Ein Turnier zu Ehren des Jenaer Fechtmeisters „Kreußler“ - meinanzeiger.de
5. Dezember 2019
Jena

Ein Turnier zu Ehren des Jenaer Fechtmeisters „Kreußler“

Aus der Geschichte des Jenaer Fechtsports

Im Zusammenhang mit der Restaurierung der kreußlerschen Grabmale auf dem Jenaer Johannisfriedhof, gab es eine interessante „Leserreaktion“: Durch ein Mitglied des Fördervereins Johannisfriedhof e. V. wurden wir auf Frau Karola Winkler aufmerksam gemacht, die berichtet hatte, dass sie Teilnehmerin an einem „Kreußler-Gedächtnis-Fechtturnier“ gewesen ist. Als „Beweis“ dafür legte sie ein Foto mit einer Fechtgruppe der BSG Carl Zeiss Jena, die vor einer Art „Werbewand“ für das Turnier stand, vor. Genauere Recherchen ergaben, dass tatsächlich 1959 im Kultursaal des Hauptpostamtes ein 1. Kreußler Gedächtnis-Fechtturnier im Degenfechten mit 55 Teilnehmern stattfand. Dieses wurde von der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor „Carl Zeiss“ Jena organisiert. In der Vorbereitung hatten die Veranstalter um Wolfgang Friedrich beim Senat der Universität Jena angefragt, ob er bereit wäre, einen Pokal zu stiften. Der Senat fragte bei dem gerade am Institut für Körpererziehung eingestellten Dr. Willi Schröder nach, der als ausgewiesener Sporthistoriker bekannt war, ob er dies befürworten könne. Schröder reichte ein positives Gutachten zu Kreußler und der Stiftung eines Kreußler-Pokals ein. Er verwies u. a. darauf, dass Friedrich-Ludwig Jahn in der Deutschen Turnkunst, Berlin 1816, S. 284 Kreußler als den berühmtesten Fechtmeister des 17. und 18. Jahrhunderts bezeichnet hätte: „Aber sie reichen alle nicht an Kreußler“, zitierte er. Schröder empfahl die Stiftung des Pokals. Der Pokal wurde dann vom persönlichen Referenten des Rektors für 50,- M in Auftrag gegeben. Die Widmung sollte lauten: „Anläßlich des Kreußler-Gedächtnis-Fechtens gestiftet von der Friedrich-Schiller-Universität 1959“. Pokalgewinner wurde Manfred Dobruns von der DHfK Leipzig. Recherchen eines direkten Nachfahren von Wilhelm Kreußler, Christian Kreußler der in Oßmannstedt lebt, nach dem Verbleib des Pokals ergaben, dass sich der inzwischen 80jährige Manfred Dobruns noch gut an den Pokalgewinn erinnern konnte. „Leider hat er ihn aufgrund mehrerer Umzüge nicht mehr. Ich werde forschen, wer ihn 1960 oder 1961 gewonnen hat, es ist eine Vase, ca. 25cm hoch gewesen“ schrieb Christian Kreußler an den Autor des Beitrags. Nach Meinung von Dobruns, hatte das Turnier noch mehrmals stattgefunden, was aber noch genauer untersucht werden muss.
Als Jenaer Teilnehmer wurden in einem Zeitungsbericht die Fechterinnen und Fechter Thiel, Jugel, Wachenschwanz, Busse und Herberg genannt, die aber alle in der Vorrunde ausschieden. Das Turnier hat mindestens bis 1963 existiert, da Karola Winkler, von welcher dieses Foto stammt, erst im Dezember 1962 hochschwanger nach Jena gezogen war.
Karola Winkler stammt aus Mühlhausen, wo sie als Schülerin das Fechten erlernte. Ihr Großvater hatte einen Steinmetzbetrieb gegründet, in dem auch ihr Vater und ihre Brüder arbeiteten. In ihrem Wunschberuf Goldschmiedin bekam sie keinen der limitierten Lehrstellen, weil die Goldschmiedemeister in Mühlhausen, wie viele Obermeister im Bezirk Erfurt jeweils seine Söhne und Töchter als Lehrlinge eingestellt hatten. Deshalb ging sie nach abgeschlossener Lehrzeit als Fachverkäuferin für Juwelierwaren in Mühlhausen als Mitarbeiterin in das Kunstgewerbegeschäft „Schatulle“ nach Erfurt. Als sie mit ihrem Mann aus beruflichen Gründen nach Jena verzog, schloss sie sich der Fechtergruppe der BSG Carl Zeiss Jena an, die damals vor allem in der „Grete Unrein Schule“ und im „Goldenen Engel“ trainierte.
Nach dem II. Weltkrieg waren alle Sportvereine von den alliierten Siegermächten auf Grund ihrer „Systemnähe“ zu den Nationalsozialisten verboten worden. Erst 1946 – 47 begann in kleinen Schritten die Wiederzulassung von Sportgruppen. Die Fechter mussten, wie andere wehrsportlich interprätierbare Sportarten, bis Anfang der 1950er Jahre warten, bis sie wieder ihren Übungsbetrieb aufnehmen konnten. Zu den Kuriosa in dieser Zeit, aus heutige Sicht, gehört sicher, dass in der Leichtathletik der Speerwurf unter strenger Beobachtung stand und Sportler, die mit einem Speer zu einem Wettkampf unterwegs waren, sich schon mal polizeiliche Kontrollen gefallen lassen mussten.
