Die Faszination morbider Schönheit - meinanzeiger.de
5. Mai 2020
Jena

Die Faszination morbider Schönheit

Mit seinen Bildbänden über "Lost Places" will Markus Zabel die Menschen inspirieren

Schönheit in morbidem Charme zu erkennen, ist nicht jedem gegeben. „Hässlich!“, entfährt es vielen Menschen, die ein verlassenes Gebäude betreten, dessen ­letzte Renovierung schon sehr lange zurückliegt. Solch Vokabular würde Markus Zabel (ehemals Schmidt) niemals in den Mund nehmen, wenn es um verlassene Plätze geht. ­Immer wieder zieht es ihn mit seiner Kamera dorthin. ­Unlängst erschien im Sutton-Verlag sein zweites Buch der „Lost Places in Thüringen“. AA-Redakteurin Jana ­Scheiding sprach mit dem Autor über (Foto)Leidenschaft, Vertrauen und die ­Intention hinter seinen ­Büchern.

Sie sind Autor und Fotograf. Was fasziniert Sie daran, ­Objekte zu inszenieren?
Meine Leidenschaft für Fotos entdeckte ich 2011, als ich erstmals eine Spiegelreflex-­Kamera mein eigen nennen durfte. Nach zwei Jahren ­intensiver Hobbyfotografie gründete ich 2013 „Sio ­Motion“ und seitdem sind ­sowohl Foto- als auch Videografie feste Bestandteile meines (Berufs)Lebens. An der Fotografie faszinieren mich ganz unterschiedliche Dinge. Zum einen die Vielfalt der Möglichkeiten. Ich bin in vielen Genres zu Hause und kann das machen, worauf ich wirklich Lust habe. Heute bin ich Porträtfotograf, morgen tanze ich mit der Kamera auf einer Hochzeit, übermorgen teile ich mein Wissen auf Fotoreisen. Wieder zu Hause bin ich Autor und erarbeite mein nächstes Buch. Ich kenne nur wenig Berufe, die eine Freiheit bieten, in der ich mich und meine Arbeiten so verwirklichen kann wie ich das möchte.

Und Sie begegnen vielen Menschen.
Das ist die andere Seite. Ich bekomme täglich neuen ­Input. Ich kann hinter die ­Kulissen von Firmen und Produktionen schauen, lerne die Menschen hinter den Projekten kennen und besuche Orte, die für andere verschlossen bleiben. Außerdem kann ich mit meiner Arbeit helfen und etwas zurückgeben. Es gibt nichts Schöneres, als nach einer Hochzeit Feedback zu den Fotos zu bekommen oder nach einer Reise von einem Teilnehmer zu hören, dass es ihn nicht nur fotografisch, sondern auch in seiner Persönlichkeitsentwicklung ­weitergebracht hat. Es fühlt sich gut an, wenn Arbeit nicht nur Broterwerb, sondern ­Erfüllung und Berufung ist.

Was bedeuten Ihnen die ­ „Lost Places“?
Dazu hatte ich schon als Kind einen Bezug. Wir besuchten Ruinen und trieben uns in ­alten Gemäuern herum. Neben unserer Grundschule gab es ein altes Glaswerk. Entgegen der Warnung der ­Erwachsenen haben wir das Gelände natürlich trotzdem erkundet. Später setzte sich diese Affinität beim Geo­caching fort. Die spannend­sten Dosen lagen an ­geschichtsträchtigen „Lost Places“ oder in deren Nähe. Schnell waren mir einfache Caches zu langweilig und ich suchte nach verlassenen ­Orten. Mit der Gründung von „Sio Motion“ rückte dieses Hobby zunächst in den Hintergrund. Die Firma nahm sehr viel Zeit in Anspruch und so blieb kein Platz für weitere Hobbys neben der Musik – seit meiner Jugend bin ich auch Musiker. 2015 zog es mich dann mit ein paar Freunden wieder auf Entdeckungstour und 2016 berichtete die Tagespresse darüber. Durch diesen Bericht wurde der Sutton-Verlag auf mich aufmerksam und wenig später arbeiteten wir an einem ersten Bildband. Nur so an das Thema heranzugehen, war mir aber zu wenig. Deswegen entstand ein weiteres Projekt: #IamLost. Wir haben ­damit eine Plattform für verlassene Orte geschaffen.

