichen Tage am Bergwitzsee.

Dr. H. Kremer

Fotonachweis: Fotosammlung Kremer: Wilhelm Tell (links) und Manfred Rosemann 1996 bei der Vorbereitung einer Surfstunde.

In: Thüringische Landeszeitung vom 25. Oktober 2017 Nr. 560

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