Die ersten Jenaer Fechtgruppen entstanden im Jahr 1950 bei der Gesellschaft für Sport- und Technik (GST). Spätestens seit 1951 ist eine Fechtergruppe bei der BSG Motor Carl Zeiss nachgewiesen. Als „Motor“ des Fechtsports muss man vor allem Reinhold Sevin nennen. Zu der Wiedergründung einer Fechtgruppe kann man in einer Chronik, die wohl Reinhold Sevin zusammengestellt hatte, lesen: „Mit dem im Jahre 1945 erfolgten Zusammenbruch des 3. Reiches und der dadurch bedingten Auflösung der Deutschen Turnerschaft und aller anderen Leibesübung treibenden Verbände, hörte auch unsere Fechtabteilung im „Turnverein Jena 1859” auf zu bestehen. Damit ging eine über 50 Jahre lang geleistete Tätigkeit voll stolzer Erfolge vieler für den Fechtsport begeisterter Männer und Frauen, im Dienste der Erziehung der Deutschen Jugend zu behenden und gesunden Menschen, innerhalb und außerhalb unserer Fechtabteilung zu Ende. Diese Erfolge werden sich auch in der neuen Organisation der BSG Motor Zeiss Jena, Sektion Fechten, in der unser Fechtbetrieb am 8.10.1951 neu aufgenommen wurde, fördernd auswirken.“
Sevin gehört wohl zu den wenigen Jenaer „Sportfunktionären“, die eine Kontinuität in der Sportart aus der Zeit von vor dem I. Weltkrieg bis in die „DDR-Zeit“ sichern konnten.
1894 gründeten sieben Universitätsangehörige bzw. Absolventen im Turnverein Jena 1859 eine eigenständige Fechter-Riege, die man als Keimzelle des heutigen Fechtsportclubs (FSC) Jena e. V. ansehen kann. Der Name Reinhold Sevin taucht um 1904 in den erhaltenen Sitzungsprotokollen des Jenaer Fechtclubs auf. Er besaß mit seinem Bruder ein kleines Geschäft, heute würde man es als Herrenausstatter bezeichnen, der auch Sportkleidung führte und am alten Eichplatz lag. Als 1905, zum 8. Kreisturnfest der Deutschen Turner (DT) der erste offizielle Fechtwettkampf in Thüringen organisiert wurde, taucht in den Siegerlisten mit Walter John erstmals ein Jenaer Fechter auf. Zwei Jahre später trafen sich Otto Bethmann aus Weißenfels, welches damals zum Turnkreis Thüringen gehörte, Walter John und Reinhold Sevin aus Jena und beschlossen, regelmäßig Kreisfechtwettkämpfe zu organisieren. Am 4. August 1907 fand dann das 1. Kreisfechten in Arnstadt mit 84 Fechtern aus 10 Thüringer Vereinen statt. Geleitet wurde es vom Jenaer Universitätsfechtmeister Christian Seemann-Kahne zusammen mit Reinhold Sevin. Daraus entstand dann 1909 die Thüringer Fechtervereinigung, die man als Vorläufer des Thüringer Fechtverbandes ansehen kann. Reinhold Sevin wurde Kreisfechtwart. Er blieb als Fechtwart bis 1945 in Thüringen einer der Hauptakteure im Fechtsport und leitete beim Jenaer Turnverein 1859 eine zahlen- und leistungsmäßig starke Fechtgruppe.
Nach einer Anzeige in der Zeitung „Das Volk“ feierte Sevins kleines Geschäft 1951 sein „50ig-jähriges“ jetzt allerdings als „Damen-Modewaren der Gebrüder Sevin“ bezeichnetes Jubiläum. Es wurden auch Neuanfertigungen und Reparaturen angeboten. Wie Zeitzeugen berichteten, konnte aber Sevin kaum davon leben. Letztmalig wurde er 1954 bei Auszeichnungsvorschlägen an die städtische Abteilung für Körperkultur und Sport genannt, wo er wohl anlässlich seines 80. Geburtstags, auf Grund seiner Verdienste in der Sektion Fechten der BSG Motor Zeiss ausgezeichnet werden sollte. „Er ist seit 1904 aktiver Turner und erarbeitete die Fechtregeln, die 1955 noch gültig waren,“ kann man in den Unterlagen im Stadtarchiv lesen. Auf dem Foto von Karola Winkler aus dem Jahre 1963 kann man im Hintergrund auf dem Tisch ein kleines Portraitfoto erkennen, welches als Reinhold Sevin identifiziert werden konnte. Ev. ist er zu dieser Zeit verstorben. Dann wäre er 88 Jahre alt geworden.
Sevins langjährige „Wirkung“ als „Regelspezialist“ wurde auch im „Westen“, in der BRD hoch geschätzt, weswegen er damals mit der höchsten Auszeichnung des Deutschen Fechterbundes, der „Goldhelm-Plakette“ ausgezeichnet wurde.
Karola Winkler beendete 1967, nach der Geburt ihrer zweiten Tochter, ihre Fechtsportlaufbahn.
Wie lange das „Kreußler-Gedächtnis-Fechtturnier existierte und warum es in den frühen 1960er Jahren nicht mehr organisiert wurde, ist nicht überliefert. Es könnte aber damit zusammenhängen, dass die besten Fechter in den Sportclub (SC) Motor Jena abgezogen wurden, was aber eine andere Geschichte ist.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Von Karola Winkler (zweite von links vorne) stammt dieses Foto, von der Mannschaft der BSG Motor Carl Zeiss beim IV. Kreußler-Gedächtnis-Fechtturnier 1963. Auf dem kleinen Foto auf dem Tisch kann man Reinhold Sevin erkennen.

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