Die Faszination ist ­ungebrochen?
Ja. Sie spiegelt sich in diesem Projekt wider, denn mich treibt vor allem die Geschichte der einzelnen Orte in die „Lost Places“. Ich möchte wissen, wie sie früher aussahen, was dort passierte, warum sie verlassen wurden und warum teilweise geschichtsträchtige und großartige Architekturen nicht gerettet werden konnten. Es geht mir also nicht nur um das Zeigen der Bilder, sondern vor allem um eine komplette Dokumentation über alte Gemäuer, die für andere vielleicht nur ein „Schandfleck“ sind. Andere Gründe für mein Faible für diese Orte sind die Ruhe und die Tat­sache, dass ich mich völlig auf den Ort konzentrieren kann.

Es gibt eine Community. Jeder kann auf Erkundung gehen, so lange er sich der Gefahren bewusst ist

 

Wie finden „Lost Places“-­Anhänger zueinander?
Es gibt eine Community. Jeder kann auf Erkundungstour ­gehen, so lange er sich der ­Gefahr bewusst ist, die von solchen Orten ausgeht, und er weiß, wie er sich dort zu verhalten hat. Zueinander findet man dann auf vielen Wegen. Schon oft haben wir andere Besucher in den Ruinen ­getroffen, mit denen man sich eventuell vernetzt und austauscht. In Zeiten von Social Media gibt es auch etliche Gruppen zum Thema: Hier tummeln sich Menschen, die an verlassenen Orten interessiert sind. Eine andere Möglichkeit besteht darin, an offiziellen Führungen wie in Beelitz, Teufelsberg oder Spreepark Berlin teilzunehmen. Ich denke, wenn man zueinander finden möchte, ist das kein Problem. Leider gibt es aber wie überall schwarze Schafe, die nichts Gutes im Sinn ­haben. Hier heißt es Abstand halten und seine Kontakte sorgfältig auswählen.

Wie wichtig ist Vertrauen?
Immens wichtig. Ich muss den Leuten vertrauen, mit denen ich vernetzt bin. Wissen diese, worauf sie sich einlassen, gehen sie sorgsam mit ihren Adressen um? Während wir in unseren Büchern nur bekannte und leicht zu findende Orte mit intensiver ­Geschichte vorstellen, gibt es Objekte, die wir – um sie zu schützen – nicht weiter ­bekannt machen wollen. Leider ist es oft nicht der Verfall, der einen „Lost Place“ zerstört, sondern die Menschen. Damit sind sowohl Diebe und Randalierer gemeint, als auch Lostplacer, die ihren Müll ­zurücklassen, wertvolle Dinge einstecken, Räume für ihre Fotos umgestalten oder Schubladen auf der Suche nach Dokumenten im Raum entleeren. Daher ist es schon durchaus wichtig, darauf zu achten, mit wem man sein Wissen teilt. Vertrauen setze ich aber auch in die Leute, die mich begleiten. „Lost Places“ sollte man weder allein noch in großen Gruppen besuchen – außer bei Führungen. Optimal sind Exkursionen mit zwei bis drei Personen. So ist immer jemand da, der im Notfall Hilfe holen kann. Vertrauen muss ich auch darauf, dass Eigentümer die Genehmigung zur Besichtigung ­erteilen. Oftmals stehen hinter den Objekten Vereine, die sich darum kümmern. Insofern funktioniert auch „#iamlost“ hauptsächlich auf Vertrauensbasis.

Was empfinden Sie beim ­Betreten dieser Orte?
Ich folge meinem Erkundungstrieb und genieße die Ruhe, die von diesem Ort ausgeht. Mir ist aber auch ­bewusst, dass ab jetzt volle Konzentration gefordert ist: Ein falscher Schritt kann böse enden. Rostige Nägel, Scherben, Gruben, verrottete Balken, morsche Decken – die Gefahren lauern überall. Andererseits kann ich mit jedem neuen Raum ein Stück ­Geschichte freilegen – das ist unglaublich spannend. Oft stelle ich mir vor, wie die Menschen hier gelebt und ihren Alltag verbracht haben. Es ist eine Mischung aus Abenteuerlust, Wissensdurst und Respekt.

