Ein „Missing Link“ der Sportgeschichte gefunden - meinanzeiger.de
2. Februar 2018
Jena

Ein „Missing Link“ der Sportgeschichte gefunden

Jenaer Sporthistorie - Hochschulsport

Als Historiker, Chronist und Archivar freue ich mich immer über Funde, mit denen ein kleiner Beitrag zur Vervollständigung der Jenaer Sportgeschichte geleistet werden kann. Darunter sind auch einige ganz besonders wichtige, die man im übertragenen Sinne als ein Missing Link bezeichnen könnte. Urgeschichtsforscher und Anthropologen verwenden den Begriff Missing Link für fehlende Bindeglieder noch unentdeckter fossiler Übergangsformen zwischen entwicklungsgeschichtlichen Vor- und Nachfahren, mit denen eine Überlieferungslücke geschlossen werden kann, so bei Wikipedia zu lesen. So ein fehlendes Stück in Jenas Sportgeschichte war z. B. das Auffinden des Ergebnisses des ersten Fußballspiels des FC Carl Zeiss Jena im Jahre 1903. Bis dahin gab es zwar Unterlagen, dass es ein Fußballspiel gegeben habe, aber kein Ergebnis, was Kritiker auch zur Aussage verleiten konnte, dass das Spiel ja vielleicht garnicht stattgefunden hätte, bzw. nur ein Trainingsspiel gewesen sein könnte. Ein erster Fund in der Zeitung „Deutschland“ (TLZ Weimar), die bis dahin Niemand ausgewertet hatte, belegte, dass am 12. Juli 1903 neben einem Fußballspiel zwischen der I. Mannschaft des SC Weimar gegen den Erfurter SC auch ein Spiel der II. Mannschaft von Weimar gegen den FK Carl Zeiss Jena stattfand. Im letzten Satz des ca. 3000 Zeichen langen Artikels war dann das bisher fehlende Ergebnis zu finden: „Die zweite Mannschaft errang in Jena gegen einen dortigen Klub zu gleicher Zeit einen Sieg mit 4:2 Goals.“
Ein ähnliches Missing Link betraf den Vater der Jenaer Sportbewegung Hermann Peter. Von ihm wurde behauptet, dass er zu den Gründern mehrerer Jenaer Sportvereine, darunter des USV Jena, gehöre. Eher ein Zufallsfund, der bei der Suche im Weimarer Landesarchiv zutage kam, war ein persönliches Handschreiben von Hermann Peter, wo er am 25. März 1908 den „Hofmarschall“ wegen der Stiftung von Ehrenpreisen durch den Großherzog für das Internationale Tennisturnier in Weimar anschrieb und mit „Hermann Peter Lehrer am Gymnasium als Schriftführer des Tennis-Wettspielvereins“ unterschrieb. Dieser Tenniswettspielverein wurde später die noch heute existierende Abteilung Tennis des USV.
Jetzt konnte wieder ein Missing Link ausfindig gemacht werden. Diesmal betrifft es die Thüringer Wintersportgeschichte. Der Sporthistoriker Gerd Falkner beschreibt in der 2002 erschienenen „Chronik des Skisports in der Deutschen Demokratischen Republik“, dass vom 3. – 9. Februar 1947 Skihochschulmeisterschaften der sowjetischen Besatzungszone in Georgenthal mit Wettbewerben im Torlauf, Abfahrtslauf und Spezialsprunglauf stattgefunden hätten. Einen Beleg dafür blieb er schuldig. Zeitzeugen, die selber dort gestartet waren, berichteten glaubhaft, dass dies lediglich Meisterschaften der Jenaer Uni gewesen wären.
Anfang November vergangenen Jahres hatten wir in einem Beitrag zu Prof. Dr. Hans Gessner über dessen sportliche und berufliche Karriere berichtet. Daraufhin meldete sich sein Sohn Peter, der selber in Jena zeitweilig Sport studiert hatte und stellte dem USV-Archivar Fotos und Urkunden seines Vaters zur Verfügung. Darunter befanden sich fünf Urkunden von besagten Wintersportwettkämpfen in Georgenthal. Diese belegen, dass die Wettkämpfe sowohl Meisterschaften der Jenaer Uni als auch Vergleichskämpfe der Universitäten Jena, Berlin, Leipzig und Halle gewesen waren. Gessner siegte bei den Unimeisterschaften im Abfahrtslauf und wurde zweiter über 10km-Langlauf. Bei den Vergleichskämpfen siegte er ebenfalls im Abfahrtslauf und wurde Vierter im Langlauf. Beim Abfahrtslauf wurde übrigens Horst Baacke zweiter, der im vergangenen Jahr seinen 90. Geburtstag feiern konnte und der den USV noch heute als Fördermitglied unterstützt. Horst Baacke kommt aus Ruhla, wo die Familie Baacke bis in die Neuzeit Wintersportgeschichte geschrieben hat. Mit 17 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und kam an die Ostfront und in Polen in Gefangenschaft. 1946 konnte er in Eisenach sein Abitur ablegen und gehörte zu den ersten Studenten in Jena. Er begann 1946/47 erst mal mit dem Studium der Mathematik und Physik um sich anschließend noch bei Körpererziehung einzuschreiben. Danach ging er an die DHfK in Leipzig, wo er 1972 erfolgreich promovierte. Horst Baacke war in vielen Sportarten zu Hause, so im Geräteturnen, Skilauf, Handball, in der Leichtathletik und ab 1953 im Volleyball, was er in Jena bei Georg Buschner kennengelernt hatte. Als junger wissenschaftlicher Assistent an der DHfK wurde er in dieser junge Sportart tätig und Trainer der Oberligamannschaft-Volleyball beim Armee Sportklub (ASK). Ab 1971 war er einige Jahre Chefverbandstrainer der DDR-Volleyballer. Von 1979 bis zur Rente arbeitete er in der Abteilung Wissenschaft für die Sportspiele des DTSB. International war er ein gefragter Fachmann im Volleyball, der als Mitglied der FIVB Spielregelkommission und Begründer und Präsident der FIVB Trainerkommission erfolgreich wirkte. Er arbeitete an einer Vielzahl von Veröffentlichungen zum Thema Volleyball mit, so z. B. als Autor von „Mini Volleyball“ welches in fünf Sprachen übersetzt wurde. Er erhielt viele hohe Auszeichnungen, wovon der GutsMuths-Preis 1. Klasse, der Titel eines Verdienten Meister des Sports und die „Medaille du Merite“ der FIVB aus heutiger Sicht wohl die wertvollsten waren. Gesundheitlich etwas eingeschränkt versucht er sich wöchentlich in seiner Senioren-Fitness-Sportgruppe und zwei bis drei Mal auf dem Hometrainer fit zu halten.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Auf einen Foto von den Skiwettkämpfen, welches Horst Baacke zur Verfügung stellte, sieht man die Siegerehrung im Abfahrtslauf. Den Pokal hält Hans Gessner, rechts daneben Horst Baacke.


In: Thüringische Landeszeitung vom 31.1.2018 Nr. 573

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