8. März 2020
Jena

Einmalig: Konzert für vorbeifahrende Züge, zu hören mit alten Radios

200 Musiker stehen auf der längsten Bühne der Welt

Alte Radios aufgepeppt

Gestern standen 200 Musiker in der Landschaft zwischen Großschwabhausen und Weimar und besangen 12 vorbeifahrende Züge. Auch wenn es unwirklich klingt: es ist wahr! Wir bespielten die Reisenden mit dem »Ode an die Freude« aus der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven und machten damit die Bahnstrecke mit 2.5 Kilometern zur längsten Bühne der Welt. Jörn Hintzer und Jakob Hüfner, Professoren für experimentelle Television an der Bauhaus-Universität Weimar, gründeten im Jahr 2000 den partizipativen Web-TV Sender Datenstrudel.                                                                                                                            http://www. datenstrudel.de

Sie leiteten das Projekt künstlerisch. Alle Arbeiten von Datenstrudel richten sich an ein großes Publikum. Fernsehen, Radio-und Videomacher waren vor Ort.

Was machen die Medien mit den Menschen und was machen die Menschen mit den Medien ?

Erstaunlich, wie viele begeisterungsfähige Mitmacher es gab. Da wurde in unserer Region etwas Besonderes angekündigt und sie meldeten sich, um dabei zu sein. Wochenlang liefen die Vorbereitungen, denn wenn viele Leute mobilisiert werden, ist vieles zu beachten: Verpflegung, Toiletten, Wärme und das besondere Leckerli + Sekt. Für das Projekt brauchte es Servicepersonal, Zugbegleiter, Radiogerätemanager, Tontechniker, Shuttlefahrer, Produktionsassistenten und Co-Dirigenten. Der Wichtigste bei einem Konzert ist natürlich der künstlerische Leiter, es konnte der 24-jährige Dirigent und Cellist Martijn Dendievel gewonnen werden. http://www.martijndendievel.com

Er schrieb die Partituren und sorgte vor Ort für die Koordination aller Musikergrupppen und für gute Laune. Das gelang trotz Wind und Kälte gut. Denn man hatte so ein Gefühl, bei etwas ganz Besonderem dabei zu sein und das hat motiviert!

Schon am Westbahnhof wurde ich mit einem riesigen „Hallo“ begrüßt und auch auf meiner Heimfahrt war die Stimmung in der letzten bespielten Erfurter Bahn großartig!

Ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig war für uns Mitwirkende,

dass jede Musikergruppe auf den 11 Stationen nur wenige Takte zu singen und manchmal ziemlich abrupt abzubrechen hatte, denn die technische Herausforderung bestand darin, die Übergänge zwischen den Stationen möglichst nahtlos hinzubekommen. Die Stationen waren von alleinsingenden Knaben, Frauentrios, Männerchören, großen gemischten Chören und der Brassband „Blechklang“ aus Jena bestückt und jede hatte einen Co- Dirigenten, der mit der musikalischen Leitung in ständiger Funkverbindung stand. Denn zwischen den einzelnen Positionen war ein Abstand von mehreren hundert Metern! Und nach je 2 mal 7 Takten Gesang war 20 Minuten Pause, bis die nächsten Züge von Weimar-Jena und von Jena-Weimar angerollt kamen.

Es wirkten mit: die Philharmonischen Chöre Jena, Foxy-Chor Weimar, Chorissimo Jena, der Großschwabhausener Männerchor, der Jenaer Kneipenchor, die Jakob Singers Weimar und einige Einzelsänger.

Die Reisenden erhielten an den Bahnhöfen Erfurt und Jena zu ihren Tickets kostenfrei alte Radiogeräte mit Kopfhörern überreicht. Auf Frequenz 93,7 UKW konnten sie so unser Zugkonzert hören.

Die Bewohner Großschwabhausens waren ja unweigerlich beim Projekt dabei, hatten sich aktiv an den Vorbereitungen beteiligt und spazierten gestern auch mal neugierig mit oder ohne ihren gassiegehenden Hund an der 2,5 km langen Bühne vorbei.

Einige Bewohner der nahen Ortschaften hatten das Zugkonzert sogar bewusst in ihre Nachmittagsgestaltung eingebaut. Schön war es für uns zu sehen, dass die meisten Züge voll waren. Allerdings wurde im ersten vorbeifahrenden Zug unser Gesang von den nach Jena reisenden Fussballfans übertönt.

Optimal gelangen Konzerte für Züge, in denen nicht bereits gesungen wurde und die pünktlich waren. Denn schon wenige Sekunden zu schnell oder zu langsam fahrende Züge ließen das Zusammenspiel zwischen optischem und musikalischem Erleben für die Zuhörer leicht verrutschen:

 

 

FREUDE- Schönster Götterfunken- 93,7

stand an kleinen Wimpeln an all den alten Radios, die vorher gestetet oder repariert und auch für uns Mitwirkende im Cateringbereich aufgestellt worden waren, damit wir in den Pausen solch ein Konzert selbst anhören konnten. Was für ein organisatorischer und technischer Aufwand hinter diesem Projekt steckte, kann man nur erahnen. Es ist absolut begeisternd, was die beiden Akteure von Datenstrudel wieder einmal auf die Beine gestellt haben.

Ein toller Beitrag aus unserer Region im Beethovenjahr!  Und ein bisschen Werbung dazu. Nun bleibt die Resonanz der heutzutage „dank Internet“ ständig mediennutzenden Menschheit abzuwarten.

 

 

 

 

 

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