Dem Drang, etwas mitzunehmen, muss man widerstehen

 

Überkommt Sie manchmal der Drang, etwas mit­zunehmen, um es zu retten?
Diesen Drang hat sicher jeder schon mal verspürt. Dem muss man aber widerstehen. Hier ist Disziplin gefordert. Der Codex ist auch für mich unantastbar: „Hinterlasse nichts als deine Fußspuren und nimm nichts mit außer deinen Erinnerungen“. Jeder, der etwas mitnimmt, zerstört die Geschichte des Ortes und begeht Diebstahl. Hier gibt es für mich keinen Spielraum für Toleranz.

Finden Sie es schade, wenn alte Gebäude verkommen?
Natürlich finden wir Lost­placer es schade, wenn Zeitzeugnisse verschwinden. ­Daher lautet eines unserer Ziele, die Menschen darauf aufmerksam zu machen. Even­tuell findet sich so ein Investor für ein bestimmtes Objekt.

Sie wollen mit Ihren ­Büchern über verlassene ­Orte auch aufklären?
So ist es. Die Lostplace-Szene sieht es nicht gern, wenn man öffentlich über die Gebäude spricht, Namen oder Adressen preisgibt oder gar Bücher ­darüber veröffentlicht. Je mehr Leute auf das Thema aufmerksam werden, umso größer ist die Gefahr, dass die zum Teil wunderschönen ­Orte zerstört und der Ruf der Lostplacer beschädigt werden. Auf einer unserer Fototouren trafen wir einen Mann, der uns mit gezücktem Jagd­gewehr von dem unbekannten Ort vertreiben und die Polizei rufen wollte. Er sagte, er könne gar nicht aufzählen, wie viele Randalierer und feiernde Jugendliche sich nachts hier herumtrieben und seinen Schlaf störten. Und er könne nicht unterscheiden, ob wir ebenfalls randalieren oder nur Fotos machen wollten. Schlussendlich durften wir fotografieren. Seitdem sind wir auf solche Begegnungen vorbereitet, haben immer ­Bücher und Kalender ­dabei, die unsere guten ­Absichten bekräftigen, und können ­Genehmigungen vorlegen. Ich glaube, wenn man nicht über „Lost Places“ spricht und diese nur still und heimlich besucht, ändert das nichts. Die Geschichten der Gebäude werden vergessen, die Gesellschaft weiß oft nicht, warum ein Haus leer steht und weder abgerissen noch genutzt werden kann. Das Thema „Lost Places“ geistert trotz alledem als illegal in den Köpfen manch Außen­stehender herum, weil die Presse meist nur über die Randalierer schreibt, die Brände in den Gebäuden legen und die Polizei beschäftigen oder sich an den Orten verletzen.

Fotograf Markus Zabel: Ich will sinnvolle Visionen schaffen

 

Wie können Sie sich davor schützen?
Indem wir die Öffentlichkeit von diesem negativen Bild ­abbringen. Diese Erkenntnis war die Initialzündung für eine neue Herangehensweise und die Idee, wie ich meine Bilder mit einer sinnvollen ­Vision veröffentlichen kann. Die Bücher wollen nicht nur mit Fotos begeistern, sondern Menschen über das Thema „Lost Places“ aufklären. Die Dokumentationen sollen vor allem vergessene ­Gebäude aus der Vergessenheit holen. Wie oft haben wir Orte gesehen, die enormes Potenzial für eine weitere Nutzung haben. Aber niemand kann etwas bewegen, wenn er von bestimmten Dingen nichts weiß. Deshalb will ich mit meinen Büchern sowohl sensibilisieren als auch informieren.

Die Fotos der nachstehenden Galerie stellte uns Markus Zabel zur Verfügung. 

http://sio-motion.de

Auch interessant