29. Mai 2019
Jena

Ein chinesisches Doppel für Jena

Tischtennis in der Jenaer Sportgeschichte

Über die Geschichte des Tischtennissports in Jena ist bisher wenig bekannt. In Deutschland kam der aus England kommende Sport um 1900 erstmals wettkampfmäßig zur Austragung. Bis in die 1950er Jahre galt Tischtennis in Europa und den USA als „jüdischer Sport“, da jüdische Funktionäre und Spieler maßgeblichen Einfluss auf seine Entwicklung und Verbreitung hatten, kann man bei Wikipedia lesen. So war der deutsch-jüdische Sportfunktionär Georg Lehmann von 1925 bis 1929 Mitgründer und erster Präsident des Deutschen Tischtennisbundes. Er war auch Initiator des 1926 in Berlin gegründeten internationalen Tischtennisweltverbandes (ITTF).
Bei Zeitungsauswertungen taucht in Jena erstmals im November 1919 eine Hockey- und Tennisabteilung des 1. Sportverein (SV) Jena auf, die ein internes Tischtennisturnier im „Hotel zur Sonnen“ organisierte. Bei den Männern siegte Herbert Schwarz, vor Hirsch und Weise. Alle drei waren Medizinstudenten an der Uni.
In Thüringen scheint spätestens 1929 ein Tischtennisverband existiert zu haben, denn im Januar 1930 berichtet des Jenaer Volksblatt, dass in Erfurt die 2. Thüringer-Tischtennismeisterschaften stattgefunden hätten. Es waren 80 Spieler anwesend. Das Endspiel bei den Männern gewann der Erfurter v. Gramm gegen den Jenaer namens Arno. Die beiden chinesischen Studenten Chang und Huang, die für Jena spielten, konnten sich nicht durchsetzen, ebenso der Vorjahresmeister Dr. Blomeyer-Jena. Im Herrendoppel gewannen durch ein durchdachtes und aufopferungsvolles Spiel die beiden Chinesen. Im Endspiel der Frauen gewann die Gothaerin Frl. Will, die gegen die Jenaerin Frl. Weihe antrat. Im Adressbuch von Jena aus dieser Zeit ist ein Dr. Karl Blomeyer am Forstweg 22 aufgeführt, der von 1904 bis 1911 Senatspräsident des Oberlandesgerichts gewesen war. Ob der oben genannte Tischtennisspieler sein Sohn war, muss noch genauer untersucht werden.
Um 1930 gibt es auch erste Berichte von „Tischtennispunktspiele“ in der Stadt, so liest man im Volksblatt, dass die Turngemeinde Jena (TG) gegen den Turnverein Wenigenjena (TVW) 6:14 verloren hätte. Die besten Spieler waren R. Wächter (TG) und R. Schiller (TVW). Die Spiele fanden im Vereinshaus der TG neben der Muskelkirche statt. Die Tischtennisabteilung der TG war erst 1930 gegründet worden.
In einer Aufstellung aus dem Jahre 1935, die im Stadtarchiv zu finden ist, geben folgende Jenaer Turn- und Sportvereine an, dass sie Tischtennisabteilungen hätten: Die Turngemeinde, der Turnclub , die Akademische Turnvereinigung Gothania und der Verein für Bewegungsspiele (VfB, heute USV).
Auch im Sport der jüdischen Mitbürger Jenas, die ab der Machtübernahme durch die NSdAP 1933 weitestgehend aus Jenas Turn- und Sportvereinen vertrieben worden waren, ist um diese Zeit in dem eigenständigen Verein „Sportgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontkämpfer in Jena“ neben Handball vor allem Tischtennis gespielt worden. Noch im August 1938 führte dieser Verein eigene Klubmeisterschaften durch. Klubmeister wurden bei den Damen Grete Hirsch und bei den Herren Karl Friedmann. Der Spielort wurde im Bericht in der Zeitung „Die Kraft“, des „Sportbundes des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“ nicht genannt. Es dürfte aber in den Geschäftsräumen von Artur Friedmann in der Grietgasse 25/26 stattgefunden haben, wo heute Stolpersteine an die Familie Friedmann erinnern.
Auch an der Universität gab es im „Hochschulsport“ immer wieder Tischtennisgruppen, die z. T. recht erfolgreich waren, wie man oben in dem Bericht zu den Thüringer Meisterschaften von 1929 lesen konnte.
Nach dem II. Weltkrieg gehörte Tischtennis zu den ersten Sportarten, in denen es wieder Wettkämpfe gab, was auch an der stringenten Zulassung von öffentlichen Sportveranstaltungen durch die sowjetische Militäradministration (SMA) gelegen hat, die im öffentlichen Raum größere Menschenansammlungen vermeiden wollte. Da Tischtennis aber in Hallen stattfand, war hier eine Genehmigung leichter zu bekommen.
Im „Hochschulsport“ der Uni wurde durch das Sportreferat im Sommer 1947 eine Tischtennisgruppe gegründet, welche bereits ein halbes Jahr später Unimeisterschaften in der Mensa organisierte. 1948 begann der Wettspielbetrieb der Sportgemeinschaft (SG) „Ernst Abbe“, die in der Turnhalle in der Lutherstraße ausgetragen wurde. Die im Dezember 1948 vom Sportreferat organisierten Ostzonenmeisterschaften der Studenten im Tischtennis fanden vermutlich in der Mensa statt. Zu den Organisatoren zählte der Sportreferent Wolfgang Möhring, der sonst eher als Handballspieler in Erscheinung trat. Die Uni Jena konnte bei diesen Meisterschaften Platz zwei belegen, kann man in einem Rechenschaftsbericht von Möhring lesen. Als Tischtennisspartenleiter führte Möhring einen Studenten namens Ziegler auf, der wohl auch der Gründer der Tischtennisabteilung der Hochschulsportgemeinschaft (HSG) am 13. April 1949 gewesen ist. Die Tischtennisabteilung des USV, der der Rechtsnachfolger der HSG ist, kann damit auf 70 Jahre erfolgreiche Sportarbeit zurückblicken. Ende Dezember 1950 beteiligte sie sich an der Organisation eines Vier-Städte-Turniers der Hochschulsportgemeinschaften der Uni Jena, der Ingenieurschulen Ilmenau und Gotha und der Musikhochschule Weimar in Rudisleben. Es wurden neben Tischtennis auch Turniere im Fußball, Handball und Wasserball gewertet. Die Ingenieurschule Ilmenau gewann die Mannschaftswertung.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus der Fotosammlung Kremer stammt dieses Fotos von den Deutschen Studentenmeisterschaften im Tischtennis 1962 in der „Lutherhalle“. Es ist das bisher älteste aufgefundene Tischtennisfoto des Universitätssports.

In: Thüringische Landeszeitung vom 29. Mai 2019 Nr. 640

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