Die Kabinenwählerin - meinanzeiger.de
21. September 2017
Jena

Die Kabinenwählerin

Heute Pflicht, früher verpönt

Knapp 1,8 Millionen Thüringer sind an diesem Wochenende wahlberechtigt. Mit ihrer Stimme entscheiden sie, wie sich der Bundestag für die nächsten Jahre zusammensetzen. Ob und wie jeder wählt, ist eine ganz persönliche Entscheidung. Vor mehr als 25 Jahren war das anders. Am 7. Mai 1989 fanden in der DDR Kommunalwahlen statt. Es sollten die letzten Wahlen eines Landes sein, das 17 Monate später nicht mehr existierte.

Für viele gelten diese Wahlen im Mai 1989 als Anfang vom Ende. So auch für Angelika Schön. Die heutige Schulpfarrerin hat die letzten DDR-Wahlen genau beobachtet. Wählen oder nicht wählen, die Frage sei damals sehr kontrovers in den verschiedenen oppositionellen Gruppen diskutiert worden. Mitmachen war für die einen die Anerkennung der Diktatur. Andere wollten mit einer Nein-Stimme statt dem erwarteten „Zettelfalten“ den Finger in die Wunde legen. „Es waren zwei Varianten als Reaktion auf das gleiche Problem“, urteilt Schön heute. Sie selbst ist zur Wahl gegangen, hat mit Nein gestimmt. Kein ganz einfaches Unterfangen.

Schon vorher habe man sich genau darüber informieren müssen, wie eine Nein-Stimme abzugeben ist. Alle Namen auf dem Stimmzettel mussten durchgestrichen werden. Ein Querstrich über den ganzen Wahlzettel allein reichte nicht. „Wir gaben auch den Rat, selbst Stift und Lineal zur Wahl mitzunehmen“, so Schön. In den Kabinen lagen meist harte Bleistifte aus. Die Schreibunterlage war weich, ein deutliches Durchstreichen deshalb schwer.

„Wer in die Wahlkabine ging, wurde als Kabinenwähler vermerkt“, berichtet Schön. Doch es schreckte immer weniger ab. „Vielen war klar geworden, dass das keine Wahl ist.“ 60 bis 100 Leute waren am 7. Mai 1989 in Weimar in 20 Wahllokalen unterwegs, um bei der offiziellen Stimmauszählung die Ergebnisse zu notieren: Neun Prozent Nein-Stimmen wurden festgestellt. Als offizielles Wahlergebnis wurden im „Neuen Deutschland“ für Weimar  hingegen nur 2,15 Prozenten Nein-Stimmen veröffentlicht.

Noch heute kann sich Angelika Schön über die offensichtliche Lüge erregen. Als Reaktion auf den Wahlbetrug veranstalteten Oppositionelle regelmäßige
Demonstrationen. „Immer am 7. eines Monats als Erinnerung an den 7. Mai“, so Schön. Schon im Herbst des gleichen Jahren zogen DDR-Bürge zu hunderttausenden auf die Straße und forderten Veränderungen. Das Ende ist bekannt.

„Klar müssen wir die Welt noch mehr zum Guten verändern“, stellt Angelika Schön mit Blick auf die Gegenwart  fest. „Unser heutiges Wahlsystem ist eines der demokratischsten, wenn man repräsentative Parlamente als sinnvoll betrachtet.“ Sie selbst wünscht sich künftig noch mehr direkte Bürgerbeteiligung; Beiräte berufener Bürger beispielsweise. Wählen geht sie trotzdem. Nur eine Wahl hat sie seither ausgelassen. „Aber das war Zufall. Ich hatte einen Zug verpasst.“   


Biografie Angelika Schön

+ Angelika Schön war Mitglied verschiedener oppositioneller Gruppen, wie dem Denstedter Friedenskreis und den Basisgruppen der Offenen Arbeit.
+ Nach einem Studium an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar war sie als Bauingenieurin tätig, arbeitete später in einem
katholischen Altersheim. Von 1989 bis 1996 studierte sie Theologie und ist
heute Schulpfarrerin.

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