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6. Januar 2018
Jena

Männer standen im Schatten

Jenaer Sporthistorie - Leichtathletik

Wenn man in die Liste der internationalen Erfolge der Jenaer Leichtathletik schaut, dann dominieren hier vor allem die Läuferinnen, sieht man von den beiden Speerwerferinnen Ruth Fuchs und Petra Felke sowie der Weitspringerin Heike Drechsler mal ab.
Schon sehr frühzeitig, zwischen 1928 und 1939, konnten mit Elisabeth Österreich, Charlotte Freytag, Siegfriede Dempe und Luise Lockemann Sprinterinnen nationale und internationalen Erfolge erringen. Später waren es vor allem die Jenaer Frauen-4×100 Meter Staffeln, die dominant waren. So ist aus den Unterlagen von Annemarie Clausner belegt, dass sie allein im Jahre 1954 in unterschiedlicher Besetzung mit der Jenaer Staffel sechs Mal den DDR-Rekord über 4×100 Meter und vier Mal über 4×200 Meter verbesserte.
Weniger bekannt ist, dass es in Jena auch ganz gute Läufer gab, die allerdings international weniger in Erscheinung traten. Zu Unrecht wurden die Männer bei der Aufzählung erfolgreicher Leichtathleten vernachlässigt. 11 Männer und 16 Frauen mit „Olympiadeteilnahmen“ konnte der Sporthistoriker Dr. Jörg Lölke für die Zeit bis 2000 ermitteln. Von den Läufern ist der Europameister Klaus-Peter Justus über 1.500 Meter 1974 wohl der bekannteste. An einige Olympiade-Teilnehmer wie Rudolph Klupsch und Joachim Truppel wurde schon mal erinnert. Über andere, wie Dieter Hartmann (1964), ist bisher kaum etwas bekannt.
Die ersten Läufer aus Jena wurden 1910 in Ergebnislisten des Verbandsmeetings in der Leichtathletik genannt, wo beim Gau-Eilbotenlauf die Mannschaft W. Krauss, W. Graf (Carl Zeiss), Dr. Fröbel, Dr. Wächtler (SC Weimar) gewannen. Die beiden Jenaer waren auch namhafte Fußballer der damaligen Zeit. Im gleichen Jahr wurde bei den Gaumeisterschaften ein Franke über 100 Meter und 400 Meter jeweils Zweiter. Über 1500 Meter gewann Haack (beide Carl Zeiß Jena). Nach dem I. Weltkrieg zählt zu den besten Mittestrecklern Thüringens Ernst Heinemann vom 1. SV (früher Carl Zeiss), der sogar den ältesten Rennsteiglauf 1924, der von Schmiedefeld zum Schneekopf und zurückführte, über ca. 21 Kilometer als Zweiter beendete.
Anfang der 1950er Jahre finden sich Läufer wie Gerhard Brauch (Sprint), Heinz Niebergall und Paul Dern (Mittelstrecke) sowie Wolfgang Ittershagen (Langstrecke) in den Bestenlisten der DDR. Ein Name, Alfred Hartenstein, findet sich Mitte der 1950er Jahre auf dem ersten Platz der Bezirksbestenliste über 100 Meter mit 10,9 Sekunden. Sein Nachbar und „Schwimmbekannter“ Dr. Thomas Weiß, Lehrbeauftragter am Institut für Sportwissenschaft, gab den Tipp zu Alfred Hartenstein, der kürzlich seinen 90. Geburtstag feierte. Hartenstein wurde in Leipzig geboren. Der Vater, ein Feuerwehrmann, musste schon berufsbedingt körperlich fit sein, und trieb daher regelmäßig Sport, was sich auch auf den Sohn übertrug. Als Schüler wollte er aber wie viele Jungs damals Flieger werden. Er ging zur Flieger-Hitler-Jugend, kam Ende des Krieges noch in ein Ausbildungslager der Luftwaffe aber nicht mehr zum Einsatz. Zweieinhalb Jahre war er Kriegsgefangener in Frankreich, wo er auf einem Bauernhof arbeiten musste. Von dort floh er, schlug sich bis nach Zeulenroda durch, woher seine Mutter stammte. Sie war nach dem Tode ihres Mannes 1944 hierher gezogen. In Zeulenroda ging Hartenstein noch mal zur Schule und legte sein Abitur ab. In dieser Zeit kam er zur Leichtathletik bei der BSG Motor Zeulenroda. Auf Grund seiner hervorragenden Ergebnisse, vor allem über 100, 200 und 400 Meter aber auch im Weitsprung, wurde er von Sportlern, vermutlich Karl-Heinz Peml oder dem Trainer Arthur Linß, angesprochen, ob er nicht nach Jena kommen wolle. Der Wechsel zur BSG Motor Carl Zeiss Jena verlief komplikationslos. Nach kurzer Trainingszeit gehörte er mit Gerhard Brauch, Werner Fritzsch und Karl Seume zur Stammaufstellung der 4×100- und 4×200-Meter-Staffel. Mit Motor Jena ging es fast jedes Wochenende zu Wettkämpfen. An seine Starts bei den Weltfestspielen in Berlin, an die Rudolf Harbig Wettkämpfe in Dresden und vor allem an den Klubvergleichskampf im Rahmen der Deutschen Meisterschaften gegen den 1. FC Nürnberg kann sich Alfred Hartenstein noch gut erinnern. Hier lief er seine Bestzeit über 100 Meter, 10,9 Sekunden.
Eine Werbekampagne für ein Studium an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig veranlasste ihn, Jena zeitweilig zu verlassen. Als Leichtathletiktrainer für die Jugend bei der BSG Motor kam er 1956 zurück, wechselte dann aber in den Schuldienst, erst an die Berufsschule des Reichsbahnausbesserungswerks und dann an die Zeiss-Berufsschule, wo er bis 1990 vor allem als Sportlehrer tätig war. Nach Beendigung des Schuldienstes, wo er bis zuletzt sportlich fit, seinen Schülern in vielen Sportarten noch was vormachen konnte, blieb er bis heute sportlich aktiv. Bis zu einer schweren Krankheit vor ein paar Jahren schwamm er täglich bis zu 1000 Meter, auch wenn die Temperaturen im Ostbad nur bei 15 °Celsius lagen. Im Winter ging er aber in die Schwimmhalle Neulobeda. Heute ist er täglich mit dem Rad unterwegs, und seine Stammrunde ist 10 Kilometer lang.
Wäre er wie sein Sportfreund Paul Dern, der heute 92 Jahre alt wird, zum Sportlehrer-Studium in Jena geblieben, dann hätte er Harry Theml kennengelernt, der am Freitag 90 Jahre alt wird. Themel selber, ein guter Weitspringer, hatte in Jena Sport studiert und wurde 1953 als Leichtathletik-Trainer an der Uni eingestellt. Über verschiedene berufliche Stationen im Sport kam er dann nach Dresden, wo er noch heute lebt und vor allem ein gefragter Statistiker für das Hürdenlaufen geworden ist.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Fotoalbum von Alfred Hartenstein stammt dieses Foto, von seinem Lauf in Nürnberg. Hier wurde er Zweiter mit 10,9 Sekunden.

In: 
Thüringische Landeszeitung vom 3. Januar 2018 Nr. 569

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